Aus Marie wird Noah - Im falschen Körper geboren: Ein Jugendlicher erzählt

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Laut der „Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität“ leben derzeit rund 270 Jugendliche in Deutschland, die gefühlt ein anderes Geschlecht haben als ihr Körper. Ein 16 Jahre alter Junge aus Osthessen ist einer davon. Mit 14 Jahren (Foto links) war er noch Marie, heute ist er Noah.

Noah aus Osthessen war bis vor kurzem Marie. Mit 16 Jahren hat sich der Teenager geoutet.

Osthessen - 16 Jahre lang lebte Marie* als Mädchen. Mit allem, was dazu gehört. Viele Freundinnen, teilweise lange Haare, ein schickes Kleid zur Konfirmation. „Aber innerlich wusste ich, dass das nicht alles so ist, wie es scheint und wie ich es mir selbst jahrelang eingeredet habe“, sagt Noah im Gespräch mit „Fulda aktuell“. Denn Marie fühlte sich als Junge im Mädchenkörper.

Mit 14 Jahren sprach sie erstmals mit ihren Eltern darüber. „Ich dachte, das wäre eine pubertäre Phase“, erzählt Mutter Eva*. „Dass er direkt nach der Konfirmation die langen Haare abschnitt und mit einer Jungenfrisur herumlief, ist uns allen schon aufgefallen.“ Auch türkise Haare und Side- oder Undercuts trug Marie durchgehend seit ihrem 14. Lebensjahr.

Mit 15 eröffnete sie ihrer Familie, dass sie lesbisch sei. Seit einigen Monaten hat sie auch eine gleichaltrige feste Freundin. „Das alles war und ist noch irgendwie ungewohnt. Man denkt immer, so etwas passiert nur in anderen Familien“, so die Mutter. Sie hat kein Problem mit ihrem Sohn, der sich jetzt Noah nennt. „Es fällt mir nur schwer, mich nach 16 Jahren Marie an Noah zu gewöhnen“, gibt sie zu.

„Ich habe zuerst mit meinen engsten Freundinnen gesprochen. Ich wusste erstmal nicht, wie ich überhaupt damit umgehen sollte und wie ich den Leuten um mich herum mitteilen sollte, dass ich kein Mädchen mehr sein will und kann“, sagt Noah.

Das Outing

Zum Jahreswechsel 2019/2020 hat Noah dann den Schritt gewagt und sein Outing begonnen. „Zunächst habe ich meine Freunde gebeten, mich ab sofort Noah zu nennen“, sagt der 16-Jährige.

Der nächste Schritt sei gewesen, ihre Mutter und ihren Stiefvater sowie ihre Geschwister einzubinden. „Ich habe meine Eltern gefragt, ob sie sich daran erinnern können, was ich ihnen vor eineinhalb Jahren schonmal gesagt hatte. Mein Stiefvater erinnerte sich gleich: ,Dass du ein Junge sein möchtest?‘“, erzählt Noah. „Wir hatten kein Problem damit, denn wir sind in der Beziehung sehr offen und wollen unsere Kinder immer und bei allem unterstützen“, so Stiefvater Peter*. „Dass es Noah ernst ist, haben wir bemerkt, als er uns davon erzählte, welche Dinge er schon zum Thema recherchiert hatte.“ Auch Noahs leiblicher Vater reagierte gelassen: „Das habe ich mir schon gedacht“, sagte er zu Noahs Mutter. Auch die Großeltern wünschten Noah alles gute auf dem Weg, den er nun gehen will.

Ergänzungsausweis

Der nächste Schritt war dann, einen sogenannten Ergänzungsausweis zu beantragen. Dieser wird von der „Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität“ (dgti) ausgestellt. „Bei Trans-Personen stimmen die Personalpapiere meist nicht mit der eigenen geschlechtlichen Verortung überein, solange die Namen- und/oder Personenstandsänderung noch nicht erreicht ist. Ähnlich kann dies auch beim äußeren Erscheinungsbild der Fall sein, das von Außenstehenden oft falsch gedeutet wird. Das führt sehr häufig zu unangenehmen, belastenden und erniedrigenden Fragen oder sogar gefährlichen Situationen“, heißt es auf der „dgti“-Website. „Wir haben einen Weg gefunden, diesem Zustand zum Teil Abhilfe zu schaffen. Der ,dgti‘-Ergänzungsausweis enthält alle selbstgewählten personenbezogenen Daten, sowie ein aktuelles Passfoto, so dass keine Diskrepanz zwischen den Papieren und der Person bestehen bleibt“, so die „dgti“. Der Ergänzungsausweis sei „die einzige standardisierte Form eines Ausweispapiers, das der besonderen Situation betroffener Menschen Rechnung trägt und dabei versucht, keine Segregation innerhalb von Trans*verordnungen vorzunehmen“.

