Nicht nur die Bürokratie nervt: Milchbauer Walter Lang über die Herausforderungen für Landwirte

Milchbauernehepaar Sabine und Walter Lang im Gespräch mit Landrat Manfred Görig (SPD). Beim Besuch auf dem Bio-Betrieb in Herbstein-Stockhausen sind die Herausforderungen in der Landwirtschaft Thema.

Ein Vogelsberger Milchbauer spricht darüber, was die Landwirtschaft heute für ihn bedeutet.

Region. Landwirt Walter Lang und Vogelsberg-Landrat Manfred Görig (SPD) nehmen Platz im schwarzen Geländewagen. Der ist nötig für die kurze, aber unwegsame Tour durch die Gemarkung von Stockhausen, einem Stadtteil von Herbstein im Vogelsbergkreis. Vom Hof des Milchbauers Lang geht es den „Katzenhäuser Weg“ entlang, ins Tal der Altefeld zwischen Schlechtenwegen und Stockhausen.

Zwischen Schlaglöchern und Schotterpiste spricht Lang einige der Herausforderungen an, mit denen die Landwirte im Vogelsberg und darüber hinaus zu kämpfen haben. Unwegsames Gelände, Hecken und verdorrte Flecken in Wiesen und Feldern – sogar in unmittelbarer Nähe zu Bachläufen – seien genauso herausfordernd für Landwirte wie zunehmender Druck durch strenge Auflagen und sich verändernde Rahmenbedingungen. „Der Auflagendruck für die Betriebe ist hoch. Er bedingt steigende Investitionskosten und sorgt für Unmut – nur eines der Probleme, die angegangen werden müssen“, sagt Landrat Görig. Die Tagesordnung beim Besuch auf dem Betrieb von Familie Lang ist vollgepackt.

Die zunehmende Trockenheit ist nur ein Punkt auf der Liste, die Landwirte in vielen Diskussionen ins Feld führen. Die neue Düngeverordnung, ein Wust an Regeln und Verordnungen, fehlender Rückhalt und Verständnis in Teilen der Bevölkerung sowie niedrige und stark schwankende Preise für ihre Erzeugnisse sind Probleme, die Landwirten zu schaffen machen. Der Betrieb des „Bauern mit Leib und Seele“, wie Lang sich selbst nennt, sei den Herausforderungen kaum gewachsen.

Als Bio-Betrieb habe man finanziell zurzeit etwas mehr Spielraum, als die konventionellen Berufskollegen. Denn die aktuelle Milchmenge, die alle zwei Tage an eine Bio-Molkerei geliefert wird, sorgt bei gegenwärtig relativ stabilen Preisen für kalkulierbare Zahlen. Trotzdem seien Investitionen immer mit sehr vielen Risiken behaftet. Es fehle die Investitionssicherheit.

Ein Beispiel: „Noch bis vor drei bis vier Jahren wurden Bauvorhaben genehmigt, die heute schon nicht mehr gesetzlichen Rahmenbedingungen entsprechen“, sagt Landrat Görig und kritisiert, dass Maßnahmen auf Bundesebene oft das nötige Fingerspitzengefühl vermissen ließen. Denn politische Prozesse und Entscheidungen müssten sich – bei allem Fokus auf Agrarproduktion in EU-Nachbarstaaten und darüber hinaus – auch mit den Problemen der Erzeuger vor Ort auseinandersetzen. „Strenge Rahmenbedingungen sind für viele Betriebe nur mit großen Investitionen umzusetzen. Die Konsequenz daraus ist, dass Betriebe schließen und wenige große Betriebe bleiben. Ein Markt, der die Regionalität aushebelt“, sagt der Landrat.

Auch Sabine Lang sieht eine Gemengelage, die an vielen Stellen problematisch ist: „Lieber wäre es uns, wir bekämen nicht die Ökoprämie, sondern einen angemessenen Preis für das Produkt, das wir an die Molkerei liefern“, sagt Lang und fügt an: „Alle Betriebe auf ‚bio‘ umzustellen, kann nicht die Lösung sein.“ Erst ein Umdenken in der Bevölkerung, ein Mentalitätswechsel sei nötig. Ob gute Lebensmittel biologisch oder konventionell produziert werden sei zweitrangig – gute Arbeit müsse entsprechend entlohnt werden. „Gut füttern ist teuer, schlecht füttern ist noch viel teurer.“ Ein Zitat, das Teil der Betriebsphilosophie geworden ist, denn gutes Futter sei ein Eckpfeiler für eine gesunde Herde.

150 Kühe sind Teil der Herde, um die sich ein Großteil der Arbeit auf dem Hof von Familie Lang dreht, denn „allein die Zeit, die wir jede Woche im Melkstand verbringen, reicht für eine 40-Stunden-Woche“, sagt Lang. Der erste und zweite Schnitt Silage sei „ganz passabel“ gewesen, aber ein Blick über die Stockhäuser Gemarkung verheißt für den dritten Schnitt wenig Gutes. Für einen sehr Grünland-betonten Betrieb sei das ein großer Unsicherheitsfaktor, denn hohe Futterqualität und die entsprechende Futtermenge sind Bedingung für die erfolgreiche Bewirtschaftung des Hofes.

Die Düngeverordnung ist ein weiteres Problem, dem sich viele Betriebe auch im Vogelsbergkreis stellen müssen. Walter Lang stört dabei besonders, dass das Gesetz per Gießkannenprinzip umgesetzt wird. „Entscheidend ist die Frage, woher diese Regelungen kommen und warum sie nun auch für uns in Hessen gelten“, sagt Lang. Er müsse nun mit relativ wenigen Großvieheinheiten pro Hektar die gleichen strengen Regelungen einhalten, die für Landstriche mit wesentlich größerer Viehdichte gemacht seien. „Wir werden mit Vechta über einen Kamm geschert“, stellt er klar. Und wieder seien Investitionen in Ausbringtechnik und Lagervolumen für Gülle sowie komplizierte Aufbereitungsanlagen für den natürlichen Dünger nötig.

Rund 110 Rinder, Kälber und trockenstehende Kühe sind in den Sommermonaten zusätzlich zu den 150 Kühen des Betriebs auf den Wiesen rund um Stockhausen unterwegs. „Als Biobetrieb ist die Weidehaltung für uns selbstverständlich“, sagt Lang – das Wolfs-Thema ist zwar noch nicht so akut, allerdings wirft es seine Schatten voraus. „Mindestens 25 Kilometer Zaun haben wir in der Gemarkung stehen“, sagt Lang. Würde er diesen wolfssicher machen wollen, wäre einer der Mitarbeiter den ganzen Tag mit Kontrolle, freischneiden und Pflegen beschäftigt, schätzt er.

Familie Lang hat einen reflektierten Blick auf die Probleme der Branche. Sie möchten informieren, sich Gehör verschaffen und in der Öffentlichkeit für Verständnis werben. Die vier Kinder helfen auf dem Hof mit, zwei festangestellte Mitarbeiter sorgen für Flexibilität in den Abläufen und im Alltag. „Allerdings stehen viele Betriebe mit dem Rücken zur Wand und damit regionale Landwirtschaftsstrukturen zur Debatte“, mahnt Görig. Politische Entscheidungen müssten immer auch an den kleineren Betrieben in der Branche gemessen werden.

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