Was macht die Coronakrise mit uns Menschen? Psychologe gibt Antworten

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Joachim Enders

Wie bewältigen wir diese besondere Situation? Fragen an den Fuldaer Diplom-Psychologen, Coach und Supervisor Joachim Enders

Fulda - Die Coronakrise setzt sehr vielen Menschen auch psychisch zu. Gerade auch, wenn sie vielleicht in Quarantäne müssen. Wie geht man mit den Folgen der Pandemie um? „Fulda aktuell“ fragte den Fuldaer Diplom-Psychologen, Coach und Supervisor Joachim Enders.

Fulda aktuell: Kann die Corona-Krise auch als Chance aufgefasst werden – für den Einzelnen und die Gemeinschaft? 

Joachim Enders: Die Corona-Krise kann auch als eine Chance aufgefasst werden, indem Initiativen und Hilfsbemühungen entstehen aufgrund der sichtbar gewordenen Notlage oder Bedrohungssituation, in der sich alle befinden. Hierdurch können ansonsten alltägliche Konfliktlagen in eher unwesentlichen Zusammenhängen in den Hintergrund treten oder sogar überwunden werden, indem die erfahrene Solidarität oder das 'gemeinsame Schicksal' neue Gemeinsamkeiten sichtbar macht und spürbar werden lässt. Es können auch Menschen mit einem besonderen Schutzbedürfnis in den Blick geraten und es kann eine Chance sein, die eigene Bedürfnisbefriedigung hintan zu stellen und zu verzichten auf lieb gewordene Gewohnheiten. Für die Gemeinschaft ändert sich sicher der Blick auf diejenigen, die in der jetzigen Krise beruflich gefordert sind und an ihre Leistungsgrenzen gehen, Mediziner, Pflegekräfte in Krankenhäusern und Pflegeheimen, aber auch Verkäufer und Verkäuferinnen in den Märkten, die mehr arbeiten und einem höheren Risiko der Infektion ausgesetzt sind.

Durch die Krise rücken natürlich auch bislang überdeckte gesellschaftliche Missstände oder unzureichende Verhältnisse in den Blick. Während auf der einen Seite im Homeoffice gearbeitet werden und das bisherige Gehalt weiter bezogen werden kann, wird es auf der anderen Seite enger und kritischer bei Menschen, die als Arbeiter von der Kurzarbeit betroffen sind und nur 60 bis 70 Prozent ihres bisherigen Lohnes verdienen. Ebenfalls bedroht sind kleinere Unternehmen und Geschäfte (Cafés, Gaststätten, andere Geschäfte), die oftmals nicht über ein großes finanzielles Rücklagenpolster verfügen. Die persönlichen Kontakte werden durch den Entzug der unmittelbaren Begegnung gegebenenfalls in ihrer Wichtigkeit und Bedeutsamkeit nochmal verstärkt wahrgenommen und gewürdigt.

Indem das Selbstverständliche fehlt, verliert es die Selbstverständlichkeit und wird bedeutsam. Man kann es für einen Vorteil halten oder nicht, dass in der gegenwärtigen Lage die digitale Kommunikation in ihrer Bedeutung ebenfalls herausgerückt ist. Ohne Internetverbindung wären viele noch verbleibenden Kontakte nicht möglich und das Problem des Kontaktentzugs würde sich noch drastischer und zugespitzter stellen.

FA: Was bedeutet eine mögliche Isolation wie Quarantäne aus psychologischer Sicht?

Enders:  Trotz der möglichen digitalen Kontakte fehlt natürlich eine entscheidende Dimension: die reale "anfassbare" menschliche Begegnung, einmal abgesehen von der noch deutlicheren Isolation von Menschen, die nicht diese technischen Möglichkeiten haben. Selbst der Verzicht auf den Handschlag mindert schon die Begegnungsqualität, erst recht die fehlende gewohnte Umarmung. Auch hier zeigen sich ggf. wieder gesellschaftliche Unterschiede in der Entwicklung von Problemstellungen: wenn ich ein Eigenheim habe mit Garten und genügend Bewegungsfreiheit auch im Haus, habe ich eine andere Voraussetzung als jemand, der in einer 2- oder 3-Zimmerwohnung mit seiner Familie lebt und gegebenenfalls keinen Balkon hat.

Jedenfalls kann es durch das verdichtete Zusammenleben ohne klare Perspektive, wann die Lage wieder freier wird, auch zu einer deutlichen Zunahme und Zuspitzung von Beziehungskonflikten kommen. So ist beispielsweise das entlastende Aufsuchen der Stammkneipe oder des Stammcafés ebenso nicht möglich wie der Kontakt zum Sportverein oder andere Formen, sich aus dem Wege zu gehen. Es ist im normalen familiären Leben bedeutsam, dass jedes Mitglied über entlastende Ausweichmöglichkeiten verfügt, selbst wenn diese wiederum mit Arbeit verbunden sind und nicht per se angenehm.

