Wo Möller drauf stand, war auch Möller drin

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Abschieds-Interview mit Fuldas scheidendem OB Gerhard Möller. In einem Atemzug mit seinen großen Vorgängern zu nennen. Dienstende am 14. August.

Fulda.  Am Montagabend überreichte er die Ernennungsurkunde an seinen Nachfolger Dr. Heiko Wingenfeld. Am Nachmittag  nahm sich der am 14. August aus dem Amt scheidende (noch) amtierende Fuldaer Oberbürgermeister Gerhard Möller ausführlich Zeit für ein Redaktions-Interview mit "Fulda aktuell". In diesem sehr persönlich gehaltenen Gespräch mit Jennifer Sippel, Sabine Grebe und Hans-Peter Ehrensberger hielt der OB  Rückschau auf seine zwölf-jährige Amtszeit als Stadt-oberhaupt, zog Bilanz seiner zahlreichen politischen Highlights und seltenen beruflichen Tiefschläge und gewährte Einblicke in seine Zeit nach dem Dienst als Privat- und  Familienmensch. Zieht man ein vorgezogenes Fazit, dann geht mit Gerhard Möller eine Ära zu Ende.

Fulda aktuell (FA): Herr Oberbürgermeister, mit welchen Gefühlen gingen Sie in den vergangenen Tagen ins Stadtschloss, mit welchen Gedanken gehen Sie die letzten knapp vier Wochen Ihrer Amtszeit an?Möller: Die Abschiedsgedanken sind eher zart und leise, dazu war und ist das Arbeitspensum in den einzelnen Gremien viel zu voll gepackt. Ich möchte noch einige Projekte auf den Weg bringen. Wenn’s in die letzte Woche geht, dann wird das Aufräumen und auch die Wehmut stärker werden. Meinen Urlaub habe ich nach hinten verschoben, um Dr. Wingenfeld ein bestelltes Feld zu übergeben.

FA: Was war der Hauptgrund, nicht für eine dritte Amtszeit anzutreten?Möller: Ich werde 66 Jahre alt, war fast 30 Jahre im kommunalen Wahlamt, 17 Jahre Vizelandrat, zwölf Jahre OB, lange an den Schnittstellen zwischen Wirtschaft und Politik und in Ehrenämtern tätig. Das ist kein normaler Arbeitsrhythmus. Ich wollte selbst bestimmen, wann ich aufhören will.  Diese Zeit ist jetzt gekommen und ich habe einen Schnitt gemacht. Das war eine sehr persönliche Entscheidung. Das hat zu Bedauern bei meinen politischen Freunden geführt, aber ich wollte nicht unfair sein, und dann vielleicht nach drei weiteren Amtsjahren vorzeitig aufhören. Meine Entscheidung habe ich ihnen frühzeitig mitgeteilt und rechtzeitig öffentlich gemacht.

FA: Haben Sie sich vor der Entscheidung mit Ihrer Frau, der Familie beraten?Möller: Natürlich war die Entscheidung mit meiner Frau und den Kindern abgesprochen. Michaela und die Kinder haben deutliche Worte des Wider- und Einspruchs formuliert.

FA:  Welche Überschrift würden sie selbst Ihrer zwölf-jährigen "Regierungszeit" geben?Möller: Journalisten tun sich diesbezüglich leichter,  zumal diese Zeit sehr facettenreich war.  Begriffe und Sätze wie "Fulda handlungsfähig entwickelt", "300 Millionen Euro investiert", "Haushalte konsolidiert", "Nachfolger geordnete Finanzen übergeben", "Wirtschaftlich mit Steuergeldern umgegangen", "Konversion in Fuldas Westen in die Wege geleitet", "Historische Osttangente umgesetzt", "Westring durchgesetzt", "Fulda Galerie als neuen Stadtteil gegründet", "Erstmals schwarze Null geschrieben", "60 Millionen  Neubau am Klinikum Fulda auf den Weg gebrach", "Fusion von GWV und RhönEnergie ein Musterprojekt"  oder  "Fuldas Sonderstatus gesichert" sollten da schon vorkommen.

