Lehrstoff ohne Lehrkraft in der Corona-Krise

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Wie Unterricht während der Coronakrise zuhause ermöglicht wird - mit ZWISCHENRUF

Osthessen - Seit Montag sind die Schulen im ganzen Land wegen des Coronavirus geschlossen. Tausende Schülerinnen und Schüler müssen nun zunächst drei Wochen lang selbstständig und allein zuhause an dem Schulstoff arbeiten. Chiara ist in der siebten Klasse eines Gymnasiums, Felix in der elften Klasse einer Gymnasialen Obberstufe. „Fulda aktuell“ hat mit beiden gesprochen, wie sie die unterrichtsfreie Zeit gestalten und wie sie mit ihren Lehrkräften kommunizieren.

Özgür Kutluay aus Künzell, der Englischlehrer von Chiara, nutzt E-Mails, um seiner Klasse Aufgaben zu schicken. „Aktuell ist es so, dass alle Lehrkräfte ihren Unterricht von zu Hause aus vorbereiten. Das ist prinzipiell nichts Neues, nur die Darbietungsform ist eine völlig andere“, so Kutluay gegenüber „Fulda aktuell“. Er bereitet Wochenpläne für seine Schüler vor, in denen er Unterrichtsmaterial bis zu den Osterferien bereitstellt. „Dafür ist natürlich wichtig, dass sich die Inhalte aktuell auf Wiederholung und Vertiefung konzentrieren, da man nicht sagen kann ,Erarbeitet euch bitte das Thema XY im Buch auf den folgenden Seiten völlig eigenständig und wenn ihr wiederkommt, prüfe ich das nach.‘“

Neue Medien

Viele Lehrer nutzten unterschiedliche Wege wie E-Mail, Chat-Portale oder sogar Video-Streams, um sich ihren Schülern mitzuteilen. Er verschicke die Wochenpläne derzeit per E-Mail.

Um eine gewisse „Verbindlichkeit“ reinzubekommen, ist es laut Kutluay sinnvoll, mit Wochenplänen und etappenweise zu arbeiten, „um die Lernenden nicht mit einer riesigen Menge in einem großen Bündel an Stoff für mehrere Wochen zu erschlagen.“

Chiara besucht die siebte Gymnasialklasse einer Gesamtschule. „Wir haben Aufgaben bekommen. Ich setze mich jeden Tag hin und erledige das“, sagt sie. „In einigen Fächern haben wir aber noch gar nichts bekommen“, meint die Schülerin. Rund eine Stunde hat sie bisher pro Tag benötigt. Allerdings steht in der Zeit bis zu den Osterferien nicht nur Lernen auf dem Tagesprogramm. Da Freunde treffen aufgrund der Coronasituation nicht möglich ist, wird oft per „WhatsApp“ mit anderen Video-gechattet oder bei „Instagram“ „live gegangen“. So verliert sie den Kontakt zu den Freuden und Klassenkameraden nicht.

Am Montag hatten die osthessischen Schüler die Möglichkeit, ihre Schulbücher und Arbeitshefte in der Schule abzuholen und letzte Dinge mit ihren Lehrern zu klären. „Unsere Deutschlehrerin hatte an die Tafel geschrieben, welches Buch wir kaufen und durchlesen sollen“, so Chiara. Auch in Englisch steht für die unterrichtsfreien Wochen Lektüre an: „King Arthur“ hat ihr Klassenlehrer sich ausgesucht.

Digitale Lösungen

„Am Ende einer Woche stelle ich dann Lösungen zur Verfügung, um eine Selbstkontrolle zu ermöglichen. Ich hoffe natürlich auch auf das gewissenhafte Arbeiten der Schülerinnen und Schüler, ebenso wie auch die Mitarbeit der Eltern, die ab und an mal schauen, ob und wie ihre Kinder arbeiten. Das ist aktuell wohl wichtiger denn je“, sagt Kutluay.

