lokalo24.de-Interview zu Gleichberechtigung: „Kein Thema von gestern“

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Hessen. Birgit Hohmann und Patricia Hetzler von der Hochschule Fulda im lokalo24.de-Interview

Hessen. Laut der jüngsten Studie des Allensbach Institutes halten 64 Prozent der deutschen Männern die Gleichstellung zwischen Frau und Mann für erreicht.  28 Prozent der befragten Männer halten das Ausmaß der Geschlechter-Angleichung sogar für übertrieben. www.lokalo24.de befragte zwei Gender-Expertinnen der Hochschule Fulda, nämlich die 49-jährige Diplom-Soziologin Birgit Hohmann (Leitung Gleichstellungsbüro und Frauenbeauftragte) sowie die 27-jährige Geschlechterforscherin Patricia Hetzler (M.A., Projektmitarbeiterin im Gleichstellungsbüro der HS Fulda).

lokalo24.de: "Teilen Sie, Frau Hohmann, als Frauenbeauftragte an der Hochschule Fulda, die Auffasung der befragten Männer? Sind Frauen im Arbeitsleben an der Hochschule gleichberechtigt?"

Birgit Hohmann: Mit Blick auf den Lebensverlauf muss festgestellt werden, dass der Weg zu tatsächlicher Gleichstellung noch weit ist. Frauen erreichen heute bessere Bildungsabschlüsse, dennoch können sie ihren Bildungsvorsprung selten dauerhaft auf dem Arbeitsmarkt umsetzen. Frauen unterbrechen häufiger und länger ihre Erwerbstätigkeit aus familiären Gründen als Männer. Zu beobachten sind hohe Teilzeitquoten bei Frauen ab 35 Jahren gegenüber hohen Vollzeitquoten bei Männern. Der Anteil der beschäftigten Frauen im Haupterwerbsalter (25 bis 60 Jahre) ohne existenzsicherndes Einkommen lag 2010 bei 62 Prozent (Männer: 29 Prozent). Im Landkreis Fulda liegt der durchschnittliche Bruttoverdienst von Männern bei 16 Euro pro Stunde, der von Frauen bei 9 Euro pro Stunde. Das sind 44 Prozent weniger.

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist im Grundgesetz Artikel 3, Absatz 2, festgeschrieben. Ob sie tatsächlich gleichgestellt sind, ist eine andere Frage. Für die Hochschule Fulda lässt sich feststellen, dass der gesetzliche Auftrag zur tatsächlichen Umsetzung ernst genommen wird. Die Leistungen von Frauen werden honoriert: Im höheren und gehobenen Dienst sind mittlerweile mehr Frauen als Männer beschäftigt. Zwei Drittel der Führungskräfte in der Verwaltung sind weiblich. Der Anteil der Professorinnen ist doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt.

lokalo24.de: "Frau Hetzler, was sind für Sie die wichtigsten Punkte für eine Erreichung der Gleichstellung? Auf welchen Gebieten besteht noch Handlungsbedarf?"

Patricia Hetzler: "Gerade jungen Menschen wird heute suggeriert, dass Gleichstellung ein Thema von (vor)gestern sei.  Vor allem das Festhalten an traditionellen Rollen- und Familienbildern begrenzt eine gleichberechtigte Teilhabe beider Geschlechter am Erwerbsleben. Die weiterhin stark verbreitete Ungleichverteilung der Erwerbs- und Familienarbeit in den Familien und Partnerschaften schlägt sich dabei vornehmlich zu Ungunsten von Frauen (Erwerbsunterbrechungen, Teilzeitarbeitsverhältnisse, verminderte Einkommens- und Karrierechancen) nieder, die bis ins Rentenalter negativ nachwirken können. Somit besteht ein wichtiger Handlungsbedarf in Richtung Gleichstellung darin, gesellschaftlich notwendige Arbeit zwischen Männern und Frauen neu und gleichberechtigt zu verteilen.Dies kann aber nur durch die Entwicklung und Anerkennung neuer Leitbilder für beide Geschlechter erreicht werden."

lokalo24.de: "Frau Hohmann, befindet sich "der Mann" in einer Identitätskrise? Wenn ja, wie kann er diese überwinden? Welche Beratungsangebote gibt es für Männer an der Hochschule Fulda?"

Birgit Hohmann: "Werte wie Freiheit, Stärke, Selbstbewusstsein sind nicht mehr klassisch männlich besetzt. Traditionelle Einstellungen, die mit stereotypen Denk- und Verhaltensmustern einhergehen, werden unter Gleichstellungsaspekten in Frage gestellt. Ein neues Bewusstsein, insbesondere bei Frauen, hat sich etabliert. Eine möglicherweise hieraus abzuleitende "Identitätskrise des Mannes" könnte meiner Meinung nach dann überwunden werden, wenn klassische Rollenbilder aufgebrochen werden und Frauen und Männer ihre beruflichen und sozialen Kompetenzen gleichberechtigt sowohl in Familienarbeit als auch Erwerbsarbeit einbringen. Der Hochschule Fulda ist es wichtig, dass Männer mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie Frauen die Maßnahmen zur  Vereinbarkeit von Beruf und Familie nutzen. Anlaufstellen für Beratung – auch für Männer – sind das Personalmanagement, das Familienbüro und das Gleichstellungsbüro."

lokalo24.de: "Frau Hetzler, welchen Beitrag leistet die Hochschule Fulda zur Auflösung traditioneller Rollenvorstellungen und Lebensmodelle?

Patricia Hetzler: "Es geht der Hochschule Fulda nicht darum, ein bestimmtes Lebensmodell zu empfehlen, sondern individuelle Lebensentwürfe und Wahlmöglichkeiten jenseits der tradierten Rollenzuschreibungen zu fördern. Ein großes Thema ist dabei die Ermutigung junger Menschen, geschlechts-atypische Studiengänge zu ergreifen. Die Hochschule unterstützt die Studierenden mit einer geplanten Veranstaltungsreihe dabei, die eigene Lebensgestaltung durchdacht anzugehen und Auswirkungen von beruflichen und familiären Entscheidungen im Lebensverlauf zu betrachten. Aber auch die Wertschätzung und Förderung der Kompetenzen und Stärken jedes Individuums, losgelöst von Geschlecht, Herkunft oder Alter, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Chancengleichheit.

lokalo24.de: "Frau Hohmann, Frau Hetzler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch."

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