Pro&Contra: Ist eine mehrstündige Siesta für alle Deutschen sinnvoll?

Die Redaktionsmitglieder Bertram Lenz und Christopher Göbel debattieren über eine mögliche gesetzlich verankerte Siesta in Deutschland.

Pro: Seit über sechs Jahrzehnten haben wir Deutschen das südliche Europa als Urlaubsregion für uns entdeckt. Wir schwärmen beispielsweise von „Bella Italia“, rufen voll Entzückung und völlig entrückt „Viva España!“ und huldigen der Lebensweise, die in diesen Ländern gepflegt wird. Dass stets zur Mittags-/Nachmittagsstunde, wenn wir gesättigt vom All-Inclusive-Büfett die nähere Umgebung unseres Feriendomizils erkunden und vielleicht etwas einkaufen möchten, die meisten Läden geschlossen sind – auch daran haben wir uns schon gewöhnt. Und, Hand aufs Herz: Wie oft haben wir dann in südlichen Gefilden nicht schon davon geschwärmt, es möge bei uns doch auch so sein!

Siesta halten, das wäre doch zumindest eine Sache, die wir uns von Italien, Spanien oder Griechenland abschauen könnten. Und jetzt ist es endlich soweit, der Sommer 2019 verwöhnt (und stresst) uns mit Temperaturen, die an der 40-Grad-Marke kratzen. Beste Gelegenheit also, die Gunst der Stunde zu nutzen und die Anregung aus gewerkschaftlichen Kreisen zumindest nachdenklich auf uns wirken zu lassen, auch in Deutschland die Siesta im Gesetz zu verankern. Ich muss gestehen, dass eine solche Überlegung großen Reiz ausübt. Die Menschen wären, nach vielleicht dreistündiger Unterbrechung ihrer beruflichen Tätigkeit, sicher um einiges entspannter, als es gegenwärtig der Fall ist.

Was sich im Übrigen besonders im Straßenverkehr zeigt, wo viele mit aggressiver Miene hinterm Steuer sitzen und im besten Wortsinne los heizen, als gäbe es kein Morgen. Die Stadtverwaltung Darmstadt hat vor Kurzem eine etwas andere Variante in die öffentliche Debatte geworfen, wie mit der Hitze umzugehen ist: Schalter und Amtsstuben öffnen für die Bürger anstatt ab 8 oder 8.30 Uhr schon um 7 Uhr und schließen dafür früher. Man sieht also, die Diskussion ist im Gange und könnte irgendwann in eine bundesweite Siesta münden. Darauf ein nachmittägliches Nickerchen! (Bertram Lenz)

Contra: Zugegeben – es ist heiß draußen. So, wie in Südeuropa, beispielsweise in Spanien. Dort gibt es jeden Tag eine gesetzlich vorgeschriebene, mehrstündige Siesta. Für Deutschland schlägt Annelie Buntenbach vom Vorstand des „Deutschen Gewerkschaftsbundes“ vor, ebenfalls eine lange Mittagspause einzuführen. Zumindest bei Hitzewellen.

Die Idee klingt zwar auf den ersten Blick gut, aber ich halte das für überflüssig. Es würde sich mit vielen Arbeitsabläufen hierzulande gar nicht umsetzen lassen. Und daran hängen ja nicht nur die Arbeitsstunden, sondern auch Kindergärten und Schulen. Unsere Kinder ab der Mittelstufe haben oft die 7. und 8., in der Oberstufe manchmal sogar 9. und 10. Stunde Unterricht. Sollen sie dann um 20 Uhr aus der Schule kommen? Würden wir von 13 bis 16 Uhr alle Pause machen, würde sich unsere Arbeitszeit natürlich in den späten Abend verschieben. Und wenn das gesetzlich verordnet wäre, dann müsste das für alle gelten.

Und wenn das nicht einmal grundsätzlich gälte, sondern nur bei „Hitzewellen“, dann bin ich sicher, dass unser Wirtschaftssystem zeitweise zusammenbrechen würde. Ich spreche hier im Konjunktiv, weil es für mich keine sinnhafte Begründung für eine gesetzlich verankerte Siesta gibt. Wer in Berufen arbeitet, die im Freien besondere körperliche Anstrengung erfordern, der sollte auch jetzt schon von seinem Arbeitgeber dahingehend unterstützt werden, dass er seinen Job so gut wie möglich ausüben kann. Die Arbeitszeit auf Baustellen könnte beispielsweise bei großer Hitze morgens früher beginnen, wenn die Sonne noch nicht vom Himmel knallt.

Gleitende Arbeitszeit ist da eine aus meiner Sicht sinnvollere Alternative. Aber eine verordnete Mittagspause, in denen viele Arbeitnehmer aufgrund der Entfernung zwischen Arbeit und Zuhause stundenlang sinnlos herumsitzen würden, halte ich für nicht umsetzbar. Auch in Spanien regt sich übrigens Widerstand gegen die Siesta. (Christopher Göbel)

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