Klartext: Kunst-Protest

Bertram Lenz
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Bertram Lenz

Bertram Lenz schreibt über die Aktion #allesdichtmachen, die bundesweit zu großen Diskussionen geführt hat.

Mit solch heftigem Gegenwind einerseits und zustimmendem Beifall von Rechts andererseits dürften die Schauspieler, die sich mit Hilfe der Videoaktion #allesdichtmachen heftig über die deutsche Coronapolitik echauffiert hatten, sicherlich nicht gerechnet haben.

Fakt ist, dass die von vielen als zynisch empfundene Aktion ein Eigentor gewesen ist – ein Schuss, der nach hinten los ging. Ob sich die Künstler, von denen sich einige kurz darauf sogar vom eigenen Mitwirken distanzierten, einen Dienst erwiesen haben, das sei dahin gestellt. Ob Jan Josef Liefers, Heike Makatsch oder Ulrich Tukur: Der Wunsch, Kritik an der mitunter sehr rätselhaften Situation zu üben, bei der sehr viele Menschen keinen Durchblick mehr haben, ist durchaus nachvollziehbar. Dennoch enthält diese Form des Humors, der sich durch hochgradigen und verächtlichen Zynismus auszeichnet, meiner Meinung nach nichts Konstruktives. Vielmehr stellt sie eher die Urheber in den Mittelpunkt, erzielt Aufmerksamkeit, provoziert.Das eigentliche Anliegen aber gerät ins Hintertreffen.

In Schutz aber muss man die Beteiligten gegen den Vorwurf nehmen, sie sollten sich aus solchen Diskussionen heraushalten, da sie jasowieso privilegiert seien. Im Gegenteil: Gerade Künstler erreichen dabk ihrer Popularität viele Menschen und sollten sich diesen Vorteil auch im Sinne der Gesellschaft zunutze machen und den Finger in die Wunde legen beziehungsweise auf Missstände aufmerksam machen.

Dass nun aber der Protest so heftig und unerwartet ausfällt, ist wiederum eine ganz übliche Reaktion. In unserer Demokratie müssen wir aushalten, was Satire darf . selbst wenn sie Grenzen überschreitet. Denn glücklicherweise leben wir in keiner Diktatur, in der irgendwelche Machthaber für sie unliebsame Kunst verbieten und die dafür verantwortlichen Menschen ins Gefängnis werfen oder sogar umbringen lassen.

Der Virologe Hendrik Streeck hat bei der ganzen Debatte einen anderen interessanten Ansazu entdeckt: Die Aktion der Schauspieler sei ein Alarmzeichen für den öffentlichen Diskurs. Denn die Politik schaffe es nicht mehr, die Bevölkerung angemessen für die Corona-Maßnahmen zu motivieren. „In meinen Augen hat die Politik es nicht geschafft, alle Menschen mitzunehmen“, sagte Streeck in einem Facebook-Video.

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