FA: Welche herausragenden Leistungen können Sie vorweisen? Was hätten Sie gerne noch verwirklicht? Auf welche negativen Erfahrungen hätten Sie gerne verzichtet?Möller: Fulda hat, nicht zuletzt auf Grund der Städtebauförderprogramme, einen tollen Entwicklungssprung gemacht. 2004 und 2010 haben wir zwei Konsolidierungspakete durchgebracht, um den Haushalt nicht zu überlasten. Drei größere Projekte stehen noch an – der Stadtumbau, die "aktive Kernstadt" und die "soziale Stadt". Was ich an Zukunftsaufgaben gerne noch verwirklicht hätte sind die endgültige Entscheidung  am Löhertor sowie die Entwicklung des Horaser Weges und des Eika-Geländes. Worauf ich liebend gerne hätte verzichten können und was mich in den schlimmsten Albträumen verfolgt hat, waren die vier Krisen am Klinikum Fulda.

FA: Sind Sie mit sich selbst zufrieden?Möller: Ja, vollauf! Ich habe in meinem beruflichen Leben sehr viel Glück gehabt, vor allem, weil ich meine unmittelbare Heimat mitgestalten konnte. Ich bin aus fester Überzeugung Kommunalpolitiker geworden und gewesen, vor allem deshalb, weil man dabei alle Aufgaben hochverdichtet und direkter angehen kann. Natürlich steht man dann auch als Generalansprechpartner häufiger in der Kritik und Verantwortung.  Aber das OB-Amt ist kein Honigschlecken und man ist nicht nur auf der Sonnenseite des Berufslebens.

FA: Was hatten Sie als Kind eigentlich für einen Berufswunsch?Möller: Ich bin gelernter Jurist.  Von Zuhause gibt es eine schöne Anekdote: Meine Eltern hatten einen kleinen Malerbetrieb und eine Nebenerwerbslandwirtschaft. Da kam in der Kinderzeit immer ein Farbenvertreter vorbei. Der wollte wissen was ich werden wollte. Ich sagte Baumeister. Er verstand Braumeister.  Nun, mit dem Braumeister ist es – außer dem meist mit einem Schlag perfekten Bieranstich beim Schützenfest, um den mich so manch einer beneidet (lacht) –  nicht wirklich etwas geworden. Von Baumeister ist in meinen künftigen Ämtern schon einiges übrig geblieben – wenn ich sehe, was im Kreis und in der Stadt unter meiner Ägide und dem Mitwirken meiner Mitarbeiter an Baulichem so alles gewachsen ist. Das war der besondere Charme des OB-Amtes, auch zuletzt, als ich drei Ämter – das des Oberbürgermeisters, des Stadtbaurates und auch des Bürgermeisters – inne hatte. Und bei baulichen Kostenschätzungen lag ich meistens gar nicht so schlecht. Wobei ich sagen muss, dass ich nicht noch einmal ein Jahr wie 2014, mit den zusätzlichen Ämtern, erleben möchte.

FA: Welche politischen Vorbilder hatten Sie? Welche Zeitgenossen bewundern Sie? An welche Begegnungen erinnern Sie sich gerne?Möller: Helmut Kohl war – trotz mancher negativer Begleiterscheinungen – der Staatsmann schlechthin für die deutsche und europäische Einigung. Als prägende Persönlichkeiten der Region, die hier ihre Profile hinterlassen und Stadt und Landkreis Fulda in die Moderne geführt haben, möchte ich Alfred Dregger, Fritz Kramer und Wolfgang Hamberger besonders hervorheben.  An Begegnungen  erinnere ich mich gerne mit den Bundespräsidenten Köhler und Gauck, die Winfriedpreisträger Blüm, Juncker,  Nemeth und Kardinal Lehmann sowie einen bunten Strauß facettenreicher  Veranstaltungen, bei denen ich die Bekanntschaft von Menschen unterschiedlichster politischer, gesellschaftlicher, künstlerischer und persönlicher Couleur machen durfte.

