Kommentar: Kampf um Gerechtigkeit

Fulda aktuell-Redaktionsleiter Bertram Lenz begleitet den Prozess um ein 16-jähriges Mädchen, das in Februar 2010 zu Tode gekommen ist.

Was ist Wahrheit? Und: Lohnt es sich vor Gericht um Gerechtigkeit zu kämpfen, auch wenn das fragliche Ereignis lange Zeit zurückliegt? Um diese Fragen dreht sich seit Dienstag im Kern der Prozess um den Tod einer 16 Jahre alten Schülerin im Februar 2010 am Bahnhof Neuhof.

Diese war unmittelbar vor der Einfahrt des Zuges in den Bahnhof auf einer vereisten Stelle im Bereich der Bahnsteigkante ausgerutscht und in das Gleisbett gestürzt, wo sie von dem einfahrenden Zug überrollt wurde und tödliche Verletzungen erlitt. Vier Männer sollen verantwortlich dafür sein, dass der Winterdienst an jenem Morgen nicht ordnungsgemäß durchgeführt wurde: der Geschäftsführer der damals mit der Ausführung beauftragten Gesellschaft, der zum Unfallzeitpunkt diensthabende Fahrdienstleiter und zwei leitende Bahnmitarbeiter. Dass es überhaupt zu dem Verfahren kommen konnte, ist der Hartnäckigkeit der Mutter zu verdanken, die sich auch vom Kräfte und Nerven zehrenden Gang durch die Instanzen nicht von ihrer Hoffnung abbringen ließ, dass ihrer Tochter Gerechtigkeit widerfahren könnte.

Denn lange Zeit hatte es so ausgesehen, dass das tragische Unglück zu den Akten gelegt würde. Doch auf jede Ablehnung, das Verfahren zu eröffnen, wurde mit einer Beschwerde geantwortet – bis das Oberlandesgericht Frankfurt letztendlich im Sinne der Mutter entschied. Es gebe nämlich „hinreichende Anhaltspunkte“ dafür, dass der Winterdienst am Bahnhof Neuhof nicht ordnungsgemäß durchgeführt worden sei. Den Anwälten der vier Angeklagten ist beizupflichten, dass es nach über neun Jahren problematisch werden wird, den Fall in Gänze aufzuklären. Denn viele der Zeugen werden sich entweder gar nicht oder nur bruchstückhaft erinnern. Doch dann ist es Aufgabe des Gerichts, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Beeindruckend für mich war in diesem Zusammenhang die Reaktion von Rudolf Karras, dem Rechtsbeistand der als Nebenklägerin auftretenden Mutter: „Es ist immer schwierig, die Wahrheit herauszufinden. Das hindert uns aber nicht daran, festzustellen, wie die Vorgänge und die Verantwortlichkeiten gewesen sind“. Der Fuldaer Anwalt zog einen Vergleich zu den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt, an deren Vorbereitung er beteiligt war: „Damals war noch mehr Zeit vergangen zwischen der Tat und dem Verfahren, die Erinnerungen waren verformt. Und dennoch hat das Gericht herausfinden können, was passiert ist.“

Will sagen: Wenn es um die Wahrheit und damit um Gerechtigkeit geht, sollte sich das Gericht auch unter den ungünstigsten Umständen nicht davon abhalten lassen, diese heraus zu finden.

Rubriklistenbild: © Duangphung/Lenz

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