Kommentar zu Hanau: In Schockstarre

Klartext zu Horror-Anschlag in Hanau.

Redakteur Christopher Göbel schreibt über seine Empfindungen zur rassistischen Horrortat in Hanau.

In dieser Woche erschütterte ein neuer Akt der Gewalt unsere Welt. Diesmal nicht in den USA, sondern ganz in unserer Nähe: in Hanau, von Fulda aus das Tor zum Rhein-Main-Gebiet. Ein Einzeltäter soll in zwei Shisha-Bars und in deren Umgebung neun Menschen erschossen und mehrere verletzt haben.

Der mutmaßliche Attentäter Tobias R. aus Hanau wurde später tot in seiner Wohnung gefunden worden sein, dort lang auch seine wahrscheinlich von ihm getötete Mutter. Rechtsextremistische Motive liegen laut Polizei nahe, denn R. veröffentlichte kurz vor der Tat ein Video, in dem er rechtsradikale Tendenzen äußerte. Zudem sei ein Bekennerschreiben aufgetaucht.

Zutiefst erschüttert

Es ist furchtbar, zu welchen Taten Menschen aufgrund wirrer Weltanschauungen fähig sind. Ich bin zutiefst erschüttert. Zehn Menschen sind tot. Menschen, die ihr Leben grundlos verloren, denen es von einem Verrückten genommen wurde. Es waren Menschen, die Verwandte und Freunde hatten, die nun um sie trauern müssen. Doch wie können solche unfassbaren rechtsextremistischen Taten verhindert werden? Ich fürchte, gar nicht. Das Recht und die Freiheit, seine Meinung öffentlich zu äußern, ist ein hohes Gut, das in unserer Verfassung festgeschrieben ist.

So lange niemand strafrechtlich relevante Dinge in sozialen Netzen oder auf Video-Plattformen verbreitet, wird er auch nicht belangt. Doch wo sollen Polizei und Staatsanwaltschaft beginnen? Bei jedem kruden Typen, der sich im Internet rechtsextremistisch äußert? Wenn ein potenzieller Attentäter seine verabscheuungswürdigen Pläne nicht vorher ankündigt, haben die Behörden es schwer, vorauszusehen, wann etwas passieren könnte. Das ist das Dilemma.

Um solche Taten zukünftig zu verhindern, bräuchte es einen Überwachungsstaat erster Güte. Das möchte auch niemand haben. Tobias R. ist tot und kann demnach auch nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Was wird nun aus den Angehörigen der Opfer, die niemals Gerechtigkeit für ihre Verluste erfahren können, da der mutmaßliche Täter tot ist? Manchmal bin ich froh darüber, dass wir in eher beschaulichen Städten leben. Aber der Gedanke, dass sich hinter mancher Wohnungstür in einem kleinen Dorf auch ein Mensch mit geistiger Verwirrung befinden könnte, der vielleicht sogar Waffen zur Verfügung hat, jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken.

Aber auch der „Menschenfresser von Rotenburg“ lebte in einem winzigen Dorf. Man sieht den Menschen nur bis vor die Stirn. Was dahinter vorgeht, bleibt im Geheimen. Und das Unbekannte führt leider manchmal zu solchen Ausbrüchen, die uns in Schockstarre versetzen. Aber ständig Angst zu haben, ist keine Lösung. Wir können alle nur hoffen, dass wir und diejenigen, die uns wichtig sind, niemals in eine ähnliche Situation wie am Mittwochabend in Hanau geraten.

Ich habe Verwandte, die in Hanau leben. Natürlich machte ich mir zunächst Sorgen, die zum Glück unbegründet waren. Mein tiefes Mitgefühl gilt denjenigen, die seit Mittwoch mit Trauer und Schmerz zu kämpfen haben – weil ein einziger Mensch so viele Leben genommen und so viel Leid verursacht hat.

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