Klartext: Finsteres Mittelalter hinter vatikanischen Mauern

Redakteur Christopher Göbel und die Nicht-Anerkennung des Frankfurter Jesuitenpaters Wucherpfennig als Hochschul-Dekan.

Seit ich in die Kirche gehe, hoffe ich, dass auch diese Institution mit der Zeit geht. Als evangelisch getaufter und konfirmierter Christ muss ich sagen, dass das in „meiner“ Kirche auch so ist. Die Pfarrerinnen und Pfarrer, denen ich bisher begegnet bin, haben sich seit meiner Jugend sehr verändert. Da fällt mir ein Pfarrer ein, dessen Predigten sehr, sehr lang(-atmig) waren. Sie waren zwar sehr fundiert und bibeltreu, aber auch sehr – wie man heute sagt – verkopft.

Die Predigten, die ich heute höre, greifen aktuelle Themen auf und setzen sie in Beziehung zur Bibel, bleiben aber lebendig und die Pfarrer setzen klare Statements, die ich zum größten Teil unterschreiben würde. Was mir da in Frankfurt zu Ohren kam, lässt mich leider wieder einmal an der Progressivität der anderen großen Konfession zweifeln. Pater Ansgar Wucherpfennig darf nicht mehr Dekan der Frankfurter Hochschule Sankt Georgen sein.

"Stärkere Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Liebenden"

Die römisch-katholische Kirche erteilt dem gewählten Priester die „Unbedenklichkeitserklärung“ nicht, weil er sich vor zwei Jahren nicht mit aller Gewalt gegen Homosexualität gestellt hat. Er, der in Frankfurt als Homosexuellen-Seelsorger wirkt, hatte unter anderem gesagt. dass es eine „stärkere kirchliche Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Liebenden“ geben müsse. Er sagte auch: „Wir können das nicht verantworten, dass wir Menschen, für die die Homosexualität zur Identität gehört, von der Kirche ausschließen. Wir sind keine Disziplinaranstalt.“

Vier Jahre ist Wucherpfennig Dekan der Jesuiten-Hochschule in der Mainmetropole. Was er sagte, hat den Kirchenfürsten in Rom nicht gefallen, denn seinen Posten ist der Jesuitenpater erst einmal los. Dabei wird er von Frankfurter Kirchenoberen unterstützt. Doch bisher stellt sich Rom quer. Man muss wahrlich nicht alles gutheißen, was Menschen heutzutage tun. Aber man – in diesem Fall die katholische Kirche – muss auch einsehen, dass die Zeiten sich verändern. Dass man – wie es so schön heißt – mit der Zeit gehen muss, um nicht mit der Zeit zu gehen.

Abtreibung gleich Auftragsmord?

Geschockt hat mich auch die aktuelle Aussage des Papstes, der Abtreibung mit Auftragsmord verglich. Sagte man nicht einst über Franziskus, er sei fortschrittlicher als die meisten seiner Vorgänger? Ich zweifle nicht zuletzt wegen dieser Aussage daran. Der verknöcherte Apparat im Vatikan hat eine Generalüberholung nötig.

Ich bin mir auch sicher, wenn Frauen mehr im Katholizismus zu sagen hätten, würde einiges anders laufen. Wie kann man eine Jungfrau verehren, aber allen ihren Geschlechtsgenossinnen höhere kirchliche Ämter verbieten? 

Wie kann man zulassen, dass tausende Jungen von Priestern missbraucht werden, aber Homosexualität verdammen? Die Bischofskonferenz hat in Fulda gerade sehr öffentlich diese Problematik besprochen. Ich hoffe, dass das nicht nur eine medienwirksame Kampagne war, sondern dass die Opfer tatsächlich sehen, dass etwas getan wird.

Widerruf im 21. Jahrhundert?!

Zurück zu Wucherpfennig: Aus Rom kam die Ansage, dass er seine Aussagen widerrufen solle, um sein Amt zurückzubekommen. Wo sind wir denn? Im Mittelalter bei Galileo Galilei? Auch da hatte die Kirche nicht recht – auch wenn sie das erst sehr viel später erkannte. Mir gefällt, dass Pater Wucherpfennig nichts widerrufen will. Er habe nichts zu widerrufen. Und genauso sehe ich es auch.

Wenn Gott alle Menschen liebt, dann liebt er alle Menschen. Alle Menschen sind mehr als sieben Milliarden auf der Welt – jeglicher Hautfarbe, Geschlechts, Herkunft und Neigungen. Wer in der katholischen Kirche Meinungen vertritt, die (angeblich) der Kirchenlehre widersprechen, der wird anscheinend auch heute noch zum Widerruf genötigt. Beschämend für eine Organisation, die als moralische Instanz gelten will. Und die heute darum kämpfen muss, dass die Gläubigen ihren Gotteshäusern nicht in Scharen den Rücken kehren.

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