Felix geht in die elfte Klasse einer gymnasialen Oberstufe. Mit ihm und der Tutorengruppe stehen die Lehrer per E-Mail und Internet in Verbindung. „Es gibt manche Dinge, die ich nicht verstehe. Ich muss dann per Smartphone entweder andere Schüler oder die jeweiligen Lehrkräfte fragen“, sagt er. Etwa zwei Stunden pro Tag nimmt sich der Gymnasiast derzeit täglich.

Vertiefende Inhalte

Bei Wiederaufnahme des Unterrichts werde eine Aufarbeitung des Erarbeiteten in gewisser Form nötig sein, wo man sicher schnell feststellen kann, wer gewissenhaft und gut gearbeitet hat und wer nicht. „Jedoch ist unsere Vorgabe und auch meine persönliche Auffassung, dass es nicht sein kann, dass wir in mehreren Wochen dann sagen ,So, ihr hattet Aufgaben, jetzt schreiben wir darüber einen Test, eine Arbeit oder ich frage jeden aufs Schärfste ab.‘ Die Situation sei nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Lehrkräfte völlig neu. „Daher denke ich, ist zum jetzigen Zeitpunkt ein Arbeiten mit vertiefenden Inhalten wichtiger, als Neues erarbeiten zu lassen.“

Nach dem jetzigen Stand ist der Unterricht lediglich bis zu den Osterferien ausgesetzt. „Wenn wir davon ausgehen, dass der Unterricht danach wieder aufgenommen werden kann, sollte relativ bald wieder Normalität einkehren“, so Kutluay. „Jedoch sollte man meiner Meinung nach Flexibilität zeigen, denn die Gesundheit aller und die Bewältigung dieser Ausnahme- situation hat Priorität, nicht Klassenarbeiten oder Tests.“ Man werde später im Einzelfall entscheiden müssen, was sinnvoll hinsichtlich Leistungsnachweisen bei Wiederaufnahme des Schulbetriebs nötig sei.

Wichtig ist auch die Kontaktmöglichkeit zwischen Lehrern, Schülern und Eltern. „Alle können mich jederzeit per E-Mail erreichen. Ich checke meinen Posteingang mehrmals täglich und antworte so schnell es geht“, sagt der Lehrer.

Dienstpflicht besteht

Auch in dieser Zeit besteht weiterhin die Dienstpflicht der Lehrerinnen und Lehrer. „Daher ist es keineswegs so, dass Lehrkräfte jetzt eine Art zweite Sommerferien oder Ähnliches haben, wie man es dieser Tage so oft hört“, erläutert Kutluay. Das Vorbereiten von Wochenplänen, vor allem in einer Weise, dass Lernende wirklich selbstständig von zu Hause aus arbeiten können, bedürfe einer intensiveren Vorbereitung als Unterricht, den man selbst leiten würde.

„Grundsätzlich versuche aber auch ich, mich an die offiziellen Vorgaben zu halten und minimiere meine sozialen Kontakte aufs Äußerste. Sonst wäre das Schließen der Schulen auch nicht nötig gewesen, wenn sich jetzt jeder in die Stadt in Cafés, Bars und Diskotheken oder Konzerte oder an andere Versammlungsorte begibt. „Es ist eine ungewisse und ungewohnte Situation, aber gemeinsam – nur eben mit körperlichem Abstand – wird auch das vorüber gehen“, zeigt sich Kutluay hoffnungsvoll.

ZWISCHENRUF von Christopher Göbel: Positive Effekte der Krise

Außergewöhnliche Maßnahmen erfordern außergewöhnliche Mittel. Das trifft gerade auf Vieles in unserem Leben zu, auch auf die Lehrkräfte und Schüler in Osthessen. Da die Schulpflicht bis nach den Osterferien ausgesetzt ist, müssen beide Seiten fünf – respektive drei, wenn man die Ferien herausrechnet – Wochen ohne einander auskommen. Und das ist für beide Parteien eine Herausforderung, die innerhalb kürzester Zeit Lösungen benötigte. Was ich so mitbekomme, haben die Lehrkräfte sehr schnell Möglichkeiten gefunden, auf technischem Wege per E-Mail, Videochat oder dem Internet an sich mit ihren Schülern in Verbindung zu bleiben.

