"Der Vereinsname 'Borussia' ist unverhandelbar"

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Gaben am Montagabend die Pläne bekannt: Martin Geisendörfer und Michael Hamperl (beide "TSV Lehnerz") und Peter Enders ("Borussia Fulda", von links) 

"Offener Brief" der Fanszene von "Borussia Fulda" zum geplanten Zusammenschluss mit dem "TSV Lehnerz"

Fulda - Was die Fans von "Borussia Fulda" von dem geplanten Zusammenschluss mit dem "TSV Lehnerz" zur "SG Barockstadt Fulda Lehnerz" halten ("Fulda aktuell" berichtete am Montagabend) haben sie jetzt in einem "Offenen Brief" mit dem Titel "Borussia – ein Synonym für Fuldaer Fußball" dargelegt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut:

"Wir schreiben das Jahr 2018. Fußballdeutschland bewegt sich zunehmend auf einen durchkommerzialisierten Sport zu, in dem Vermarktung und Vereine als Investitionsobjekte die Überhand zu scheinen bekommen. Doch in den Ligen vier und fünf tummeln sich noch Oasen an Vereinen, die mit Tradition, Herzblut und Idealismus fernab der Profiligen ihren Spielbetrieb weiterführen. Auch wenn hier die Bandagen zugegebenermaßen ebenfalls härter geworden sind. In genau einer dieser Kurven sind wir beheimatet. Ende der Neunziger durften noch einige der treuen Anhänger, erleben wie große Vereine z.B. der 1. FC Nürnberg vor 18000 Zuschauern zu Gast waren. Die Regionalliga, zu dieser Zeit die dritthöchste Spielklasse, brachte so einige gestandene Namen aus dem Deutschen Fußballkosmos in die Johannisau. Neben traditionellen Hessischen Derbys gegen Kassel, Darmstadt 98 und den Kickers aus Offenbach, standen auch Vereine die später im Profifußball eine längerfristige Rolle spielen sollten, wie beispielsweise der VfR Aalen oder die TSG Hoffenheim, auf unserem Grün. Unvergessen bleiben die Helden dieser Tage: Das Stürmerduo Marco Fladung und Olivier Djappa (später Torschützenkönig der 2. Und 3. Liga), Altin Lala (Legende bei Hannover 96), Cesar Thier (Profi beim OFC und später Torwarttrainer bei Hoffenheim) waren weit über die Grenzen des Lokalsports bekannt. Auch lokale Talente wie beispielsweise Andreas Wischermann, „Tobi“ Lamp und Markus Unger schnürten damals die Schuhe für den Sportclub. Auch die Nachwuchsschmiede war nicht minder erfolgreich und brachte Talente wie den 31-Fachen Nationalspieler Sebastian Kehl hervor. Aber auch schon vor „unserer“ Zeit war der Verein nicht unbekannt in der Republik. Unter anderem als mehrfacher Teilnehmer in der Endrunde um die westdeutsche Meisterschaft in den dreißiger Jahren. 1932 der Höhepunkt unseres Vereins, das westdeutsche Finale gegen den FC Schalke 04 vor 45.000 Zuschauern. Der Sportclub holte mehrfache die Hessenmeisterschaft und zwischen 1957 bis zur Gründung der Bundesliga (1963) und dem endgültigen Abstieg 1964, Teilnehmer der zweithöchsten Deutschen Spielklasse. Ohne dies weiter vertiefen zu wollen – wir können auf eine lange Geschichte zurückblicken, die sich der Sportclub von 1904 den Titel „Traditionsverein“ mit Fug und Recht verdient hat.

