Notfallpädagogischer Kriseneinsatz auf den Philippinen

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Fulda/Philippinen. Geld einer Spendenaktion der "Soroptimistinnen Fulda" wurde nun direkt vor Ort eingesetzt.

Im November 2013 verwüstete der Taifun Haiyan große Teile der Philippinen. Zur Unterstützung hatten die "Soroptimistinnen” vom "Club Fulda” zu einer Spendenaktion aufgerufen, die weit über 2.000 Euro einbrachte. Elisabeth Mall, eine junge Studentin aus der Region, wurde durch die "Soroptimistinnen” ein Auslandaufenthalt auf den Philippinen ermöglicht. Dort hatte sie in einer Schule in Iloilo mitgearbeit. Deswegen war es ihr persönlich ein wichtiges Anliegen, nach dieser Katastrophe direkt vor Ort zu helfen und dort auch die Gelder der Spendenaktion direkt einzusetzen. Mall machte sich Ende November zusammen mit einem erfahrenen Team auf den Weg zu einem Notfallpädagogischen Kriseneinsatz auf den Philippinen, denn besonders für Kinder ist die Naturkatastrophe eine Ausnahmesituation, die sie meist nicht gut verkraften.

Die sogenannte Notfallpädagogik soll helfen, die schrecklichen Erlebnisse für einige Augenblicke zu vergessen und sie dauerhaft zu verarbeiten.Zur Notfallpädagogik gehören Malen und Zeichnen, Eurythmie, Pädagogik und Psychotherapie. Aber nicht nur die Arbeit mit Kindern steht im Vordergrund. Es geht vor allem auch um die Hilfe zur Selbsthilfe. Deshalb werden Workshops mit Lehrern und Pädagogen absolviert, damit diese die Arbeit hinterher fortsetzen können.Bei Ankunft bot sich Elisabeth und den anderen Freiwilligen ein schreckliches Bild. Ganze Häuser waren verschwunden und auf den Straßen lag überall Schutt und Müll. Dokumente, Papiere oder Bücher lagen auf der Erde zum Trocknen aus. Bei Einkaufszentren und Geschäften waren die Scheiben eingeschlagen und die Waren geplündert.Elisabeth hat über ihren Einsatz zusammen mit Pädagogen, Kunst- und Psychotherapeuten, Ärzten und Erlebnispädagogen einen Erlebnisbericht geschrieben. Dieser gibt einen umfangreichen Einblick in die Tätigkeiten und Notwendigkeiten des Einsatzes. Neben Ausgaben für Essen und Wasser, wurden die Spendengelder für Materialien zur Fortsetzung der Maßnahmen ausgegeben und dort zur Verfügung gestellt.

Erfahrungsbericht von Elisabeth Mall:

Notfallpädagogischer Kriseneinsatz auf den Philippinen (24.11.-07.12.2013)

24. November: Das Equipment wie Dienstkleidung, Schusswesten, Pfefferspray, Desinfektionsmittel usw., wird an jeden verteilt und unser Material, wie Farben, Papier, Bälle, Tücher muss in sechs zusätzliche Kisten gepackt werden. Nach dem Check-In folgt eine kleine Teambesprechung.

25.November: Ankunft bei schwüler Hitze in Manila. Zwei Freunde holen uns vom Flughafen ab und bringen uns in unser Hotel. Dort wartete Bella, ebenfalls eine Pädagogin und Kollegin der Waldorfschule in Manila und nimmt uns in Empfang. Der Tag ist mit Essen und Erkundung des Konferenzsaals, wo unser Seminar die nächsten zwei Tage stattfindet, ausgefüllt.

26. November: Das Seminar für interessierte Pädagogen, Ärzte, Therapeuten beginnt mit Begrüßung von Bella, Lukas (meinem Bruder, Einsatzleiter) und Bernd Ruf (Begründer der Notfallpädagogik). Bernd hält knappe zwei Stunden einen Vortrag über Bedeutungen und unterschiedliche Formen des Traumas und was Notfallpädagogik bedeutet. (Ein Team aus erfahrenen Pädagogen bzw. Notfallpädagogen, versucht durch bestimmte Spiele, durch Kunst- und Bewegungsarbeit, die Kinder bei der Verarbeitung ihres Traumas zu unterstützen).Anschließend teilen sich die Teilnehmer in verschiedene Workshops auf. In diesen Workshops sollen die Teilnehmer lernen, was es für Möglichkeiten gibt, traumatisierten Kindern zu helfen. Angeboten wird Malen/Zeichnen, Erlebnispädagogik, Eurythmie, Pädagogik für Kindergartenalter, Psychotherapie.

27.November: In den zwei ersten Tagen in Manila knüpfen sich schnell Kontakte. Es kommen am Nachmittag Kinder mit ihren Eltern aus Tacloban, die in einem Evakuierungszentrum in Manila untergebracht sind. Es ist nur eine kleine Gruppe, aber so können wir uns langsam daran gewöhnen und für die Seminarteilnehmer ist es gut zu erleben, wie wir direkt mit den Kindern arbeiten. Die Kinder sind voller Staunen und ihnen ist der Schock, den sie erleben mussten, noch in ihre Gesichter geschrieben.