So ist der Schulbesuch und das dabei mögliche Treffen mit Freunden durchaus auch von sozialer Bedeutung im Sinne einer Entlastung familiärer Dichte. Gerade in Zeiten der Pubertät ist die Peer-Group anderer Jugendlicher der wesentliche Bezugsrahmen und weit bedeutsamer als die Familie, die hier ja in dieser Zeit eher Raum für die typischen pubertären Konflikte ist, die nun in Quarantäne und Isolation heftiger werden können. Auch der Austausch in Gruppen von Müttern kleinerer Kinder stellt eine wichtige psychische Entlastung dar, die nun nicht mehr genutzt werden kann. Es verbleiben dann auch hier Belastungen.

Fehlender Austausch kann den innerpsychischen Druck erhöhen und auch das Potential für Entgleisungen oder gar psychische Erkrankungen. Natürlich spielen hier auch die vor der Isolation oder Quarantäne vorhandenen Belastungen eine große Rolle. Sie werden eher verstärkt und zugespitzt. Eine wieder andere Situation haben allein stehende Menschen, für die der Plausch beim Bäcker oder die Begegnungen auf der Straße von Bedeutung sind. Hier können sich dann verstärkt depressive Verfassungen entwickeln. Da es sich oft auch um ältere Menschen handelt, stehen ihnen technische Hilfsmittel zur Kontakterhaltung oft nicht ausreichend zur Verfügung.

FA: Der Mensch ist ein Herdentier. Wie reagieren wir auf die verordnete Kontaktsperre?

Enders:   Auf "Verordnungen" reagieren Menschen durchaus unterschiedlich. Es gibt fügsamere oder mehr revoltierende Charaktere, es gibt Menschen, die eher damit leben können, wenn Autoritäten etwas anordnen, was verhindernd und einschränkend ist. Hier kann die medial ja sehr gestützte und politisch geförderte Einsicht in die Notwendigkeit der Maßnahmen helfen und entlasten. Die Reaktionen auf die verordnete Kontaktsperre ergeben sich aus den unterschiedlichen persönlichen Voraussetzungen. Es gibt durchaus Menschen, denen eine verordnete 'Klausur' entgegenkommt und die dem Positives abgewinnen können. Das setzt voraus, dass man sich mit sich selbst und seinen Gegebenheiten ausreichend gut beschäftigen und sich selbst ausreichend gut aushalten kann. Es stehen ja auch über die Medien und Streamingdienste etc. an sich genügend Ablenkungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Entscheidend ist natürlich die Dauer des Ganzen und wichtig die Erfahrung, dass jede eventuelle Verlängerung zumindest ausreichend diskutiert wird und begründet erscheint. Hiobsbotschaften von bis zu zweijähriger Dauer der Problemstellungen erhöhen dann natürlich den Druck auf die vereinzelten Menschen. Druck kann einerseits durch Vernunft, Einsicht und Reflektion aufgefangen werden, aber hier sind die Möglichkeiten auch zeitlich und je nach persönlichen Voraussetzungen begrenzt.

Druck wird dann entweder durch mehr oder weniger offene Aggressivität abgebaut oder er verlagert sich in die eine oder andere psychosomatische Reaktion beziehungsweise er kann auch, wenn er nicht anders abgebaut werden kann, zu depressiven Reaktionen führen. Auf die zentrale Bedeutung anderer Menschen auch außerhalb der Familie bin ich schon eingegangen.

Der auf sich selbst zurückgeworfene Mensch kann nur in Ausnahmefällen länger gut existieren, einmal abgesehen von Menschen, die die Einsamkeit aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen suchen und die das in jedem Fall selbst gewählt haben sollten und über unterstützende Techniken hierzu verfügen, etwa über Formen der Meditation oder Gebetsrituale. Den meisten Menschen, die von der verordneten Kontaktsperre betroffen sind, fehlen oft die Voraussetzungen zur produktiven Gestaltung. Wer Glück hat, hat ein gut nutzbares Hobby entwickelt, das in Zeiten der Kontaktsperre gut im Haus, in der Wohnung und ohne den Kontakt zu anderen betrieben werden kann. Das kann sein Modellbau, Modellbahn, Literatur oder Werkstattarbeit, wofür man wieder die räumlichen und finanziellen Voraussetzungen braucht.

FA: Ist das „Hamstern“ psychologisch nachvollziehbar?

Enders:  Hamstern lässt sich sicher psychologisch verständlich machen, warum es hierzulange ausgerechnet Toilettenpapier als "zentrales Objekt der Begierde" sein muss, erforderte aufwändigere Deutungen, die hier nicht geleistet werden können.... ;-). Hamstern ist jedenfalls eine nachvollziehbare Reaktion auf drohenden Verlust von Versorgung und ein Bewältigungsversuch der im Hintergrund stehenden Ängste vor weitgehender Verletzung oder gar Vernichtung der bisherigen Lebensform, hier durch das Virus. Damit einher geht ein Verlust der Fähigkeit, an andere zu denken und anderen etwa übrig zu lassen, da das eigene Gefühl der Bedrohung einen "Lebensrettungsmodus" aktiviert, der natürlich sehr auf sich selbst und die eigene Familie bezogen ist.

