Die Milch als täglich Brot

Fulda-Edelzell. Bleib` du mal bei deinem Gast, ich kmmere mich schon um den Nachwuchs." Mit "Nachwuchs"

Fulda-Edelzell. Bleib` du mal bei deinem Gast, ich kmmere mich schon um den Nachwuchs." Mit "Nachwuchs" meint Sandra Hgel nicht ihre drei Kinder im Alter von elf und sechs Jahren sowie sechs Monaten, als Nachwuchs bezeichnet sie im aktuellen Fall das frischgeborene Klbchen im Stall. So kann sich ihr Mann Klaus um den Reporter kmmern, der dem Bauernhof der Hgels in Fulda-Edelzell gerade einen Besuch abstattet. Fr den Mann von der Presse ist die Geburt eines Kalbes nicht unbedingt etwas Alltgliches (weshalb das Kleine auch sogleich in Augenschein genommen und fotografiert wird) - fr die Hgels eher schon. Das passiert in etwa 100 Mal pro Jahr, wenngleich es fr das Landwirts-Ehepaar keinesfalls zur Routine geworden und immer wieder ein beglckendes Erlebnis ist. Zumal es die Basis fr ihren Lebensunterhalt darstellt. Unser tglich Brot ist die Milch", sagt der 38-jhrige Landwirt mit dem Abschluss eines Agrartechnikers auf der gleichnamigen Schule in Fulda. Hgel ist Vollerwerbs-Bauer, 100 Milchkhe zhlt seine Fleckviehherde im Stall Zum Geiskppel" im Stadtteil Edelzell. Und auch in diesem Betrieb die Ausbildung lsst es erahnen hat die moderne Technik schon lngst Einzug gehalten. Gerade bei der Nachwuchsplanung. Ich zchte die Tiere selbst nach", sagt Klaus Hgel. Das passiert ber knstliche Befruchtung, mit Sperma von Zuchtbullen aus ganz Deutschland. Ein besonders potenter Bulle namens Hippo steht in der Nhe von Mnchen."

Auf dem Hof der Hgels stehen, wie eingangs erwhnt, rund hundert Milchkhe. Ich habe keine Bestrebungen, den Bestand zu erhhen. Wir sind und wollen ein mittlerer Milchviehbetrieb bleiben." Hat eine Kuh ein gewisses Alter erreicht - Hgel nennt das Abgangsgrund", das heit, sie ist nicht mehr fruchtbar und/oder gibt nicht mehr aussreichend Milch, das kann zwischen fnf und 15 Jahren passieren - dann wird das Tier freilich geschlachtet. "Unser tglich Brot ist die Milch", wiederholt Hgel seine eingangs erwhnte Maxime, die er in jngster Zeit um einen Zusatz-Slogan erweitert hat: Mit Milchhof Hgel frischer geht`s nicht", wirbt er fr sein allerneuestes Angebot, den Milchmann-Service. Wie in England und Amerika schon seit Jahrzehnten Usus, kommt auch Klaus Hgel an die Haustr von Privatleuten, stellt eine volle Ein-Liter-Flasche mit frischer Milch ab und nimmt die leeren Behltnisse wieder mit. Mit diesem besonderen Angebot ist Hgel der einzige MIlchmann in der Region Osthessen, die nchsten vergleichbaren Anbieter gibt es seines Wissens nach in Gieen und im Rhein-Main-Gebiet.

