Dr. Kern: „Das Coronavirus ist immer ansteckender geworden“

Prof. Dr. Peter M. Kern ist Direktor der Klinik IV am Klinikum Fulda und Experte beim Thema Coronavirus. Im Gespräch mit unserer Zeitung informiert er über Immunisierung, Risiken und das bevorstehende Weihnachtsfest mit SARS-COV-2.
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Prof. Dr. Peter M. Kern ist Direktor der Klinik IV am Klinikum Fulda und Experte beim Thema Coronavirus. Im Gespräch mit unserer Zeitung informiert er über Immunisierung, Risiken und das bevorstehende Weihnachtsfest mit SARS-COV-2.

Prof. Dr. Peter M. Kern, Immunologe am Klinikum Fulda, im Gespräch über Impfung, Immunisierung und das Weihnachtsfest

Fulda. Dr. Peter M. Kern leitet seit 2010 die Medizinische Klinik IV am Klinikum Fulda. Er ist unter anderem klinischer Immunologe und beim Thema SARS-COV-2 einer der Experten in der Region. FULDA AKTUELL traf ihn im Klinikum Fulda zum Gespräch.

„Ein absoluter Schutz bei SARS-COV-2 ist eine Illusion“, sagt Kern. Immunität könne entweder durch Impfung oder Infektion entstehen, ein hundertprozentiger Schutz gegen das Virus sei aber beides nicht. Zumal der Schutz nach den Impfungen sukzessive abnehme: „Bei der Delta-Variante lag die Schutzwirkung zwei Wochen nach der zweiten Impfung bei etwa 80 Prozent, nach sechs Monaten noch bei 50 Prozent – verglichen mit Ungeimpften“, so der Immunologe. „Ein vollständiger Schutz der gesamten Bevölkerung unseres Landes ist durch Impfung mit den heute verfügbaren Impfstoffen rein rechnerisch nicht mehr möglich.“

Dies liege vor allem an der Ansteckungsfähigkeit des Virus. Die Transmissionsrate, also die Zahl der Personen, die ein Infizierter anstecken kann, lag in der Virus-Ursprungsvariante bei 2,6. Bei der Alpha-Variante waren es bereits 4,8, bei Delta 7,5. „Bei Omikron ist es wahrscheinlich um 15. Das Virus ist also immer ansteckender geworden“, sagt Kern.

Eine Infektion hinterlasse eine bessere Immunität als die gegenwärtig verfügbaren Impfstoffe. Der Schutz bei einer durchgemachten Infektion ist etwa zehnmal höher als bei der ,Biontech‘-Impfung. Um dieses Schutzniveau flächendeckend zu erreichen, müssten sich also alle Bundesbürger infizieren. „Das kann und darf aber nicht der Weg sein, denn das würde sehr viele Menschenleben kosten.“

Kern hofft darauf, dass neue und bessere Impfstoffe entwickelt werden, die so viel Immunität erzeugen wie die Infektion. „Daran wird schon lange gearbeitet, und ich rechne in den nächsten Monaten mit vielen neuen Impfstoffen, die dann zeigen müssen, was sie können“, so Kern. „Würden sich dann 90 Prozent der Bevölkerung mit solchen Impfstoffen impfen lassen, bräuchten wir keine Angst mehr vor dem Virus zu haben, denn eine Infektion muss nicht zwangsläufig zu einer schweren Erkrankung führen.“

Bei der Beurteilung der Situation sei es aber vor allem wichtig, das eigentliche Ziel im Auge zu haben, nämlich Todesfälle und schwere Krankheitsverläufe zu verhindern. „Das können die Impfungen sehr gut, denn sie reduzieren das Sterberisiko etwa um den Faktor 100. Wir müssen nicht jede Infektion vermeiden. Eine Infektion ohne schwere Erkrankung wäre ja kein Problem. „Das Virus ist überall präsent und niemand kann sich der Illusion hingeben, ihm zu entkommen“, warnt der Experte. Man habe nur die Wahl zwischen impfen und infizieren. „Die vierte Welle läuft derzeit massiv durch die Ungeschützten.“

Hohe Dunkelziffer

Laut Dr. Kern ist die tatsächliche Zahl der Corona-Infektionen höher als die der festgestellten. Von rund 20 Millionen nicht geimpften Bundesbürgern sind laut Kern rund fünf Millionen durch unbemerkte frühere Corona-Infektion dennoch geschützt.

„Da weder Impfung noch Infektion einen hundertprozentigen Schutz geben können, wird es auch in Zukunft bei vollständiger Immunisierung der Bevölkerung immer wieder Todesfälle wegen Corona geben“. Diese würden pro Jahr etwa bei 20.000 Menschen liegen. „Damit wären wir in etwa bei der Sterberate der Grippe“, so Kern. Es könne jedoch immer wieder neue Virus-Mutationen geben. „Der Unterschied zur Grippe ist aber, dass wir bei SARS-COV-2 deutlich höhere Impfquoten bräuchten. Etwa 90 Prozent“, sagt der Experte. Gegen die Grippe ließen sich jährlich rund 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung impfen.

Einige Bundesländer wollen die Booster-Impfungen bereits nach vier Wochen verabreichen. „Da ist viel Aktionismus dabei“, sagt Kern. Er vergleicht die Impfung mit einem Lehrbuch. „Das Immunsystem muss den Kampf gegen das Virus lernen“, so Kern. „Wer beim Lesen eines Textes einen Absatz nicht versteht, wird ihn wohl auch beim zweiten, dritten oder vierten Mal nicht verstehen.“ So ähnlich sei das auch bei den bisher gängigen Impfstoffen. Was das Immunsystem bei der ersten Impfung nicht versteht, verstehe es auch bei der nächsten und übernächsten Impfung mit dem selben Impfstoff nicht. Es bräuchte bessere Impfstoffe, um die Pandemie besser in den Griff zu bekommen.