28.November: Wir bekommen durch Kontake selbst die Möglichkeit in das Evakuierungszentrum zu fahren. Es ist jedoch nicht allein für Opfer des Taifuns Yolanda, sondern auch für Waisenkinder oder Straßenkinder. Die Kinder sind teilweise sehr weinerlich, still und anhänglich, jedoch mache auch sehr unruhig, laut und frech. Nach unserer Arbeit haben wir das Gefühl, die Kinder haben sich etwas beruhigt.

29. November: Früh morgens geht es zum Flughafen. Wir machen uns auf den Weg nach Iloilo. Wir treffen uns mit einer Gruppe von Ärzten und Lehrern der Waldorfschule. Wir planen unseren gemeinsamen Einsatz in San Dionisio, wo der Taifun großen Schaden angerichtet hat. Da es keinen Laden mehr in San Dionisio gibt, müssen wir Einkaufen gehen, um uns mit Lebensmitteln für zweieinhalb Tage einzudecken.

30.November: Um vier Uhr morgens werden die Autos gepackt, um dann um kurz vor acht in einer Schule in San Dionisio anzukommen.  Auf der Fahrt dort hin sehen wir schon viele zerstörte Häuser und die Stromleitungen sind seit langem unterbrochen. Es begegnenen uns immer wieder Kinder die mit ausgestreckten Händen am Straßenrand stehen. Woher nehmen die Menschen immer und immer wieder die Kraft, aus all dem Zerstörten wieder Neues aufzubauen? Die Häuser am Strand sind komplett verschwunden. Einige Meter davon entfernt sind die Häuser zusammengestürzt, oder konnten vereinzelt den bis zu drei Meter hohen Wellen Stand halten. Im Landdesinneren hat der Sturm die Hütten zerissen und Palmen abgebrochen. Das Bild der Verwüstung ist grauenvoll.In der Schule haben wir eine riesege überdachte Fläche auf der wir die knapp 1.000 Kinder begrüßen können. Wir beginnen auch mit Kindern mit unserem gemeinsamen Anfangskreis, der aus einem Spruch, einem Lied und Bewegungen dazu besteht. Anschließend werden die Kinder in altersentsprechende Gruppen geteilt.

2.Dezember: Heute kommen ca. 400 Kinder zusammen und wir setzen unsere Arbeit fort. Es ist sehr schön, manche Kinder schon wieder erkennen zu können. Kontinuität über einen gewissen Zeitraum hinweg ist sehr wichtig, um Erfolge mit der Notfallpädagogik zu erlangen.Glücklicherweise stellt sich in unseren täglichen Reflektionsrunden heraus, dass die Kinder, nach Einschätzung der erfahrenen Notfallpädagogen garnicht besonders stark traumatisiert sind. Das schließen sie auf den festen sozialen Zusammenhalt der Philippinos zurück. Durch dieses starke Gemeinschaftsgefühl sind sie in der Lage, so ein Trauma besser bewältigen zu können. Natürlich die Einen besser, bei anderen werden ständige Wunden zurück bleiben.

3.Dezember: Da an dem Seminar in Manila auch die Cousine des Bürgermeisters von Tacloban teilgenommen hat, hat sie alles arrangiert, dass wir auch dorthin fahren können. Eigentlich dürfen nämlich nur Hilfsorganisationen in die Stadt, die komplett autark sind. Dazu haben wir jedoch nicht die Möglichkeiten. Es ist immer schon kompliziert genug, unser Material von einem zum nächsten Ort transportieren zu können. Es heißt also es sei alles organisiert.Am Hafen von Cebu angekommen, werden unsere Autos von Sicherheitskontrollen gecheckt und Stunden später fährt die Fähre endlich ab. Schon hier sind wir nicht mehr die einzige Hilfsorganisation. Viele Philippinos sprechen uns an und bedanken sich herzlichst für unsere Arbeit.Wir kommen erst bei Einbruch der Dunkelheit auf Leyete an, doch die Schäden sind selbst bei Dunkelheit deutlich zu sehen.