Im Moment hat der Edelzeller rund hundert Kunden, die ein- bis zweimal wchentlich beliefert werden. Sein Ziel ist es auf 400 bis 500 feste Privat-Abnehmer zu kommen, wobei bis dato schon mehrere Kliniken und Krankenhuser, Schulen, Alten- und Behindertenheime sowie Gastronomen und Kantinen im Umkreis von Fulda zu seinen Groabnehmern zhlen. Die kriegen freilich keine Literflaschen, sondern Zehn-Liter-Gebinde; das sind die entsprechend abgepackten Spezialkunststoffeimer fr die Milch, welche mit dem Khlfahrzeug ausgeliefert werden. Es besteht keine Verpfichtung zu einem Abo, der Kunde hat jederzeit die Mglichkeit, seinen Auftrag zu stornieren oder die Michmenge entsprechend zu erhhen beziehungsweise zu reduzieren", erlutert der Landwirt. Die Besonderheit an unserer Milch ist, dass wir mit dem Wannenpasteur arbeiten", erklrt Hgel. Bei diesem Verfahren wird die Milch in einer 1000-Liter-Wanne schonend auf 63 Grad erhitzt und dann mit Eiswasser ganz schnell wieder abgekhlt. "Dabei erfhrt die Milch fast keinen Geschmacksverlust, das ist der Vorteil gegenber den Durchlaufpasteuren in den Molkereien. Vom Melken bei uns bis zum Zeitpunkt, an dem sie bei Privatleuten zuhause am Kchentisch verzehrt wird, vergehen nur wenige Stunden. Es versteht sich von selbst, dass sich diese Milch deutlich von der aus dem Supermarkt abhebt. Das besttigen mir jedesmal Neukunden, die das erste Mal Milch von mir bekamen", sagt der Edelzeller Milchmann mit Stolz. Verfttert an die Milchkhe wird berwiegend eigenes Futter wie Gras, Mais und Getreide, das Klaus und Sandra Hgel auf rund 70 Hektar Nutzflche ihres Familienbetriebes anbauen. Zugekauft wird lediglich (als Eiweitrger) Rapsschrot. "Alle Futtermittel sind gentechnik frei", garantieren die Hgels. "Wir arbeiten ohne Antibiotika und haben den Einsatz von Mineraldnger minimalisiert. Im Prinzip wird alles mit der hofeigenen Glle gedngt." Das einzige was in Lohnarbeit durchgefhrt wird, ist der Mhdrescher, von einem hohen Mechanisierungsgrad und Maschinenbestand zeugen drei eigene Traktoren, Bodenbearbeitungsmaschinen, Ladewagen und natrlich das Khlfahrzeug fr die Auslieferung der Milch.

Die war zuletzt allerdings ziemlich knapp am Markt", wie Klaus Hgel berichtet. Die Milchleistung der Khe lag drei Prozent unter der des Vorjahres." Woran es liegt? Es gab insgesamt weniger Khe. Vielleicht lags`s auch am Futter, das mglicherweise wegen des nassen Sommers zu alt eingebracht wurde. Der Hauptgrund drfte aber sein, dass die deutschen Bauern auf die Bremse getreten haben, weil im Jahr zuvor Strafabgaben an die EU fllig waren wegen zu viel gelieferter Milch." Wobei das ganze nebem dem politischen vor allem einen wirtschaftlichen Aspekt hat. Klaus Hgel bringt das Problem auf den Punkt, der Milchmann" macht pointiert seine eigene Rechnung auf: Der Milchpreis, der im Moment gezahlt wird, ist auf keinen Fall kostendeckend fr die Landwirte. Eine angemessene Entlohnung ist mit 30 bis 33 Cent pro Liter Milch nicht gegeben. Bei einer durchschnittlichen Milchleistung pro Kuh von 20 bis 23 Litern am Tag knnen Sie sich das leicht hochrechnen. Fr nicht einmal sieben Euro am Tag packen andere Berufsgruppen noch nicht mal ihre Koffer aus." Hgels Vermutung: Das ist politisch so gewollt. In Brssel besteht kein Interesse daran, dass der Milchpreis in Europa steigt."Gleichwohl ist der Edelzeller Landwirt mit seiner persnlichen Situation durchaus zufrieden: Weil ich im Augenblick den grten Teil meiner Milch selbst vermarkte und mich so etwas abgekapselt, losgelst habe von den allgemeinen Marktbedingungen." Ohne die tatkrftige Untersttzung seiner Frau (brigens einer waschechten Fuldaer Innen-Stdterin und gelernten Apothekenhelferin, die nach ihrer Heirat mit viel Freude und Engagement in ihrem neuen Beruf aufgegangen ist), ohne das Mithelfen der greren Kinder und natrlich von Eltern und Groeltern, bilanziert Klaus Hgel, "ohne das Mittun aller auf dem Hof wre ein buerlicher Famlienbetrieb unserer Grenordung in der heutigen Zeit freilich nicht mehr wirtschaftlich zu fhren."

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