Klartext: Die ganze Welt ist Bühne ...

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Bad Hersfelder Festspiele 2019: Der Prozess, Funny Girl, Shakespeare in Love, Hair, Emil und die Detektive

Redakteur Christopher und die zu Ende gehenden kulturellen Großveranstaltungen in Fulda und Bad Hersfeld.

Der Sommer ist für mich in Bad Hersfeld untrennbar mit Einem verbunden: Den Festspielen. Seit Jahrzehnten schaue ich mir Theaterstücke und Musicals an und bin jedes Jahr aufs Neue erstaunt, was die Theatermacher zaubern. Dieses Jahr gab es allerdings „Konkurrenz“ aus Fulda, denn mit „Bonifatius“ auf dem Domplatz hatte Osthessen ein zweites Highlight unter freiem Himmel zu bieten. Doch vergleichen kann (und sollte) man diese beiden Groß-Ereignisse nicht. Jedes für sich ist großartig, jedes für sich hat versierte Macher im Hintergrund und auf der Bühne.

Und wer denkt, dass es sich tatsächlich um Konkurrenzveranstaltungen gehandelt hätte, der dürfte falsch liegen. In Bad Hersfeld traf ich auf dem Weg zu den Festspielen den „Bonifatius“-Regisseur Stefan Huber und einige der Fuldaer Protagonisten, auf dem Domplatz war Festspiel-Intendant Joern Hinkel mit einigen Mimen aus der Festspielstadt zugegen. Man sieht: Theater ist Theater und für Menschen, die Theater machen, gibt es auf so engem Raum wie Fulda und Bad Hersfeld keine echte „Konkurrenz“. Alle, die in der Darstellenden Kunst tätig sind, wissen, wie viel Organisation, Proben und Arbeit hinter dem stecken, was der Zuschauer am Ende in zwei bis drei Stunden auf der Bühne erleben darf.

Großartige Leistungen

Ich ziehe meinen Hut vor all denen, die in Zeiten rückläufiger Kulturförderung immer noch Großartiges leisten. Joern Hinkel ist so ein Mensch, der die Bad Hersfelder Festspiele auf einem konstant hohen Level hält, Neues wagt und dabei einfach Mensch bleibt. Ich habe in diesem Jahr viele Schauspieler und Musicaldarsteller interviewt oder mit ihnen geplaudert. Unabhängig voneinander wurde Hinkel immer wieder gelobt. Er ist – so denke ich – auch kein „Chef wie viele andere“. Ich selbst habe ihn in Bad Hersfelder Theaterinszenierungen als Schauspieler für erkrankte Kollegen einspringen sehen, ich habe ihn bei einer Kafka-Lesung als Klavierbegleiter erlebt und ich habe mitbekommen, wie er mit den Ensemblemitgliedern umgeht. Was ich dabei bewundernswert finde: Trotz aller Freundlichkeit genießt er dennoch den Respekt, den er als Intendant erwarten darf.

Ob diese Tatsache bei seinem Amtsvorgänger Dieter Wedel auch auf Respekt beruhte oder andere Gründe hatte, kann und möchte ich an dieser Stelle nicht beurteilen. Grundsätzlich hielte ich es jedoch für keine gute Idee, ihn in naher Zukunft als Regisseur in der Festspielstadt zu engagieren. Unschuldsvermutung oder nicht – ehe die Affäre um Wedel nicht lückenlos (auf-)geklärt ist, wäre ein fader Beigeschmack die Folge.

Jubiläum in 2020

Dass die Bad Hersfelder Festspiele trotz aller Einsparungen im kulturellen Bereich immer noch Sponsoren und staatliche Unterstützung bekommen, ist nicht zuletzt den jeweiligen Intendanten zu verdanken. Auch, dass vor allem zur Eröffnung immer wieder Prominente aus Kultur, Politik und Wirtschaft zugegen sind, braucht Einsatz.

Genug des Lobes. Nein, eigentlich nicht. Die Spielzeit 2019 war nur von Erfolgen gezeichnet. Das Experiment, Franz Kafkas „Der Prozess“ auf die Bühne zu bringen, ist gelungen. Mit „Funny Girl“ ein eher unbekanntes Broadway-Musical in die Stiftsruine zu holen, ist gelungen. „Shakespeare in Love“ und „Hair“ zu wiederholen, ist gelungen. Und mit „Emil und die Detektive“ gab es ein vollständiges Musical für Familien, das vor Lebendigkeit und Spielfreude der jungen (und älteren) Darsteller nur so strotzte. Was will man mehr? Oder anders gefragt: Wie wird das im kommenden Jahr zu den 70. Bad Hersfelder Festspielen getoppt? Man darf gespannt sein.

Wehmut vor dem letzten Vorhang

Mit etwas Wehmut schaue ich diesem Sonntag entgegen, wenn sich mit der Abschluss-Gala „Finale furioso“ der (imaginäre) Festspielvorhang zum letzte Mal in diesem Jahr hebt. Festlich soll sie werden, die Abschlussgala mit Stars der diesjährigen Spielzeit. Musik und Lyrik sollen das Publikum ein letztes Mal in die Welt des Theaters mitnehmen. Am Sonntagabend, wenn nach der Gala die letzte Festspielfanfare über die Festspielstadt weht, die Theaterleute zu anderen Engagements reisen und die Stadt (bis zum Lullusfest) in den Dornröschenschlaf versinkt, werde auch ich ein Tränchen verdrücken müssen. Ich fühle mich als Journalist und Fotograf ein bisschen als Teil des Großen Spiels. Die Theaterleidenschaft lässt auch mich, der ich nicht aktiv künstlerisch tätig bin, nicht los.

Mit einem Zitat Franz Kafkas möchte ich mich von der Saison verabschieden: „Das Drama auf der Bühne ist erschöpfender als der Roman, weil wir alles sehn, wovon wir sonst nur lesen“. Recht hat er. Und was wir sehen durften, erschufen Menschen – auf, vor und hinter der Bühne. Chapeau!

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