Aufgaben ausdenken, die selbstständig von Fünft- bis Zwölftklässlern erledigt werden können, ist wahrscheinlich die größere Herausforderung. Aber an sich tun Lehrer das jeden Tag. Nur müssen sie es nun auf eine andere Art vermitteln. Wenn ich meine eigenen Kinder anschaue, dann funktioniert das auch ziemlich problemlos. Ich danke den Lehrkräften, die nun die Neuen Medien nutzen, um den Lehrstoff zu vermitteln.

Auch wenn derzeit keine Arbeiten und Tests geschrieben werden können, müssen die Lehrer – vor allem in den höheren Klassen – überprüfen, was ihre Schüler die Woche über geleistet haben. Dass für manche Aufgaben Fristen gesetzt werden, bis wann die Ergebnisse wieder auf digitalem Wege beim Lehrer landen müssen, trägt zur Lerndisziplin im heimischen Kinderzimmer bei.

Findige Lehrer

Der Fernunterricht wird hauptsächlich in den Hauptfächern geleistet, aber ein findiger Lehrer eines Nebenfachs hat ebenfalls einen Weg gefunden, seine Kenntnisse an Schüler weiterzugeben. Christoph Müller bietet Videokurse mit Grundlagen des Musikunterrichts an. Den Bericht darüber lesen Sie in dieser Ausgabe.

Vielleicht hat die ganze Situation auch etwas Positives, denn so wird die Verantwortung für das eigene Lernen bereits ab der fünften Klasse an die Schüler vermittelt. Ab der Oberstufe wird von jedem Schüler selbstständiges Arbeiten erwartet, wie es an den Hochschulen später gang und gäbe ist. Und nun sind schon unsere jüngeren Kinder gefragt, ohne ständige Anleitung zu lernen. Bei meiner Tochter klappte das in der ersten Woche ganz gut und sie setzte sich tatsächlich ohne Ermahnung hin, um das Pensum in Latein, Deutsch und anderen Fächern abzuarbeiten.

Natürlich gibt es auch diejenigen, die meinen, nun fünf Wochen Ferien zu haben. Hier sind dann die Eltern gefragt, sich um den Nachwuchs zu kümmern und sie an regelmäßiges Lernen zu erinnern. Allerdings sollte diese unterrichtsfreie Zeit aufgrund ihrer bisherigen Einzigartigkeit keinen Stress für unsere Kinder bedeuten. Ein gesundes Augenmaß zwischen Lernen und Freizeit ist bei uns Eltern angebracht.

Mittel gegen Langeweile

Da die Einschränkung sozialer Kontakte während der Coronakrise gewünscht und sinnvoll ist, könnte bei manchem Kind die Beschäftigung mit dem Lehrmaterial ein probates Mittel gegen Langeweile sein. Wenn unsere Kinder das selbstständige Arbeiten lernen (wie auch für mich das Arbeiten im Home-Office eine relativ neue Erfahrung ist), dann kann das doch nur positive Effekt auf „die Zeit danach“ haben.

Wir können der technischen Entwicklung dankbar sein, die uns erlaubt, beispielsweise per Videochat auch in Kontakt bleiben zu können, wenn die persönliche Nähe gerade nicht die erste Wahl ist. Dank sozialer Netzwerke und Chatprogrammen können wir zumindest das Gefühl haben und vermitteln, trotz räumlicher Trennung am Leben der anderen teilnehmen zu können beziehungsweise andere daran teilhaben zu lassen. Das ist besonders für unsere Kinder und ihre Freunde wichtig.

Insgesamt stellt uns das Virus vor Herausforderungen, die auch ihr Gutes haben können. Weniger Menschen auf der Straße bedeutet auch weniger Benzinverbrauch und damit weniger CO2-Ausstoß. Neben all den negativen Auswirkungen wie Wirtschaftseinbruch, möglichen Massenentlassungen oder Kurzarbeit, vorübergehenden Geschäftsschließungen und den Hamsterkäufen sollten wir irgendwie versuchen, alles zu tun, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen und daraus Lehren zu ziehen. Bleiben Sie gesund.

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