FA: Auf welche Highlights Ihrer Amtszeit blicken Sie besonders gerne zurück?Möller: In meiner politischen Laufbahn war dies eindeutig  die Grenzöffnung. Damals war ich noch beim Kreis und durfte verantwortlich und hautnah  Verhandlungen mit der östlichen Seite über Straßenverbindungen in den Westen führen. Im OB-Amt  möchte ich das Bonifatiusjahr 2004, den einmaligen Festzug, das Bonifatius-Musical, den Deutschen Wandertag, die Literaturlesungen im Stadtschloss, die vielen interessanten Begegnungen in den Partnerstädten, vor allem in Dokkum und Leitmeritz, und natürlich die Fuldaer Foaset, in der der OB traditionell besonders engagiert ist, hervorheben.

FA: Was macht Gerhard Möller am Morgen des 15. Augusts?Möller: Da werde ich ausgiebig mit meiner Frau Michaela frühstücken. Und vielleicht nacharbeiten, wie die Verabschiedung über die Bühne gegangen ist. Möglicherweise schnüren wir auch ganz spontan die Wanderstiefel, schnallen den Rucksack um und gehen in die Rhön hinauf.

FA: Wie sieht das Leben des Ex-OB danach im (Un-) Ruhestand aus?Möller: Ich werde meine persönlichen Dinge sortieren, Briefe beantworten, eine Woche mit meiner Frau, Kindern und den Enkelkindern an die Ostsee fahren, viel frische Luft tanken. Das weckt Erinnerungen an frühere Familienurlaube. In den kommenden Jahren werde ich viel wandern mit Freunden und Bekannten, auch mal längere Strecken mit Übernachtungen, vor allem in die Rhön und das benachbarte uns besonders zugetane Franken. Bei größeren Reisen denke ich vor allem an Mittel- und Osteuropa und Städtetouren etwa nach Prag, Rom, Paris oder in die Toskana.  Dorthin hatten wir bis dato viele Reisen geplant, aber auch viele wieder während meiner Amtszeit abgesagt. Fernost indes ist nichts für uns.

FA: Worauf freuen Sie sich sonst noch? Werden Sie sich weiterhin politisch, gesellschaftlich und/oder ehrenamtlich engagieren?Möller: Dass ich selbstständig über meine Zeit verfügen darf. Das Leben kann nun spontaner stattfinden. Im  Amt wurde ich ein Stück weit gelebt, vom Sitzungsrhythmus bestimmt, vom Arbeitskalender geprägt. Ich hoffe, dass ich mehr Zeit zum Lesen finden werde – klassische, politische und Geschichts-Literatur. Nun kann ich mehr Akzente im heimischen Haushalt setzen, auch wenn ich da eher der ruhige Vertreter bin und nicht so sehr im Mittelpunkt stehe.  Meiner Partei bleibe ich treu, auch wenn ich kein kommunalpolitisches Amt mehr anstrebe.  Ehrenamtlich möchte ich als Vorsitzender des Fuldaer Geschichtsvereins weiterarbeiten und die Reihe "Literatur im Stadtschloss" betreuen. Es gab auch schon einige Anfragen aus dem Bereich ge-meinnütziger Organisationen –  zwei Dinge kann ich aber definitiv versprechen:  Ich werde mir keine zweite Meta-Ebene aufbauen und mich mit Ratschlägen und politischen Kommentaren zurückhalten.

FA: Wie würden Sie das Verhältnis zur Presse während ihrer Amtszeit beschreiben?Möller: Als insgesamt sehr gut.  Wir haben immer ein offenes und ehrliches Verhältnis miteinander gepflegt, die Zügigkeit und Schnelligkeit des Informationsflusses bewusst gefördert und im Respekt für die gegenseitigen Aufgaben die richtige Mixtur gefunden.