Es handelt sich hier in der Regel um eine unbewusste Angst, die aber gerade deshalb starke Handlungsimpulse frei setzt. Aktiviert wird unteranderem eine frühkindliche, stark selbst bezogene Gier, die einhergehen kann mit aggressiven Impulsen, wenn etwa jemand im Wege steht. Der Rückfall auf kindliches Verhalten kann ein Angstbewältigungsmechanismus sein.

Durch die öffentliche, meist negative Bewertung, können sich Scham- und Schuldgefühle einstellen, beim Hamstern gesehen zu werden. Man möchte dann nicht, dass dieser Rückfall in kindliches Verhalten gesehen wird. Es gibt natürlich auch vergleichsweise realistische Ängste vor dem Verlust lieb gewordener Nahrungsmittel oder überhaupt die Angst, sich nichts Essbares mehr leisten zu können. Entscheidend ist hierbei auch die Unberechenbarkeit und das unklare Ausmaß des Entzugs von Versorgungsmöglichkeiten. Und ob man auf sich gestellt ist oder eine Familie zu versorgen hat oder ob man von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit bedroht ist.

FA: Wie werden wir uns NACH Corona verändert haben?

Enders:   Hier gibt es mehrere Möglichkeiten aus meiner Sicht:

- Entweder ist ein stärkerer Gemeinschaftssinn, ein stärkeres Gefühl für Solidarität und wechselseitige Abhängigkeit entstanden. Das bedeutete eine qualitative Verbesserung des Gemeinschaftssinns und des Verantwortungsgefühls. Beziehungen könnten trotz oder wegen der Trennungen und Entbehrungen verbessert sein, indem man stärker und empathischer aufeinander achtet und den anderen mehr wertschätzt. Insbesondere könnten wie oben erwähnt bestimmte Berufsgruppen eine stärkere Beachtung und Wertschätzung bekommen, die in der "Corona-Zeit" so tapfer und ausdauernd arbeiteten.

- Vielleicht, und das wäre auch eine positive Variante, würde es ein anderes Bewusstsein für die Klimafrage geben, indem deutlich würde, dass man nicht auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs sein muss oder sich ständig in Flugzeugen bewegen. Hier wäre Vorsicht statt Angst ein wichtiger Ratgeber, da viele berufene Menschen die jetzt in den Hintergrund gerückte Klimafrage als ein bedeutend größeres Problem einschätzen. In diesem Zusammenhang könnten dann auch allgemeine Maßnahmen und Regularien gefunden und diskutiert werden. Im Falle des Virus klappt das ja ganz gut.... Gleichzeitig gibt es Befürchtungen vor einem zu stark kontrollierenden und überwachenden Staat, sollten die Maßnahmen nicht begrenzt bleiben oder gar erweitert werden, beispielsweise  die Handy-Ortung.

- eine deutlich negative Entwicklungsvariante ist der von vielen vorhergesagte Verlust und Konkurs zahlreicher, auch gerade kleinerer Unternehmen (Cafés, Buchläden, Gaststätten, Blumenläden, Bekleidungsgeschäfte) oder auch größerer Firmen und die damit einhergehende Arbeitslosigkeit. Ebenfalls problematisch in dieser Zeit ist gerade für eher prekärere Lebensverhältnisse der Verlust von benötigtem Verdienst unter anderem bei Kurzarbeit. Nach Corona könnten auch entgegen der Hoffnung auf verstärkten Zusammenhalt Auseinandersetzungen um die verbleibenden Ressourcen und Arbeitsplätze beginnen, "Verteilungskämpfe", wenn man das Wort mal nutzen will.

- Es wird eine ganze Zeit dauern, bis das Leben in zahlreichen auf "Stand-By" gesetzten Belangen wieder in alte Rhythmen und Abläufe kommt. Alleine die abgesagten und verschobenen Sportwettkämpfe müssen  Raum und Zeit finden. Hier werden sich auch gegebenenfalls Konflikte und Konkurrenzen im Wettbewerb um freie Zeiten etc. ergeben, beispielsweise für die Olympischen Spiele, die ja verschoben wurden. Jedenfalls wird (endlich) ein Bewusstsein dafür entstanden sein, dass kein Nationalstaat heutige Probleme alleine lösen kann, sondern nur in Zusammenarbeit und Austausch von Kenntnissen, Erfahrungen und wissenschaftlichem Know-How oder auch konkret von Ärzten und Krankenschwestern oder von notwendigem technischem Gerät zur Hilfe, wie mehrmals schon am Beispiel Corona gesehen.

Denkbar wäre auch, dass dem Beispiel vermögender Menschen zur finanziellen Unterstützung von Projekten und Initiativen andere folgen, dass also die Teilung gesellschaftlicher Ressourcen statt die 'hamsternde' Inbesitznahme Schule macht. Und vielleicht folgt ja aus einer möglichen Misere der Entwicklung doch ein unbedingtes Grundeinkommen für alle.... Dieser Ausblick mag allerdings zu blauäugig, aber doch hoffnungsvoll sein.

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