Landarzt-Fluch(t) - Mediziner trotzt dem Trend

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Bischofheim. Der 83-jährige Dr. Gottfreid Hagitte war schon im Ruhestand - jetzt praktiziert er wieder.

Bischofsheim an der Rhön. "Fernseh-Landärzte", wie die "Halbgötter in  Weiß" Rudolf Prack, Walter Plathe und Wayne Carpendale sind TV-Klassiker seit den frühen 1960ern bis in die heutigen Jahre.

Überträgt man die Fernsehserien aus der Lüneburger Heide und von der Ostseeküste in die heutige Rhöner Realität, dann stößt man zwangsläufig auf einen Protagonisten in Bischofsheim: Dr. Gottfried  Hagitte.  Der 83-jährige praktiziert seit mehr als 50 Jahren, ist mit Leib und Seele Mediziner, ein Landarzt, wie er im wahrsten und sprichwörtlichen Sinne im Buche steht, ein Mensch, der dem allgemeinen Trend der Landflucht trotzt, die – vor allem unter jüngeren Kolleginnen und Kollegen – auch vor der Ärzteschaft in der hessischen, bayerischen und thüringischen Rhön nicht Halt macht.

Inzwischen genießt Hagitte  bundesweiten Bekanntheitsgrad, dürfte er doch einer, wenn nicht sogar der älteste praktizierende Landarzt der Republik, zumindest aber in der Rhön sein. Zuletzt berichteten Funk und Fernsehen landesweit über den Allgemeinmediziner, die "Zeitung mit den vier Buchstaben " widmete ihm eine größere Story, von "Bild der Frau" wurde er sogar zum "Mensch der Woche" gekürt.

Doch alle Berichterstattung und Publicity haben bis dato nichts genutzt, verzweifelt sucht seine Praxisgemeinschaft in Bischofsheim nach einem Nachfolger für den agilen Senior.  "Ich warte jeden Tag auf Bewerbungen, dass jemand sich meldet, um bei uns neu einzusteigen. Aber bisher konnten wir keinen einzigen jungen Kollegen von den Schönheiten der Rhön und den Vorzügen eines Landarztes überzeugen – von einer Tätigkeit, die für mich zu einer lebenserfüllenden Aufgabe wurde", sagt Dr. Hagitte.

Dabei war der "rüstige Rentner" schon einmal 15 Jahre im  "Un-Ruhestand". Ein vom damaligen Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer veranlasstes Gesetz zwang ihn 1999 mit dem vollendeten 68. Lebensjahr sozusagen in die "Zwangspensionierung".

Gleichwohl hat er seine beiden Kollegen in der Gemeinschaftspraxis immer wieder und weiter unterstützend begleitet, etwa bei Urlauben und krankheitsbedingten Ausfällen ausgeholfen. Und so den Kontakt zu seinen Patienten  – älteren wie jüngeren – nie verloren. "Ich bin  am Ball geblieben, habe mich medizinisch weitergebildet und war immer up-to-date", sagt Hagitte.

Als 2011 der Kassensitz in der Bischofsheimer Gemeinschaftspraxis gehalten werden musste – ein Kollege war krankheitsbedingt ausgefallen, bei Nichtbesetzung wäre die Stelle "futsch gewesen"–  und da das Gesetz unterdessen ohne Altersbeschränkung neu geschrieben worden war, bewarb sich Dr. Hagitte 2011 erneut bei der "Kassenärztlichen Vereinigung" (KV). "Und ich verrate Ihnen kein Geheimnis: Ich habe mit 81 Jahren meine frühere Arztstelle wiederbekommen."

Seit 1963 ist Hagitte in Bischofsheim ansässig, bekannt bei Alt und Jung. "Meine Patienten habe mich gerne wiedergesehen, mancher Großvater sagte zu seinem Enkel: Du brauchst keine Angst vor dem Doktor zu haben, der hat mich schon als Kind behandelt. Das ist das Schönste, diese Verbindung über Generationen hinweg".

Jetzt ist der Doktor wieder tagtäglich in der Praxis, die Patienten danken es ihm mit großem Respekt und Vertrauen, die Stadt Bischofsheim mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde. Dennoch ist auch in der Rhön die "allgemeine Landflucht" nicht aufzuhalten – und die Ärzte machen da keine Ausnahme. Warum es viele Ärzte in die Stadt zieht? "Manche Kollegen bevorzugen eben geregeltere Arbeitszeiten und ein Mehr an Freizeit. Das ist bei einem Landarzt nicht unbedingt gegeben, der ist quasi rund um die Uhr zum Wohle seiner Patienten im Einsatz."

Dennoch wollte Dr. Gottfried Hagitte "von Anfang an nur Landarzt werden – wie mein Vater auch." Und die Hagittes gibt es mittlerweile auch schon in der dritten Doktoren-Generation: der Sohn praktiziert in Bad Brückenau: Sie erraten es schon: als Landarzt!

Zum Schluss hat der ewig junge 83-Jährige noch einige bezeichnende und aussagekräftige Zahlen parat: Im "Ärzte-Sprengel" Bad Neustadt/Bischofsheim an der Rhön" sind von 55 niedergelassenen Ärzten nur acht jünger als 50 Jahre. 28 haben das 60. Lebensjahr vollendet, vier sind sogar über 66 Jahre. "Die Landärzte sind eindeutig überaltert", so Dr. Hagittes Schlusswort.

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