FA: Über Jahre hinweg haben wir schon  unsere gemeinsame Aktion "Fulda aktuell-Leser fragen den OB". Halten Sie das für eine geeignete Form der unmittelbaren Bürgerbeteiligung und werden Sie diese Rubrik auch Ihrem Nachfolger empfehlen?Möller: Diese Rubrik ist sehr gut, eine ideale Form des unmittelbaren Dialogs. Es ist schon bemerkenswert, wie scheinbar individuelle Anliegen von allgemeinem Interesse für ein größeres Publikum sind.  Man braucht nicht immer über die hohe Politik zu philosophieren, diese Rubrik hat den großen Charme des Konkreten. Und natürlich werde ich meinem Nachfolger empfehlen, dieses Format mit Fulda aktuell fortzuführen.

FA: Was war das Schönste am/im Amt? Was werden sie am meisten vermissen?Möller: Die mir liebgewordene Umgebung, meine unmittelbaren Mitarbeiter. Die werde ich eindeutig am meisten vermissen. Das sind phantas-tische Menschen, sie waren ein Geschenk.  Mit denen hat die Chemie immer gestimmt, was Bedingung für Erfolg ist. Ohne jetzt jemanden speziell hervorheben zu wollen, muss ich dennoch die Damen Waida und Wilhelm und den Herren Schwab besonders erwähnen, auch natürlich die Dezernenten und die Vorstände in den Beteiligungsunternehmen, auf die ich mich immer verlassen konnte.

FA: Woraus haben Sie die Kraft, Ihre Energie für diese verantwortungsvollen Aufgaben gezogen?Möller: Ich hatte das unverdiente Glück, dass ich die Chance bekam, hier vor Ort, in meiner unmittelbaren Heimat, arbeiten zu dürfen. Manche müssen stundenlang zu ihrem Arbeitsplatz fahren. Ich brauche sieben Minuten mit dem Auto oder 30 Minuten zu Fuß ins Stadtschloss. Ich hätte mir nicht vorstellen können, an anderer Stelle zu wirken.  Ich bin fest verwurzelt in der Region, verkörpere eine relative Bodenständigkeit. Zu Hause reden wir  auch Platt. Ich würde mich als positiven Provinzler bezeichnen.

FA: In welchen Punkten haben Sie sich weiter-, welche Eigenschaften entwickelt?Möller: Ich habe eine gehörige Portion Sturheit und Hartnäckigkeit lernen müssen. In diesem Amt kann man nicht immer Everybody's-Darling sein. Man muss auch die Fähigkeit haben, zu bestimmten Dingen einfach "nein" zu sagen.  Dazu  gehört ein harter Schädel und viel Frustrationstoleranz. Man entwickelt mit dem Laufe der Zeit seine Routine. Auch musste ich mich zunächst daran gewöhnen, die erste Repräsentationsfigur der Stadt zu sein. Zudem muss man sehr viel reden – und zu allem etwas sagen können. Dabei hatte ich den Ehrgeiz, die meisten meiner Reden selbst zu schreiben. Wo Möller drauf stand, war auch Möller drin.

FA:  Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?Möller: "Fortiter in re, suaviter in modo" (Claudio Aquaviva), zu deutsch "Stark in der Sache, milde in der Art".

FA: Welche "Abschieds-Botschaft" möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?Möller: Ich hätte den Wunsch, dass die Bürgerinnen und Bürger das Geschehen in unser Stadt immer mit großem Interesse, einer gewissen Portion Stolz, konstruktivem Engagement und hinreichend  Empathie  verfolgen und begleiten. Man muss sich mit seiner Sache, seiner Stadt, seinem Dorf identifizieren. Um mit einem Zitat eines früheren Oberbürgermeisters aus Darmstadt zu schließen: "Ein Lob der Provinz, wo der Einwohner auch Bürger ist.

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