4. Dezember: Und los ging die Fahrt durch zertrümmerte und zerstörte Hütten. Fast über zwei Stunden über kaputte Straßen, an bettelnden Kindern vorbei von Ormoc nach Tacloban. Es war schrecklich. Ich habe überlegt, was das schlimmste war, was ich bisher in meinem Leben gesehen habe. Es waren die Armenviertel von Manila die mir in den Sinn kamen. Doch so etwas verherendes, trauriges wie hier, habe ich noch nie gesehen. So viel Zerstörung an einem Ort. Und dann sehe ich die philippinischen Menschen, wie sie aufräumen, reparieren und bauen. Ich fühlte so etwas wie Stolz. Dass sie die Kraft haben, aufzustehen aus ihrem Unglück und neu anfangen ist einfach nur bewundernswert.Als wir also so gegen 8 Uhr bei sengender Hitze in Tacloban ankommen und unsere Zelte neben all den anderen Hilfsorganisationen aufstellen können, stellt sich heraus, dass leider doch garnichts organisiert ist. Trinkwasser haben wir Gott sei Dank genug aus Cebu mitgebracht. Kinder waren keine da zum angedachten Zeitpunkt. Aber wie soll man auch in einer Stadt voller Chaos irgendetwas organisieren können. Wir gehen also los und finden gleich eine Straße weiter eine Schule, die als Evakuierungzentrum genutzt wird. Dort haben wir also genügend Kinder, mit denen wir arbeiten können. Am Nachmittag ist gleich wieder ein Seminar für Pädagogen vor Ort. Lukas und ich machen uns auf den Weg und finden sogar eine Art Markt, der schonwieder anfänglich funktioniert. Aber alles ist trotz vielem Aufräumen und putzen sehr dreckig. Es stinkt und alles wirkt wie ein großer Haufen Chaos. Wir organisieren von "Friendly Child"  große Planen, um uns in der Schule einen Schattenplatz einrichten zu können.Abends essen wir in dem einzigen Restaurant was noch steht und einigermaßen funktioniert. Es treffen sich dort sämtliche Europäer aus Hilfsorganisationen von "Unicef", über "Ärzte ohne Grenzen", bis hin zun "Plan" und dem "Roten Kreuz". In dem halbfunktionierenden Krankenhaus, zu dem wir ebenfalls Kontakte haben, könne wir duschen.

5.Dezember: Um spätestens 6 Uhr morgens kommen alle freiwillig aus ihren Zelten gekrappelt, weil es vor Hitze darin nicht mehr auszuhalten ist. Es gibt weißes Toastbrot und Bananen zum Frühstückt. Wir spannen unter neugierigen Blicken der Kinder die Planen in der Schule auf. Es sollen heute noch ca. 60 Kinder aus einer anderen Schule kommen. Sister Mary Grace, eine unserer Pädagogen und Ansprechpartner in Tacloban hatte organisiert, dass wir mit ihnen arbeiten können.  Ich gehe mit ihr in das Krankenhaus und auf den "Markt" um das Essen für die Kinder zu organisieren. Außerdem versuche ich mit meinem Bruder andere Hilfsorganisationen zu kontaktieren, von denen wir Trinkwasser für die Kinder bekommen können. Wir möchten ihnen auch immer wenn wir mit ihnen arbeiten, Wasser und eine ordentliche Mahlzeit ermöglichen. Dazu nutze ich den ersten Teil der Spenden. Beim Essen verteilen kommt es zu typischen Versuchen der Kinder uns auszutricksen um mehr zu bekommen. Es ist schlimm für mich, nicht in eine jede bettelnde Hand unaufhörlich etwas geben zu können.Am Nachmittag findet wieder die Arbeit mit den Erwachsenen statt und ich habe Zeltwachdienst.Auf dem Weg zur Schule und zum Markt begegnen einem immer wieder schreckliche Bilder. Häuser sind dem Erdboden gleichgemacht. Menschen stehen vor ihren Trümmern und suchen nach Übriggebliebenen. Sie duschen und waschen ihre Kleider an der Straße an dem einzelnen noch fuktionierenden Wasserschlauch.Dokumente, Papiere und Bücher aus Banken, Büros und Schulen liegen wenn noch vorhanden in der Sonne auf der Straße zum Trocknen aus. Im großen Einkaufszentrum sind die Scheiben eingeschlagen, die Restaurants wurden geplündert. Selbst der Mc Donalds ist leer und komplett zerstört. Autos liegen zerschrottet in Gräben. Wenn Bernd all diesen schrecklichen Dinge fotographiert um in Deutschland zu berichten, grinsen und winken die Menschen ihm freundlich zu.Viele Menschen haben Zeltplanen bekommen, um ihnen somit ein klein wenig Schutz zu gewähren. Immer wieder sieht man Lastwägen mit meterlangen Schlangen aus sich anstellenden Menschen davor, die auf die Essensausgaben warten.

6.Dezember: Heute müssen wir Tacloban schon wieder verlassen, da die Reise von hier bis Manila einen ganzen Tag einnimmt. Eine kurze Trainingseinheit findet nocheinmal statt. Wir bauen unsere Zelte ab und packen die Autos. Ich übergebe Sister Mary Grace einen Teil unseres Materials (Schwungtuch und eine große Anzahl Bälle). Mit diesem Material und den 1000 Euro, kann sie nun unsere Arbeit mit Seminarteilnehmern fortsetzen. Das Geld wird sie für den Transport der Kinder, sowie für Essen und Trinken verwenden. Bereits vier Wochen später hat sie mit neuen Gruppen aktivitäten durchgeführt.Nach diesen zwei Tagen in Tacloban, sehe ich ein, dass wir einen gewissen Luxus benötigen, um qualitativ arbeiten zu können. Geht es dem Team, aus welchen Gründen auch immer nicht gut, ist es nicht möglich, gute Arbeit zu leisten.

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