Künstler in der Krise: Gespräch mit der Fuldaer Sopranistin Christina Rümann

Die Fuldaer Sopranistin Christina Rümann ist wie viele ihrer Kollegen von der Coronakrise betroffen, denn die Einnahmen freischaffender Künstler tendieren gegen Null.
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Die Fuldaer Sopranistin Christina Rümann ist wie viele ihrer Kollegen von der Coronakrise betroffen, denn die Einnahmen freischaffender Künstler tendieren gegen Null.

Wegen des Coronavirus fallen für freischaffende Künstler wie die Fuldaer Sopranistin Christina Rümann sämtliche Einnahmen weg.

Fulda - Christina Rümann ist Sopranistin aus Fulda und lebt mit ihrer Familie in Kalbach. Wie viele andere Kunstschaffende ist auch sie von der Coronakrise betroffen, denn Auftritte landauf und landab sind abgesagt worden. „Fulda aktuell“ sprach mit der Sängerin über Kunst in der Krise.

„Zunächst einmal muss ich dankbar sein, dass bisher niemand in meinem persönlichen Umfeld gesundheitlich durch die Corona-Krise betroffen ist“, so Rümann. „Für mich persönlich bedeuten diese Beschränkungen allerdings leider auch, dass ich zur Zeit überhaupt kein Einkommen habe. Als Künstlerin wurde ich von heute auf morgen komplett von meinem Publikum abgeschnitten“, sagt sie. Es bestehe ein großer Unterschied, ob man fest an einem Theater angestellt oder freiberuflich tätig sei. „Als Freiberufler wie ich es bin, wird man zwar für die einzelnen Vorstellungen besser bezahlt, allerdings trägt man auch das alleinige Risiko beim Ausfall einer Vorstellung – sei es durch Krankheit oder durch höhere Gewalt – und wird dann auch nicht entschädigt“, bedauert die Sängerin.

Auch Unterricht fällt aus

Zusätzlich zu ihrer Tätigkeit als Sängerin unterrichtet sie normalerweise auch. „Die Stimmbildung bei den ,Chören am Dom‘ ist aber komplett abgesagt, auch privates Unterrichten ist nicht erlaubt“, so Rümann. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht immer einfach ist, sich ohne Grund für regelmäßiges Üben zu motivieren. „Eine längere Pause beim Singen hat zur Folge, dass die gesamte Muskulatur auf Sparflamme läuft. Man braucht dann im Anschluss wieder eine längere Phase, in der sich die Muskulatur wieder an das Singen gewöhnt. Ich hoffe natürlich, dass meine Schülerinnen und Schüler in der Zwischenzeit schön fleißig sind, bis wir uns wiedersehen“, sagt die Sopranistin.

Bisher wurden drei ihrer Konzerte in den Herbst verschoben („Wobei man da noch nicht mit Sicherheit sagen kann, ob sie auch tatsächlich stattfinden werden“). Finanziell sehr viel einschneidender sind allerdings die Absagen von zwei kompletten Opernproduktionen – „Lanzelot“ am Theater Erfurt sowie eine Wiederaufnahme der „Zauberflöte“ am Theater Regensburg. „Außerdem darf ich nicht unterrichten. Insgesamt sind bisher schon zwei Drittel meines Jahresumsatzes komplett weggefallen.

Sehr selten gespielte Oper

Auf die Partie der „Elsa“ in „Lanzelot“ von Paul Dessau, die nur aus Zwölftonmusik in sehr extremer Lage besteht, hat Rümann die letzten fünf Monate äußerst gearbeitet. „Und nun sieht es so aus, dass es – auch in finanzieller Hinsicht – komplett umsonst war“, bedauert Rümann. „Da dieses zeitgenössische Werk so extrem selten aufgeführt wird, werde ich diese Oper wohl auch nie mehr singen.“ In der kommenden Woche soll sie bescheid bekomme, ob eventuell Vorstellungen in Weimar oder eine Ersatzproduktion in Erfurt stattfinden werden oder ob sie möglicherweise eine kleine Zahlung bekommt.

Durch das Wegbrechen sämtlicher Einnahmen haben Künstler derzeit kaum Möglichkeiten, den finanziellen Engpass alleine zu bewältigen. „Ich habe das Glück, dass ich mit einem Mann verheiratet bin, der sowieso schon seit vielen Jahren ausschließlich im Homeoffice tätig ist und daher ein sicheres Einkommen hat. Aber ich kenne auch Kollegen, bei denen beide Lebenspartner in künstlerischen Berufen tätig sind. Da ist es eine finanzielle Katastrophe“, sagt die Sängerin.