Kein Zusammenhang zwischen Nebenwirkung und Wirkung

Durch die Impfung werde dem Immunsystem vorgespielt, dass ein Virus den Körper befallen hat. Daher erzeugt das Immunsystem als Abwehrreaktion eine Entzündung, die mit typischen Symptomen wie Fieber, Schmerzen im Kopf oder im Bewegungsapparat und Abgeschlagenheit einhergehen könne. „Das zeigt, dass das Immunsystem aktiviert wurde. Es gibt aber keinen Zusammenhang zwischen der Stärke der Impf-Nebenwirkungen und der Qualität der Immunantwort. „Nebenwirkungen oder keine Nebenwirkungen – das sagt nichts über den Wirkungsgrad der Impfung aus“, so Kern.

Es gebe keine wissenschaftlichen Beweise für dauerhafte Schäden nach Corona-Impfungen. Schwere Nebenwirkungen seien bisher nur bei 200 von einer Million Geimpften aufgetreten. „Todesfälle nach Impfung sind seltener als einer pro einer Million und liegen damit deutlich unterhalb des alltäglichen Unfallrisikos.“

Es gebe aber auch Menschen, bei denen Impfreaktionen heftiger ausfallen könnten als bei gesunden. Dazu gehören vor allem Personen mit Autoimmunerkrankungen. „Die Grundkrankheit wird durch die Impfung nicht dauerhaft verschlechtert, aber vorübergehend können sich ihre Symptome verstärken. Das ist also kein Grund, sich gegen die Impfung zu entscheiden.“

Der Immunologe empfiehlt die Impfung ausdrücklich auch Menschen, deren Immunsystem medikamentös oder aus anderen Gründen geschwächt wird. „Der Schutz ist dann nicht ganz so gut, aber wenig Schutz ist besser als gar keiner“, so Kern. „Man darf sich dann nach einer Impfung natürlich nicht sicher fühlen, sondern muss wissen, dass man stärker gefährdet bleibt als Gesunde, und die Schutzmaßnahmen weiter sorgfältig befolgen sollte.“

Menschen, die sich aus medizinischen Gründen nicht gegen Corona impfen lassen können, haben laut Kern dennoch Möglichkeiten, sich zu schützen. „Dafür ist das eigene Verhalten maßgeblich. Abstand, Hygienemaßnahmen und Masken schützen ebenfalls sehr. Die Distanzierungsmaßnahmen der Regierungen haben ja gewirkt, wie wir weltweit mehrfach beobachtet haben. Im Lockdown sanken die Inzidenzen gegen Null. Das ist das Rezept für Menschen, die nicht geimpft werden können“, konstatiert der Experte. „Niemand ist schutzlos.“

„Völliger Blödsinn“

Dass die Gesundheitsminister der Länder und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach nun beschlossen haben, bei 2Gplus-Veranstaltungen Geboosterte von der Testpflicht auszunehmen, hält Kern für „völligen Blödsinn“. „Das Virus kann auch trotz Impfung weitergegeben werden. Darin liegt die Gefahr für die Virusausbreitung.“ Aus seiner Sicht seien negative Antigen- oder PCR-Tests wesentlich effektiver als der Nachweis von Impfungen. „Die Testung gegen Impfung ersetzen, geht an der Realität vorbei“, sagt der Immunologe. „2Gplus ist derzeit das sicherste Mittel, die Verbreitung des Virus zu stoppen“, konstatiert er.

Wie sieht es mit dem bevorstehenden Weihnachtsfest aus? „Eine Verfahrensweise, die für alle richtig ist, kann es nicht geben. Die Risiken, an Corona zu sterben, sind altersbezogen extrem unterschiedlich. Bei einem 80-Jährigen ist es 10.000-fach höher als bei einem 20-Jährigen. Bei 60-Jährigen liegt es bei 0,5 Prozent, bei 70-Jährigen bei fünf Prozent und bei 90-Jährigen bei 50 Prozent“, sagt Kern. Das sei gerade bei Familienfesten wichtig zu wissen, bei denen wo die Generationen zusammen kommen. Ferner sollte man sich folgende Fragen stellen: Sind alle geimpft? Kann regelmäßig gelüftet werden? Kann man die Gruppe vielleicht verkleinern? „Wichtig ist, auf die alten Menschen zu achten“, so der Immunologe.

Auch wenn alle Teilnehmer geimpft seien, sollten sich alle vor dem Zusammentreffen testen (lassen). „Je älter die Teilnehmer, je geschlossener die Räume und je niedriger der Impfstatus, desto einsamer sollte man das Fest verbringen“, so Kern. Wer jetzt noch nicht geimpft ist, sollte das umgehend tun, denn auch nach der ersten Impfung sei ein gewisser Schutz bis Weihnachten vorhanden.

Was Prof. Dr. Peter M. Kern am Herzen liegt, ist, dass es keine Grabenkämpfe zwischen Geimpften und Ungeimpften gibt, welche die Gesellschaft spalten. „Damit ist niemandem gedient, denn die Pandemie lässt sich letztlich nur gemeinsam besiegen“, so Kern. Das Virus selbst werde aber nie mehr verschwinden. Schutzmaßnahmen könne jeder ergreifen und Risiken müsse jeder für sich selbst und für andere abwägen. Bessere Impfstoffe, die in Entwicklung befindlichen Therapiemöglichkeiten und das verantwortungsvolle Handeln jedes Einzelnen sind für ihn der Weg aus der Pandemie, um letztendlich Corona irgendwann auf den Status der alljährlich wiederkehrenden Grippe zu bringen.

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