Klartext: Barrierefreiheit? Pustekuchen!

Fulda aktuell-Redakteur Christopher Göbel hat die Feiertage mit einer Rollifahrerin verbracht, welche Erfahrungen gemacht hat, schildert er in seinem Klartext.

Barrierefreiheit ist ein Thema, mit dem ich mich bisher eigentlich nur dann beschäftigt habe, wenn ich an einem Artikel darüber geschrieben, an Aktionen wie der „Rolli-Challenge“ oder an einer Blindenführung der „Interessengemeinschaft barrierefreies Fulda“ (IGbFD) teilgenommen habe.

Nun aber bin ich direkt mit dieser Problematik konfrontiert worden. Über die Feiertage hatte ich Besuch einer Bekannten, die im Rollstuhl sitzt. Wenn ich von ihr gefragt wurde, ob hier oder dort Stufen zu überwinden seien, konnte ich auf Anhieb oft keine Antwort geben, weil ich mich damit vorher noch nie befasst hatte. Auch wenn ich die Cafés und Geschäfte schon hunderte Male betreten hatte. Ich musste viel umdenken. Wenn ein Ausflug geplant wurde, überlegte ich, ob der Zugang zum Ziel mit Rampen erreichbar war. Wenn es darum ging, von A nach B zu kommen, musste ich planen, wie das mit einem Elektro-Rollstuhl, der sehr schwer ist, zu bewerkstelligen sein könnte. Bei unseren Ausflügen nach Frankfurt oder Kassel bemerkte ich, dass das Bahnfahren nicht so einfach ist wie für Menschen, die ihre Beine benutzen können. Immer mussten wir im Nahverkehrszug die Rampe anfordern und im Rollstuhlbereich Menschen bitten, Platz zu machen.

In Fulda gibt es eine Ausstiegshilfe aus dem Zug. Zumindest auf Gleis 1. Im Zug nach Frankfurt, der tiefer liegt, weil er zweistöckig ist, ist der Ein- und Ausstieg für Rollifahrer nicht per Rampe möglich. Der Höhenunterschied zwischen Gleis und Zug macht den Hublift notwendig. Das Problem: Die Benutzung einer solchen Vorrichtung muss 24 Stunden vorher angemeldet werden. Da meine Bekannte dies von ICE und Fernzügen wusste, aber dachte, dass man das bei Nahverkehrszügen nicht bräuchte, hatte sie für die Fahrt nach Frankfurt nicht angemeldet. Zum Glück war eine andere Rollstuhlfahrerin angemeldet und der Hublift bereits zum Zug gebracht worden.

Die beiden Herren von der Bahn machten meine Bekannte im Fuldaer Bahnhof auf unfreundliche Art darauf aufmerksam, dass sie sie eigentlich nicht in den Zug lassen könnten, weil sie nicht angemeldet war. Das allein empfand ich schon als pure Frechheit, denn das Gerät war vorhanden und benutzungsbereit. Wir hatten daraus gelernt und im Frankfurter Hauptbahnhof direkt den Hublift für die Rückfahrt einige Stunden später angemeldet. In Fulda angekommen, war weit und breit kein Hublift zu sehen. Der Zugschaffner telefonierte dann mit jemandem vom Bahnhof, der mit Unmut und Hublift angetrottet kam. Er habe keine Benachrichtigung erhalten. Etwas verwunderlich, denn in Frankfurt beim Einstieg wusste das Zugpersonal, auf welche Person sie warten sollten.

Bei einem anderen Ausflug standen wir im Alsfelder Bahnhof blöd herum, denn dieser Bahnhof ist nur auf den ersten Blick nicht barrierefrei. Wir wuchteten mit der Hilfe anderer Mitfahrer den E-Rollstuhl die kompletten Treppen herauf, ehe uns oben angekommen ein Bahnangestellter darauf hinwies, dass wir rund 80 Meter weiter hätten fahren sollen, um dann die Gleise zu überqueren – nachdem wir uns versichert hatten, dass kein Zug kommen würde. Aber in der kurzen Umsteigezeit, die uns vom Überlandbus zur Bahn zur Verfügung stand, hätten wir diesen Umweg nicht bewältigen können.

Noch ein „nettes“ Erlebnis: Im Nahverkehrszug von Bad Hersfeld nach Kassel riefen wir per Taste den Fahrer, der die Rollstuhlrampe erst aus einem Kasten holen musste. Nachdem er schon mit miesmutiger Miene angeschlurft war, machte auch er noch eine blöde Bemerkung. Man merkte sehr deutlich, dass er keine Lust auf die Extra-Aufgabe hatte. „Das ist leider oft so“, meinte meine Bekannte. Aber es kann und darf nicht sein, dass Menschen mit Behinderung von anderen als Hindernis angesehen werden. Dennoch gibt es beim ÖPNV natürlich auch sehr nettes und zuvorkommendes Personal.

Mein Fazit: Wer eine Gehbehinderung hat oder auf einen Rollstuhl angewiesen ist, kann nicht nach Lust und Laune reisen, sondern muss sehr genau planen und leider auch damit rechnen, wegen seiner Behinderung blöd angemacht zu werden. Das ist nicht das, was ich mir unter Barrierefreiheit vorstelle. Ich habe nun wirklich diejenigen Geschäfte, Gastronomiebetriebe und Unternehmen schätzen gelernt, die nicht nur von Barrierefreiheit sprechen, sondern diese umsetzen. Und die auch denjenigen den Zugang zu ihren Räumlichkeiten ermöglichen, die bei (zu) vielen anderen noch ausgeschlossen sind. Und ich habe gelernt: Als Rollstuhlfahrer ist das Leben sehr viel anstrengender als für uns, die wir uns auf zwei Beinen bewegen dürfen.

Rubriklistenbild: © Pixabay/Pietschmann

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