Zeitsprung: Wir befinden uns in der Saison 2003/04. Misswirtschaft, Gier und persönliche Interessen haben den Verein zerfressen. Die Trümmer von Ross Shtyn, der zuvor noch den VfB Gießen in den Ruin trieb, lasten bis heute auf dem Verein. Folgerichtig der Lizenzentzug für die Oberliga Hessen – Abstieg in die Verbandsliga, drei Jahre festhalten am Strohhalm der Hessenliga bis 2009 – dann der tiefe Fall in die Bedeutungslosigkeit des Amateurfußballs. Nach Jahren in Ligen bis runter in die Gruppenliga (7. Liga), folgte 2015 endlich wieder der Aufstieg in das Fußballoberhaus Hessens. Kein kratzen an der Tür des Profifußballs, aber ehrlicher Fußball mit Bratwurst, Bier und einem kleinen, treuen Gefolge, dessen Herz immer noch schwarz-rotes Blut durch die Adern pumpt. Derbys gegen Lokalrivalen wie den Hünfelder SV, den SV Flieden und den TSV Lehnerz kommen wieder auf dem Spielplan. Auch wenn keiner der genannten Vereine eine organisierte Fanszene besitzt, waren die Derbys im Fuldaer Umland bekannt. In der Saison 15/16 schrieb sich das erste Derby gegen den Emporkömmling und neuen Stadtrivalen TSV Lehnerz vor ungeahnten 7.000 (offiziell 4.999) Zuschauern in die Annalen ein. Zwar kann man sicher nicht von einem Derby wie Eintracht Frankfurt – Offenbach, Hamburger SV – St. Pauli oder einem Leipziger Stadtderby reden, aber die Überheblichkeit des Vereins und der Anhängerschaft des TSV Lehnerz brachte einige Gemüter in der Fanszene zum Kochen. Die Abneigung gegen den von einer fünfjährigen Erfolgsgeschichte getragenen blau-weißen aus der nördlichen Vorstadt, sitzt wie ein Stachel im Herz der schwarz-roten Anhängerschaft. Die zwei hintereinander absolvierten Aufstiege bis zurück in die Hessenliga brachten noch etwas anderes mit sich - eine ungeahnte Euphorie in der Fanszene und der gesamten Fußball-Region Fulda. Der Vorstand der „Borussen“, dessen Arbeit bis Dato an dieser Stelle noch einmal gelobt werden soll, nahm den Aufwind mit. Träume von höherklassigem Fußball machten die Runde, „vierte, sogar dritte Liga“ war aus den Mündern einiger Funktionäre zu hören. Wir Fans freuten uns wieder von Namen wie SV Waldhof Mannheim, 1. FC Saarbrücken, den Stuttgarter Kickers und den hessischen Traditionsvereinen als Gegner träumen zu können. Freuten uns Fanszenen in unserem, in den letzten fünfzehn Jahren völlig überdimensionierten, Stadion zu empfangen. Nachdem wir die letzten Jahre mit einem Zuschauerschnitt von über 1.000 Fußballbegeisterten pro Saison hessenweit im Amateurbereich die Nummer eins waren, schien die Zeit gekommen einen Schritt weiter zu denken. Eine Sportsbar wurde statt dem Vereinsheim integriert und ein Caterer mit VIP-Bereich hielt Einzug in das Stadion der Stadt Fulda. Doch die Realität holte die Träume wieder ein: Der sportliche Erfolg blieb aus, die Konkurrenz in der Region schien zu stark, Machtkämpfe der Vereine durchziehen seitdem die Region und die nicht vorhandene Vereinsidentifikation mancher Spieler taten ihren Rest. Frust machte sich breit.

 „Kräfte bündeln, die Region mitnehmen, neue Ziele erreichen“ schien das neue Credo der Stunde im Sommer 2017. Und so wurden Pläne geschmiedet – selbstverständlich ohne Einbezug der Mitglieder und Fans. Die Vereinsführungen, Sponsoren (besonders zu erwähnen sind die Personen Geisendörfer und Enders) und Funktionäre planten innerhalb eines halben Jahres eine Zusammenlegung der Vereine. So wurden wir als Fanszene wenige Tage vor dem 9. April – dem Tag der dazugehörigen Pressenkonferenz - darüber informiert, dass eine Fusion zwischen dem Fuldaer Sportclub 1904 Borussia und dem TSV Lehnerz unter dem Namen „SG Barockstadt Fulda Lehnerz“ stattfinden solle. Ein unerwarteter Schock für die Fanszene des Vereins und viele Fuldaer Bürger, für die der lokale Fußball unabdingbar mit dem Namen „Borussia“ verbunden ist. Und das weit über die Grenzen des Landkreises hinaus!

