Pfarrer Johannes Wildner: Aus Schlitz nach Schottland

Abschied des evangelischen Pfarrers und seiner Familie aus der Burgenstadt steht bevor

Schlitz - Es wird geräumt im Pfarrhaus in Schlitz, aussortiert und eingepackt; ein Sechspersonenhaushalt wird verräumt und bald verschifft beziehungsweise auf Lkw verladen: Der Abschied der Familie Wildner steht bevor. Johannes Wildner, Evangelischer Pfarrer der Kirchengemeinden Schlitz und Hutzdorf, seine Frau Käthe, Theaterpädagogin und Dozentin für Deutsch als Fremdsprache, und die vier Kinder im Alter von 13 bis 18 Jahren verlassen nicht nur die Burgenstadt und die Region, nein, es zieht sie weiter: Am 1. September tritt Wildner eine neue Stelle in der Church of Scotland an. Tullibody ist die erste Anlaufstelle dort, eine Kleinstadt im Verwaltungsbezirk Clackmannanshire gelegen in den Central Lowlands zwischen Glasgow und Edinburgh. „Nach zwölf Jahren hier in Schlitz ist es Zeit geworden, etwas Neues zu beginnen“, so Pfarrer Wildner, der sich auf seine neue Herausforderung freut, aber auch voller Dank und Erfüllung auf die prägenden Jahre in Schlitz zurückblickt. Seine erste Pfarrstelle nach dem Studium und dem Vikariat war es hier; er, der aus Berlin stammt, suchte eine ländlich geprägte Umgebung für sich und seine Familie. In Schlitz habe er damals alles gefunden einschließlich einem wunderschönen Pfarrhaus, das die Wildners mit jeder Menge Leben erfüllt haben und mit viel neuem Schwung.

Denn ein weiteres Kind der Familie waren die Schlitzer Theaternächte, die sie im Lauf der letzten Jahre unter der Federführung von Käthe Wildner als kulturellen Standard weit über die Grenzen der Stadt hinaus etabliert haben. „Dabei ging es nie allein um das Theater und um das Stück, sondern immer auch um die christliche Botschaft dahinter“, blickt Wildner zurück: Gerechtigkeit und Nächstenliebe waren Themen der Stücke, auch Veränderung, und zuletzt der Blick auf das Jüngste Gericht. Durch sein Studium in Glasgow ist er erstmals mit dem Land und der Church of Scotland in Berührung gekommen. All dem blieb er verbunden, besuchte auch mit seiner Familie den nördlichen Teil des Vereinten Königreiches immer mal wieder und erlebte hier eine tiefe, intensive Art des Glaubens. Im vergangenen Jahr dann streckte er seine Fühler aus und bewarb sich um eine Stelle dort. Nach einem Auswahlverfahren wurde er aufgenommen, nun bereitet er sich vor Ort ein Jahr lang auf den Dienst in der Schottischen Kirche vor.

„Es wird wie eine Art Vikariat sein, in dem ich einen Pfarrer begleite und Kurse zum Kirchenrecht und zur Kirchengeschichte der Church of Scotland, einer reformierten Kirche, absolvieren werde.“ Wenn er die Prüfung nach einem Jahr besteht, kann er sich wie ein ganz normaler Pfarrer der Church of Scotland überall im Land bewerben. Für seinen Auslandsaufenthalt ist er zunächst für sechs Jahre von der EKHN, der „Landeskirche in Hessen und Nassau“, beurlaubt. „Das gibt mir und meiner Familie natürlich die Sicherheit für dieses Wagnis, zu wissen, dass wir auch wieder zurückkommen können“, so Wildner. Andererseits ist es aber auch völlig offen, was die Jahre bringen werden. An der Church of Scotland haben den Theologen viele Dinge gereizt. Die evangelikale Ausrichtung der Kirche greife mehr auf die Wurzeln des evangelischen Glaubens zurück – für ihn ein wichtiges Moment auch seiner theologischen Sicht. Zugleich verstehe sich die Church of Scotland aber auch als Volkskirche im Dienst für alle Menschen in Schottland. Aufgrund der Tatsache, dass sich die Church of Scotland nicht auf die sicheren Einnahmen aus Kirchensteuern wie in Deutschland verlassen könne, stehe sie in diesen Zeiten vor einer viel größeren Herausforderung als die Evangelische Kirche in Deutschland, die sich nach Meinung Wildners viel mit sich selbst und ihrer Struktur beschäftigt. „Die Kirche in Schottland ist wirklich in Not, wir hier in Deutschland sind das noch lange nicht.“ Dadurch hinterfrage sich die Schottische Kirche selbstkritischer: „Was ist mein Dienst an den Menschen? Wo kann ich für sie da sein? Was ist mein Auftrag von Gott und wie kann ich ihn erfüllen?“

Wie fast überall in der westlichen Welt leidet auch die Church of Scotland unter einem Schwund der Mitglieder, berichtet der Pfarrer, doch anders als die Deutsche Kirche reagiere sie mehr an der Basis, habe sich einen „radical action plan“ verordnet, der sie wieder mehr zu den Wurzeln kirchlichen Handelns, zu den Menschen führen soll, auch auf die Gefahr hin ihre eigene Existenz zu riskieren. Nicht zuletzt waren es die Veränderungen in den Gemeinden in und um Schlitz, die seine Entscheidung wegzugehen mitbestimmt haben. „Auch hier tut sich gerade sehr viel. So ist es für mich ein guter Zeitpunkt, eine neue Herausforderung in der Kirche zu suchen.“ Dass seine Familie diesen Wunsch mitträgt, ist ein großes Glück für ihn, denn seine Kinder wissen am allerwenigsten, was auf sie zukommt, wenn sie ihre alte Heimat, ihre Freundinnen und Freunde verlassen.

 Sie werden neue Schulen besuchen, was in Zeiten von Corona ganz anders sein wird, als man es sich eigentlich erhofft hätte.

In den letzten Wochen im Vogelsberg blickt er zurück auf zwölf erfüllte Jahre in Schlitz. Viele tiefgreifende Begegnungen mit Menschen und markante Erlebnisse bleiben ihm in Erinnerung – die Theaternächte, die 1200-Jahr-Feier, die Reisen an ungewöhnlich Orte christlichen Lebens überall auf der Welt. Letztere, so sagt er, haben ihn verändert und ihm gezeigt, wie wichtig Bewegung und Reisen sei. Schon in der Bibel sei der Weg, das Unbehauste, die Reise, zentrales Element gewesen. „Man bewegt sich von einer Gotteserfahrung zur nächsten, und man erlebt und findet Gott auch in anderen Religionen“, beschreibt der 44-Jährige seinen Antrieb.

In zwei Gottesdiensten hat sich Pfarrer Wildner im Juli von den Menschen, die ihm in Hutzdorf und Schlitz ans Herz gewachsen sind, nun verabschiedet. Ohne viel Tamtam, so wie die Zeit es gerade erfordert, wie es aber auch zu ihm passt. Dass er sich nicht mehr persönlich von seinen Kolleginnen und Kollegen im Pfarrkonvent verabschieden konnte, schmerzt ihn, aber auch das gehört zum Wachsen und schließlich: „Denn wir sind ja nicht weg, nur woanders.“

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