Unglück im Bahnhof Neuhof: Hätte Tod der 16-Jährigen verhindert werden können?

+
Die Erste Große Strafkammer am Landgericht Fulda unter Vorsitz von Richter Josef Richter.

Prozessauftakt vor dem Landgericht Fulda: Vier Männer wegen fahrlässiger Tötung angeklagt / Verteidiger warnt vor Vorverurteilung

Fulda - Das tragische Ereignis hatte einst die ganze Region bewegt: Im Februar 2010 war eine 16-Jährige am Neuhofer Bahnhof zu Tode gekommen. Vor der Ersten Großen Strafkammer am Landgericht Fulda hat bei lebhaftem medialen Interesse am Dienstag das Verfahren gegen vier Angeklagte im Alter zwischen 41 und 67 Jahren wegen fahrlässiger Tötung begonnen. Den Vorsitz hat Richter Josef Richter inne, die Anklage vertritt Staatsanwältin Lambiel. Als Nebenklagevertreterin nimmt die Mutter der getöteten 16-Jährigen am Prozess teil, ihr zur Seite steht Rechtsanwalt Rudolf Karras.   

Den vier Männern wird von der Staatsanwaltschaft zur Last gelegt, am 4. Februar 2010 "fahrlässig durch Unterlassen" den Tod der 16-jährigen Schülerin verursacht zu haben. Die junge Frau befand sich gegen 7.24 Uhr auf dem Bahnsteig des Bahnhofs Neuhof, um mit dem aus Frankfurt kommenden Regionalexpress nach Fulda weiterzufahren. Laut Staatsanwaltschaft war der Bahnsteig "zu dieser Zeit nicht ordnungsgemäß, nämlich nicht durchgehend auf der vorgeschriebenen Tiefe von 1,80 Meter ausgehend von der Bahnsteigkante, sondern bisweilen lediglich bis auf 1,24 Meter von Schnee geräumt". Infolgedessen befanden sich eine erhebliche Anzahl der wartenden Schüler, die sich bereits wie üblich vor der Einfahrt des Regionalzuges auf dem Bahnsteig aufhielten, außerhalb des Sicherheitsbereichs, also im Bereich hinter der Sicherheitslinie zur Bahnsteigkante hin.

"Zusätzlich zu dem mangelhaften Räumzustand befanden sich nicht nur vereinzelte, sondern erhebliche Eisbildungen auf dem Bahnsteig, die durch einen ordentlichen Winterdienst hätten verhindert werden können". Unmittelbar vor der Einfahrt des Zuges in den Bahnhof rutschte die Schülerin auf einer vereisten Stelle im Bereich der Bahnsteigkante aus und stürzte in das Gleisbett, wo sie von dem einfahrenden Zug überrollt wurde und tödliche Verletzungen erlitt.

Staatsanwältin Lambiel, die jeden der vier Männer mit den ihm zur Last gelegten Vorwürfen konfrontierte, schloss stets mit den Worten: "Der Tod des jungen Mädchens hätte bei ordnungsgemäßer Durchführung des Winterdienstes mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert werden können".  

Der Rechtsanwalt des Fahrdienstleiters gab zu Beginn eine Erklärung ab, der sich auch die übrigen drei Verteidiger anschlossen. Dabei betonte er zunächst, dass es sich um einen unbestritten schrecklichen Sachverhalt handele, mahnte aber zugleich die Gefahr einer öffentlichen Vorverurteilung ein. Die lange Historie des Falles zeige, "dass der Sachverhalt freilich kein klarer und einfach zu verhandelnder ist".

Das Landgericht Fulda hatte die Eröffnung des Verfahrens 2017 abgelehnt, da es unmöglich sei, mit der erforderlichen Sicherheit festzustellen, ob zum damaligen Zeitpunkt der Bahnsteig sowie  die Unfallstelle derart glatt gewesen seien, um einen Winterdiensteinsatz notwendig zu machen. Auch sei nicht sicher feststellbar, ob ein solcher Winterdiensteinsatz den Unfall hätte verhindern können. Die dagegen gerichtete Beschwerde der Staatsanwaltschaft hatte 2018 vor dem Oberlandesgericht Frankfurt Erfolg, das die Anklage zur Hauptverhandlung zuließ und das Verfahren vor dem Landgericht Fulda eröffnete. Dies zeige, dass auch Richter unterschiedlicher Meinung seien. "Wir können uns hier nur auf Zeugenaussagen stützen, die auf  neuneinhalbjährigen Erinnerungen basieren", so der Rechtsanwalt. Vieles werde sich auf Spekulationen stützen, die sich um die Fragen "Hätte" und "Wäre" drehten.

Der Mutter der Schülerin  kamen  bei diesen Aussagen die Tränen. Ihr Rechtsbeistand Karras führte aus, dass es Aufgabe des Gerichts sein müsse, die Wahrheit herauszufinden. "Trotz der langen Zeit, die vergangen ist, muss herausgefunden werden, was passiert ist", so Karras. Ein großer zeitlicher Abstand dürfe nicht zur Konsequenz haben, dass der Strafprozess abgeschafft werde. Alles, was bei Strafprozessen verhandelt werde, liege naturgemäß in der Vergangenheit. Karras zog als Vergleich die Auschwitz-Prozesse heran und handelte sich dafür eine harsche Reaktion eines der Verteidiger ein, der von einem "absurden Vergleich" sprach.

Der Prozess wird am Freitag, 23. August, fortgesetzt. Insgesamt sind bis zum 31. Januar 2020 31 Verhandlungstermine angesetzt.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Große Party zum 20. „Globus”-Geburtstag in Petersberg

Große Party zum 20. „Globus”-Geburtstag in Petersberg

Großenlüder: Verkehrsunfall mit leichtverletztem Rollerfahrer

Außerdem entstanden 5.200 Euro Sachschaden.
Großenlüder: Verkehrsunfall mit leichtverletztem Rollerfahrer

Rhönsprudel-Biosphärencamp 2019: Kinderreporterin Lara berichtet

Die FULDA AKTUELL-Kinderreporterin Lara Axt beschreibt, wie ihr das diesjährige Rhönsprudel-Biosphärencamp gefallen hat.
Rhönsprudel-Biosphärencamp 2019: Kinderreporterin Lara berichtet

Hünfeld: Unbekannter fährt gegen Parkscheinautomat und haut ab

Tatzeit: Vergangene Nacht zwischen 21 und 0.30 Uhr.
Hünfeld: Unbekannter fährt gegen Parkscheinautomat und haut ab

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.