ZWISCHENRUF: Zum richtigen Zeitpunkt

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Redakteur Christopher Göbel schreibt über einen Jungen, der als Mädchen geboren wurde und mit 16 Jahren sein Outing gestartet hat.

Menschen, die ein anderes biologisches Geschlecht haben, als sie im Inneren fühlen, nennt man „transgender“. Ich kann es mir nicht vorstellen, wie es ist, im Kopf ein Mann zu sein, aber im Körper einer Frau zu stecken. Viele Jahrzehnte wurde dieses Denken als psychische Störung gekennzeichnet.

Auch heute noch stehen vor einer geschlechtsangleichenden Behandlung, beispielsweise mit Hormonen oder gar Operationen, lange Therapien mit Psychiatern und Psychotherapeuten auf dem Programm. All das wird auch noch auf Noah, über den ich im Artikel in dieser Ausgabe schreibe, zukommen. Doch das weiß er. Er hat sich selbstständig informiert, was alles daran hängt, wenn er nach 16 Jahren den Schritt wagt, sich als transgender zu outen.

Positive Reaktionen

Ich finde das sehr mutig, denn auch heute noch gelten solche Menschen oft als „exotisch“, „verwirrt“ oder gar „pervers“. Das ist zum Glück in Noahs Umfeld nicht so, was die vielen positiven Reaktionen zeigen. Was mir nicht klar ist, warum dieses Gefühl, im falschen Körper zu stecken, eine psychiatrisch oder psychologisch zu behandelnde Angelegenheit ist. Denn damit ist es letztendlich als „Krankheit“ klassifiziert. Zum Glück sind wir inzwischen so weit, dass nicht mehr versucht wird, das Denken des Betroffenen umzulenken beziehungsweise quasi per Gehirnwäsche „auf normal“ zu drehen. Eine solche „Therapie“ würde nämlich mit Sicherheit dazu führen, dass Transgender-Menschen dauerhafte psychische Probleme haben würden.

Dass auch seine gesamte Familie hinter Noah steht, dürfte dem Jugendlichen zusätzliche Kraft verleihen. Er hat den Entschluss, so erzählte er mir, schon lange gefasst, wusste aber nicht, wie er das umsetzen sollte. Denn die Angst vor den Reaktionen anderer war immer da. Dass er den Jahreswechsel genutzt hat, um seinen eigenen Befreiungsschlag zu starten, war sicherlich ein guter Zeitpunkt. Und mit fast 17 Jahren kann man auch nicht mehr sagen, dass es vielleicht eine „pubertäre Phase“ sei. Das wäre möglicherweise noch so gewesen, als Noah mit 14 Jahren seinen Eltern gegenüber zum ersten Mal den Wunsch, ein Junge zu sein, geäußert hat.

"Ich bleibe derselbe Mensch"

Ich freue mich für Noah, dass sein Outing allseits Akzeptanz findet. Egal ob im Freundeskreis, in den diversen Theatergruppen und Chören von Menschen aller Altersgruppen: Noah erhielt viel Zuspruch und Lob angesichts seines mutigen Outings. Sein Äußeres ist wie im Artikel erwähnt schon länger eher männlich. Und einige Reaktionen, so sagte er mir, seien gewesen: „Ich habe mir das schon länger gedacht.“ „Ich bin und bleibe ja trotzdem derselbe Mensch“, sagte er im Interview zu mir.

Es mag vor allem für die Familie eine große Umstellung sein, statt „sie“ nun „er“ zu sagen (und zu denken), aber auch daran werden sich die Menschen in Noahs Umfeld gewöhnen. Er hat den Entschluss gefasst und selbstbewusst und offensiv umgesetzt. Ich wünsche Noah, dass er mit seiner neuen Identität glücklicher werden kann, als er es zuvor war. Die Last der Anpassung und Verstellung hat er abgeworfen. Und einer seiner neuen Namen bedeutet ja „Der Glückliche“.

Lesen Sie auch den Artikel "Aus Marie wird Noah - Im falschen Körper geboren", auf den dieser ZWISCHENRUF Bezug nimmt.

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