„Wir haben neue Passbilder gemacht und den Antrag online ausgefüllt. Das kostet knapp 20 Euro und in ein paar Wochen bekomme ich den Ausweis“, freut sich Noah, der sich seine beiden neuen Namen selbst ausgesucht hat. „Noah, weil es ein biblischer Name ist, und Felix, weil es ,der Glückliche‘ heißt.“ Der Ergänzungsausweis mache es auch seiner Schule leichter, seine Namensänderung zu bearbeiten, meint Noah.

Er besucht derzeit die elfte Klasse einer Gymnasialen Oberstufe in Osthessen. „Wegen der Schule habe ich zuerst mit der Vertrauenslehrerin gesprochen, um zu erfahren, wie ich das auf schulischer Seite am besten alles regeln kann“, erzählt der 16-Jährige.

Kulturell interessiert

Noah ist vor allem kulturell interessiert, spielt Theater und singt in mehreren Chören. „Ich wusste nicht, ob ich das durchstehen würde, es allen zu sagen“, so Noah. Sein Stiefvater hat in seinem Namen einen Text verfasst, den Noah den Verantwortlichen, Freunden, Bekannten und auch Teilen seiner Familie geschickt hat. „Ich habe festgestellt, dass ich mir vollkommen unnötig monatelang den Kopf zerbrochen habe“, sagt er. Nahezu alle Rückmeldungen seien positiv gewesen. Zuspruch, die Zusage von Unterstützung und das bewundern seines Mutes seien Reaktionen aus seinem Umfeld gewesen. „Ich habe mich auch in den sozialen Netzwerken umbenannt. Manche haben es darüber dann erst erfahren“, sagt Noah.

Noah, damals noch Marie, wuchs mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder auf. Später kam eine jüngere Stiefschwester hinzu. Schon im zarten Kindesalter wurde Marie oft für einen Jungen gehalten. Das änderte sich erst ab etwa zwölf Jahren, als sie ihre Haare länger wachsen ließ. Mit ihren Eltern hatte sie damals schon abgemacht, die Haare am Tag nach der Konfirmation kurz schneiden zu lassen. Das tat sie auch und seitdem wurde sie immer wieder als „junger Mann“ bezeichnet. „Das hat mich gar nicht so sehr gestört“, sagt Noah.

Sprechstunde für Betroffene in Frankfurt

Was alles noch daran hängt, wenn man in Deutschland sein Geschlecht ändern möchte, hat Noah im Internet recherchiert. Für Hessen gibt es bei der „Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendgynäkologie“ die richtigen Ansprechpartner. In der Frankfurter Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters wurde 1987 eine Spezialsprechstunde für Kinder und Jugendliche mit Störungen in der Geschlechtsidentität (GIS) eingerichtet. Dort wird die Mutter von Noah jetzt einen Termin vereinbaren. Auch die Eltern werden dort eng mit einbezogen, denn für Störungen der Geschlechtsidentität gibt es Anzeichen, die schon im frühesten Kindesalter zu beobachten sind.

Noah denkt derzeit daran, nach den psychotherapeuthischen Gesprächen eine Hormonbehandlung zu beginnen. Zunächst kaufte er sich einen „Binder“, um seinen weiblichen Oberkörper zu kaschieren. „Das ist zwar ein ungewohntes Gefühl, aber es macht das, was ich mir davon erhofft hatte“. Insgesamt gesehen ist Noah zufrieden damit, sich geoutet zu haben. Er freut sich auch über die positiven Reaktionen aus dem Freundes- und Familienkreis. „Ich wäre als Mädchen beziehungsweise als Frau nicht glücklich geworden“, ist Noah überzeugt. Ob er später tatsächlich eine operative Geschlechtsangleichung machen lassen möchte, weiß der 16-jährige noch nicht. „Das wird die Zeit zeigen“, sagt er. *Namen von der Redaktion geändert

Hintergrund: Der Brust-Binder

Um die weibliche Brust zu kaschieren, gibt es sogenannte Binder. Diese haben meist die Form eines Tops. Es gibt Binder in verschiedenen Größe. Wichtig sollte sein, dass der Binder passt und nicht quetscht. An erster Stelle sollte die Gesundheit stehen, denn teilweise verursachen Binder Schmerzen und können manchmal Geschwulste begünstigen. Vor dem Tragen sollte Rücksprache mit einem Arzt gehalten werden. Abzuraten ist von Methoden wie dem eigenen Abbinden mit Mullbinden oder gar Frischhaltefolie. Der Binder sollte pro Tag nicht länger als acht Stunden getragen werden. Weitere Informationen dazu finden sich im Internet.

Lesen Sie dazu auch den ZWISCHENRUF-Kommentar "Zum richtigen Zeitpunkt"

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