Dass die Pläne bereits seit einiger Zeit ohne große Kommunikation in den Schubladen lagen, ließ den Schock nicht leichter verdauen. Es ist ein Resultat, das wir nicht mittragen wollen und werden! Weder das namentliche Ergebnis des Konstrukts, noch die Art und Weise der Kommunikation sind für uns akzeptabel. Auch ein vom Verein einberufenes Treffen mit der Fanszene am 10. April brachte die Verantwortlichen nicht dazu von dem Konzept abzuweichen. Dieses sieht wie folgt aus: Vereinsname: „Sportgemeinschaft Barockstadt Fulda Lehnerz“ Vereinsfarben: Schwarz-Rot-Blau Vereinssitz: Fulda Stadtteil Lehnerz Spielstätte: Johannisau Fulda Struktur: Lehnerz stellt die erste Mannschaft und übernimmt die Vereinsstrukturen als SG Barockstadt. Borussia Fulda zieht den Spielbetrieb zum Ende der laufenden Saison zurück und reduziert die Jugendarbeit von G- bis D-Jugend, der Verein SC Borussia Fulda wird bestehen bleiben. Nur um die relevanten Daten zu nennen.

Für uns als Fanszene ist der Vereinsname „Borussia“ unverhandelbar! Einer „Bündelung von Kräften“ steht der eine mehr der andere weniger skeptisch gegenüber, der Konsens der fast gesamten Fanszene bewegt sich unter: “Wenn es nicht anders geht ja, aber nicht zu diesem Preis“. Fairerweise muss gesagt werden: der TSV Lehnerz ist aktuell ein durchaus finanzstarker Verein, der mit seinem Geld und Engagement einen entscheidenden Teil zur Vereinsstruktur in der Fuldaer Fußballlandschaft beigetragen hat und somit nicht zu Unrecht den zweiten Platz (Stand 10. April 2018) der Hessenliga belegt. Das müssen wir anerkennen. Borussia Fulda ist ein Verein, der mit einer jahrzehntelangen Tradition - mit der man sich bis vor kurzem im Übrigen noch rühmte - einer überschaubaren aber gewachsenen Fanszene, einem bundesweit bekannten Namen, einer der wenigen schönen, übriggebliebenen Stadien dieser Republik und auf stabile Vereinsstrukturen zurückblicken kann. Dazu sei, wie vom Sportdirektor Möller bestätigte, „Borussia ein finanziell völlig gesunder Verein“. Ein Vergleich zur Fusion TSV Watzenborn-Steinberg und dem VfB Gießen, die sich aus Not zusammentaten, ist somit nicht gegeben.

Wir als Fanszene sind über unseren Schatten gesprungen und haben zähneknirschend akzeptiert mit Anhängern und Funktionären das Stadion zu teilen, die wir jahrelang als „arroganten Abschaum“ beschimpft haben und die Gesänge wie „Borussia Fulda ist tot“ von sich gaben. Haben akzeptiert, dass das Konstrukt auf wackeligen Beinen steht und haben vor Konsequenzen wie in Pforzheim oder Göttingen gewarnt. Haben darauf hingewiesen, dass es bereits vor über zehn Jahren waghalsige Bestrebungen mit Absturz gab, an deren Folgen der Verein heute noch zu knabbern hat. Haben wir versucht dem Vorstand des Vereins Borussia Fulda sachlich klar zu machen, dass man eine über hundertjährige Tradition (seit Vereinsgründung wurde der Name mehrfach geändert, „Borussia“ war jedoch immer ein fester Bestandteil) auslöscht um vielleicht ein paar gute Jahre in höheren Ligen zu haben. Trotz der genannten Punkte beschlossen wir als Kurve: Wir wollen den Weg gemeinsam gehen. Was wir erwarten, ist ein respektvoller Umgang mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Vereins. Sowohl gegenüber den Mitgliedern, als auch den Fans. Diese Augenhöhe sehen wir auf Grund der Intransparenz und Entmündigungen als nicht existent. Der Verein TSV Lehnerz wird kommenden Freitag, 13. April, über einen Zutritt zur Spielgemeinschaft abstimmen, bei Borussia ist dies auf Grund der weitergeführten Existenz des Stammvereins nicht notwendig. Auch wenn die Zeit mehr als knapp ist und die Chancen überaus gering: Wir sehen uns gezwungen zu kämpfen und unseren Protest kund zu tun – auf das der Name „Borussia“ weiterhin als Synonym für Fuldaer Fußballgeschichte bestehen bleibt.

BORUSSIA IST UNVERHANDELBAR! 11. April 2018 Hochstiftfreunde Fulda 2001/Party Legion Osthessen 2001/Block C Fulda

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