Die Mauer war weg

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Als die Grenze aufging vor 25 Jahren zwischen Osthessen und Westthüringen... Fotos: Stadt Philippsthal

Osthessen. Vor 25 Jahren fiel die Mauer - persönliche Erinnerungen unseres Redakterus Hans-Peter Ehrensbergers an diesen historischen Tag.

Osthessen/Westthüringen. Am Abend des 9. November 1989 verlas SED-Sprecher Günter Schabowski von einem Zettel die neue "großzügige" Reiseregelung für DDR-Bürger ins westliche Ausland. Dabei machte das Politbüro-Mitglied "einen folgenschweren Fehler", wie er Jahre später auch in einem Interview mit "Fulda aktuell" zugab.Auf die Nachfrage eines Reporters, von wann an diese Regelung denn gelte, antwortete er, dass dies seines Wissens ab sofort, unverzüglich in Kraft trete. Die über Rundfunk verbreitete Meldung löste noch am selben Abend einen regelrechten Massenansturm von DDR-Bürgern auf die Grenze nach Westberlin aus, was nach wenigen Stunden zur ungeplanten historischen Öffnung der Mauer und später auch der innerdeutschen Grenzanlagen zwischen Westthüringen und Osthessen durch überforderte DDR-Grenzer führte. Menschen von beiden Seiten der Grenze lagen sich in dieser unvergesslichen Nacht in den Armen, feierten freudetrunken die Wiedervereinigung.Schon in den Wochen und Tagen zuvor hatte sich der Anfang vom Ende der DDR abgezeichnet. Die ersten Flüchtlinge waren schon ab 19. August über die "grüne Grenze" vom ungarischen Sopron nach Österreich in den Westen gekommen, machten danach ihre ersten Gehversuche in der kapitalistischen  Konsumwelt.

Auch ich tat seinerzeit meine ersten Schritte als Volontär bei einer fränkischen Tageszeitung, baute über den beruflichen einen privaten Kontakt zu einem jungen Pärchen aus Cottbus auf, das nur mit dem, was es auf dem Leib trug (das waren bei ihr sieben, bei ihm fünf Unterhosen unter der zerrissenen Oberbekleidung) geflüchtet war. Stundenlanges Telefonieren mit den Eltern zuhause war angesagt, auf unsere Kosten, versteht sich, und immer der Gewissheit, dass die Stasi (noch) mithört. Stundenlanges Schaufenstergucken und Klamotten-Anprobieren in Fuldaer, Würzburger, Kasselaner und Frankfurter Konsum-Tempeln – natürlich immer von uns zu den Locations kutschiert – stand auf der West-Tour  unserer  Ossis ganz oben auf der Agenda. Stundenlanges Bananen- und Orangen-essen stand auf dem Speiseplan ganz oben. Die Küche diente in diesen Tagen in erster Linie als Sammellager für (gebrauchte) Klamotten, die Familienangehörige, Freunde und Bekannte für die Flüchtlinge spendeten.

Weniger großherzig, ganz im Gegenteil,  benahm sich ein Flüchtling aus der Prager Botschaft, der nach einem Zwischenstopp des ersten Transit-Zuges via Hof am 5. Oktober in meinem Heimatort mit dutzenden anderen auf dem Bahnhof "strandete" und  schließlich in der örtlichen Turnhalle eine Notunterkunft fand.  Wegen seines schnieken Aussehens (trotz der in der Prager BRD-Vertretung  herrschenden katastrophalen Zustände) wurde er von allen nur "der Botschafter" genannt, Jener "Schmalspur-Casanova" wurde die ersten beiden Tage nach der Ankunft im Westen gleich dreimal von der Polizei verhaftet, weil er partout nicht davon lassen konnte, mal eben den Playboy und andere Sexpostillen "englisch einkaufte".

Nach der Grenzöffnung des 9. November schoben sich in den Folgetagen unter lautem Hupen und Zweitakt-geschwängerten Luftemissionen  endlose Trabi-Kolonnen gen Westen. Nur noch getoppt von den Schlangen vor den Auszahlungsstellen des Begrüßungsgeldes, das sich im Prinzip jeder dritte Ostbürger  mindestens zweimal abholte.

Ich werde nie die im wahrsten Sinne des Wortes  "grenzenlose" Freude der Menschen an den nun offenen Grenzübergängen vergessen, die tausendfach geschwenkten Deutschlandfahnen, die Rufe "Wir sind ein Volk".Die Geschichte ließ sich nicht mehr aufhalten, das Bollwerk des kalten Kriegs wurde von Mauerspechten zerbröselt, da wo gestern noch der Todesstreifen gerecht wurde, wurden die Löcher in den Zäunen immer größer und durchlässiger. Die Geschichte ließ sich nicht mehr aufhalten, die Träume von Millionen wurden wahr, als freier Mensch in einem freien Land leben und dorthin reisen zu können, wohin man wollte. "Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn" wurde zum geflügelten Wort in den Zeiten des "Wind of change", im Wende-Herbst 1989.

"Wahnsinn" auch, dass sich jetzt, 25 Jahre später, mit Bodo Ramelow ein Linker anschickt, in unserem Nachbarland Thüringen Ministerpräsident zu werden – eine Perspektive, die am 9. November 1989  von den Grenzgängern gewiss niemand in Erwägung zog. Ein Treppenwitz der Geschichte, wie der eingangs erwähnte gleichermaßen (für ihn) fatale wie einem ganzen Volk Freuden verschaffende Versprecher des Günter Schaboswski...

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