Klartext: Lehren aus der Vergangenheit ziehen

Redakteur Bertram Lenz schreibt über die Lehren, die Bürger aus der Vergangenheit ziehen sollte und warnt vor Protestwählen.

„Nur beim Abschied, als du gewisse Hoffnungen ausdrückst, dass die Menschen einander näher kommen und einander helfen, bitten sie dich nochmals um Streichhölzer. Ohne Zigaretten. Du sagst dir mit Recht, dass ein Brandstifter, ein wirklicher, besser ausgerüstet wäre, und gibst auch das, ein Heftlein mit gelben Streichhölzern, und am andern Morgen, siehe da, bist du verkohlt und kannst dich nicht einmal über deine Geschichte wundern.“ (Max Frisch [1911-1991]: Biedermann und die Brandstifter.

Eine Burleske. In: „Tagebuch 1946-1949“) Versehen mit dem Untertitel „Ein Lehrstück ohne Lehre“ wurde „Biedermann und die Brandstifter“ 1959 uraufgeführt. Am Beispiel des Bürgers Gottlieb Biedermann, der die Brandstifter in sein Haus einlädt, um von ihnen verschont zu werden, zeigt der Schweizer Schriftsteller Max Frisch präzise die Unfähigkeit des Menschen auf, sich anbahnende schicksalhafte Ereignisse durch mutiges Handeln zu verhindern. Geschichtlicher Hintergrund des Werks ist das aufziehende Unheil des Dritten Reichs in der Weimarer Republik. Jetzt mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Deutschen, die am Sonntag dazu aufgerufen sind, die Besetzung des Bundestages neu zu bestimmen, aus der Vergangenheit wenig gelernt haben. Denn alles deutet darauf hin, dass die AfD ins Parlament einziehen wird – und damit, wie es Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) vor kurzem formuliert hat – …„zum ersten Mal nach 1945 im Reichstag am Rednerpult echte Nazis stehen.“

Wenn die AfD-Vertreter künftig ihre Stimme erheben, werden die übrigen Abgeordneten genau zuhören müssen. Denn genau dies ist eine Fähigkeit, die die etablierten Parteien in den vergangenen Jahren zu einem großen Teil verlernt haben: den Menschen zuhören, um aus dem Gehörten Lehren zu ziehen. Erst dieses Verhalten hat im Volk das Gefühl verstärkt, nicht ernst genommen zu werden – und hat somit die AfD erst stark werden lassen. Insofern ist der Aufstieg dieser „Alternative für Deutschland“ auch eine Lehrstunde in Sachen politischen Versagens. Denn den Menschen ein „Wir schaffen das“ entgegen zu halten, ohne konkret Wege aufzuzeigen, wie Herausforderungen, darunter beispielsweise die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen, gemeistert werden können, ist zu wenig.

Das Ergebnis des Urnengangs wird das Gesicht der Republik verändern. Was nicht nur daran liegt, dass künftig voraussichtlich sieben Parteien im Bundestag vertreten sein werden. Ungewiss ist auch, wer mit wem eine Koalition bilden kann, wer mit wem will und wer nicht. Eine Neuauflage der so genannten „GroKo“ aus CDU/CSU und SPD wäre freilich eine denkbar schlechte Lösung. Wirtschaftlich hat diese Konstellation das Land zwar weit vorangebracht, gesellschafts- und sozialpolitisch aber für Stagnation gesorgt. Mitunter macht sogar das Schlagwort der „bleiernen Zeit“ die Runde. Zudem ist es nur schlecht vorstellbar, dass sich eine Große Koalition nach all den Wunden, die sich einzelne Akteure in den vergangenen Wochen verbal zugefügt haben, realisieren lässt. Sicher ist gegenwärtig nur eines: Von einer schwachen Wahlbeteiligung würden einzig die Rechtsaußen von der AfD profitieren.

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