Klartext: Nichts bleibt

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Ein Kommentar von Christopher Göbel zum Freispruch von Ex-Bundespräsident Christian Wulff im Korruptionsprozess.

Es war ein Novum in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte: Ein Strafprozess gegen einen Mann, der einmal das höchste Staatsamt innehatte. Der Ex-Bundespräsident Christian Wulff stand wegen "Vorteilsnahme" – anders ausgedrückt: Wegen Korruption – als Angeklagter vor Gericht. Zwei Jahre, nachdem Wulff über seine eigenen Füße aus Schloss Bellevue gestürzt ist, wurde er nun vor dem Landgericht Hannover freigesprochen. Das klingt erst einmal gut. Aber was steckt dahinter?

Dass es soweit kommen musste, ist allein Christian Wulffs Schuld. Oder die seiner engen Berater und Vertrauten. Denn dass die gut drei Monate nach Bekanntwerden der ersten – ich möchte es einmal vorsichtig – möglichen Verfehlungen nennen, bis zum Rücktritt vom höchsten Amt des Staates ein solch öffentliches Interesse fanden, liegt nur daran, dass Wulff und seine Vertrauten immer nur soweit zu den Fragen und Vorwürfen Stellung nahmen, wie es unbedingt nötig war. Anstatt von Anfang an klarzustellen, was war und was nicht, kamen nach und nach Dinge ans Licht, die das Vertrauen des Volkes in den höchsten Repräsentanten scheibchenweise bröckeln und zuletzt fast völlig schwinden ließen.

Seien wir ‘mal ehrlich: In diesem monatelangen Prozess, in dem teils prominente Zeugen von der Schauspielerin bis zum Hausmeister befragt wurden, ging es um 720 Euro für Hotel- und Bewirtungskosten während eines Oktoberfestbesuchs. Eine Summe, die so unbedeutend wäre wie der Prozess um einen kaputten Gartenzaun. Doch es ging um Christian Wulff, den Ex-Bundespräsidenten. Allein deshalb wurde der Prozess so aufgeblasen und medial so umfassend begleitet.

Abgesehen davon tut mir Wulff als Mensch leid. Was hat er von diesem Freispruch? Eigentlich nichts, außer dass er nicht ins Gefängnis muss. Rückkehr in die große Politik? Sicherlich nicht. Der, der einstmals Angela Merkel hätte gefährlich werden können, der unser Land in der ganzen Welt repräsentierte, der Hoffnungsträger seiner Partei war, hat das Vertrauen verloren. Und das zurückzugewinnen, wird nahezu unmöglich sein. Denn bei all dem, was im Volksgedächtnis an (Halb-)informationen hängen geblieben ist, wird ihm für immer nachhängen. Zusammen mit dem ebenfalls in die Binsen gegangenen Privatleben bleibt Wulff wohl nicht mehr viel außer einem Job als Anwalt irgendwo in der Provinz. Und seine Bundespräsidenten-Pension.

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