Laut Rümann gelten die Fördermittel, die der Bund und das Land Hessen bereitgestellt haben, grundsätzlich auch für freischaffende Künstler. Allerdings dient die Soforthilfe „ausschließlich zur Überbrückung betrieblicher Liquiditätsengpässe“ und dürfen damit nicht für den eigenen Lebensunterhalt verwendet werden. „Als freiberufliche Sängerin habe ich abgesehen von den üblichen Werbungskosten wie Büroartikeln, Noten und ähnlichem eigentlich keine Ausgaben, wenn ich nur zu Hause bin. Ich übe in meinem Wohnzimmer und Fahrt- und Übernachtungskosten entfallen“, so Rümann. Man werde auf die Grundsicherung, also ALG II, verwiesen. „Allerdings hat man auf die Grundsicherung nur Anspruch, sofern die Bedarfsgemeinschaft, in der man lebt, keine eigenen Mittel zur Sicherung des Lebensunterhaltes hat. Und damit bin ich als Ehefrau raus“, sagt Rümann. "Mein Steuerberater meinte, ich könnte doch zumindest laufende Kosten wie Versicherungen anteilig angeben und dann doch Soforthilfe beantragen", so Rümann.

Kreativität in der Krise gefragt

Als einzelner Sänger kann man während der Coronakrise keine Oper und kein Konzert singen. „Viele Kollegen unterrichten via ,Zoom‘, ,Skype‘ oder ähnliche Plattformen. Allerdings kann Online-Unterricht nicht den normalen persönlichen Kontakt ersetzen. Die technischen Bedingungen haben zur Folge, dass die Stimme verzerrt klingt, man kann nicht gleichzeitig eine Begleitung am Klavier spielen, oft gibt es auch Zeitverzögerung oder Aussetzer. Und selbstverständlich ist die klangliche Qualität nicht so gut, dass man auf Nuancen achten kann. Beim Gesangsunterricht spielt auch die Körperarbeit eine wichtige Rolle. Die kann man aus der Entfernung nur schwierig überprüfen. Natürlich kann man sich bei fortgeschrittenen Schülern auch über inhaltliche und interpretatorische Fragen unterhalten. Aber all das kann eine normale Gesangsstunde kaum ersetzen. Trotzdem werde ich jetzt auch mit dem Projekt ,Online-Unterricht‘ beginnen. Das wird mit Sicherheit spannend“, erzählt die Sopranistin.

Sie kenne auch Kollegen, die kleine Live-Konzerte über die sozialen Medien anbieten und hoffen, dass die Zuhörer dann spenden. „Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass das für den Lebensunterhalt reicht.“

Ideen während der Krise

„Ich überlege gerade, ob ich einen kleinen Ein-Frau-Chor aufmache und ein paar Frauenchöre aufnehme und diese dann über ,Facebook‘ veröffentliche. Das wäre natürlich eher zum Spaß, Geld verdienen kann man damit nicht. Eine andere Idee, die mir in den letzten Tagen gekommen ist, wäre Studieraufnahmen für Chöre aufzunehmen, die im Moment ja auch nicht proben dürfen. Man könnte die Einzelstimmen aufnehmen und die Sänger könnten damit oder in einem späteren Stadium nur mit der Begleitstimme üben“, so Rümann. Ihre momentane berufliche Situation biete immerhin die Möglichkeit, die Betreuung für Sohn Paul zu übernehmen. „In den drei Wochen vor den Osterferien habe ich in meiner Funktion als Klassenelternbeirätin die Organisation der schulischen Aufgaben übernommen. Da die verschiedenen Plattformen oft überlastet waren, war das eine Erleichterung für die Eltern, die selber noch voll berufstätig sind oder sich vielleicht bei mehreren Kindern auch noch auf mehreren Plattformen informieren mussten“, sagt Rümann.

Paul Rümann in seiner Rolle als „Emil“ bei den „Bad Hersflder Festspielen“ im vergangenen Jahr.

Auch der Sohn betroffen

Für Paul fallen in diesem Jahr sämtliche fest eingeplanten Freizeitaktivitäten aus. Eigentlich hätte er die gesamten Osterferien schon für „Emil und die Detektive“ bei den „Bad Hersfelder Festspielen“ geprobt. Bereits im vergangenen Jahr hatte er als „Emil“ auf der Festspielbühne gestanden. „Natürlich ist es schade für alle Beteiligten, die sich sehr auf diese Saison gefreut und auch viel Zeit und manchmal sogar Geld investiert haben, um das Publikum glücklich zu machen“, sagt Paul gegenüber „Fulda aktuell“. „Ich bin auch sehr traurig. Ich habe mich sehr auf meine Kollegen, die im letzten Sommer auch meine Freunde geworden sind, gefreut. Die wundervolle Musik, der Applaus und die Stimmung im Saal, wenn ,Gustinchen‘ mal wieder einen Witz gerissen hat, oder die Tränen in den Augen mancher Zuschauer nach meinem traurigen Solo. All das hat mir sehr viel Spaß gemacht und wird mir fehlen.“

Aber die Gesundheit gehe vor. „Wenn man sich zwischen einem Haufen Neuinfektionen, eventuell auch einigen Todesfällen und dafür einigen schönen Abenden in der Ruine und einer Absage der Festspiele, etwas weniger Geld, aber dafür vielen gesunden Menschen, die zuhause mit ihrer Familie Spaß haben und lachen und leben, entscheiden darf, sollte man ohne zu zögern die zweite Variante nehmen und zuhause bleiben.

Also wünsche ich mir, dass alle, die dort draußen nicht gebraucht werden, daheimbleiben und eine schöne Zeit mit ihrer Familie verbringen“, sagt der 13-jährige Jungschauspieler.

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