Klartext: Kapitän über Bord

Über Jahrhunderte hat die "Gattung Mensch" fast alle Duelle gegen Naturgewalten wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Flutwellen oder Stürme let

Über Jahrhunderte hat die "Gattung Mensch" fast alle Duelle gegen Naturgewalten wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Flutwellen oder Stürme letzten Endes verloren. Um Personen- und Sachschäden bei Katastrophen möglichst gering zu halten, gibt es spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts umfangreiche, technische Hilfsmittel für den Verkehr auf Straße und Schiene sowie für die Luft- und Seefahrt. Was sich aber weder durch Funk (seit 1888), Sonar (seit 1915) und Radar (seit 1934) noch durch satellitengestützte "Global Positioning Systeme" (seit 1990) genau orten oder einschätzen lässt, ist die Selbstsucht, die Selbstüberschätzung und die Unzulänglichkeit des Individuums.

So reiht sich die tragische Havarie der technisch hochgerüsteten, fast 500 Millionen Euro teuren "Costa Concordia" vor Giglio in die endlos lange Liste an vermeidbaren Schiffsunglücken ein, die auf das viel zu oft entschuldigte "menschliche Versagen" zurückzuführen sind.

1912 sterben beim Untergang der "Titanic" 1.500 Passagiere, weil Verantwortliche den Nordatlantik in Weltrekordzeit überqueren möchten und trotz aller Warnungen die "Ideallinie" durch eine Eisberg-Zone nicht verlassen.

1956 kollidieren vor New England die "Stockholm" und die "Andrea Doria". Trotz dichter Nebelsuppe gab es keine Funksprüche zwischen den beiden Schiffen – 46 Menschen verlieren ihr Leben.

1987 ertrinken und erfrieren 193 Fährgäste beim Kentern des "Herald of Free Enterprise" vor Zeebrügge. Der für die Bugklappen-Schließung zuständige Matrose pennt tiefenentspannt in seiner Koje.

1994 verringert der unerfahrene Kapitän der "Estonia" trotz bekannter Probleme mit der vorderen Lade-Klappe seine Geschwindigkeit nicht. Seine Fehleinschätzung und sein Zögern fordern 852 Todesopfer.

In Eile setzt 2011 ein philippinischer Kapitän die "Rena" auf ein neuseeländisches Riff. Seine Priorität, durch eine "Abkürzung" rechtzeitig auf seine Geburtstagsfeier kommen zu wollen, verseucht die geschützte "Bay of Plenty" mit 2.000 Tonnen Schweröl, 3.500 Containern und einem durchgebrochenen Frachter-Wrack.

Francesco Schettino, der sich "Kapitän zu See" nennen darf, ändert aus persönlicher Befindlichkeit heraus die vorgeschriebene, von vier Navigationssystemen optimierte Seeroute und verlässt – einer Ratte gleich und ohne Evakuierungsmaßnahmen einzuleiten – das sinkende Schiff.

"Coast Guard" Gregorio de Falco befiehlt dem "Offizier" per Handy die Rückkehr auf das schwimmende Hotel und informiert über "Leichen". Der arrogante, überforderte, kaltblütige und ehrlose "Capitano" antwortet daraufhin nassforsch: "Wie viele?" Die Technologie und die Seefahrt haben sich in Jahrtausenden rapide weiter entwickelt. Diesem Tempo können einige Zeitgenossen moralisch überhaupt nicht standhalten.

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