Wie wappnen sich Seniorenpflegeheime gegen das Coronavirus? 

+

Umfrage bei verschiedenen Einrichtungen in der osthessischen Region

Region - Derzeit vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht von schrecklichen Nachrichten aus Seniorenheimen aufgeschreckt werden, wo Bewohner und Pflegepersonal an dem Coronavirus erkrankt sind. Mit oftmals tödlichen Folgen. Inzwischen hat man auch auf Landesebene (endlich!) die Gefahr erkannt und seit Mittwoch ein komplettes Besuchsverbot erlassen.

„Fulda aktuell“ wollte von Betreibern von Altenpflege-Einrichtungen in unserer Region unter anderem wissen, welche (Schutz)-Maßnahmen getroffen wurden und wie die Reaktion von Bewohnern und Personal ist .

„DRK Fulda“

Markus Otto, der Leiter des Geschäftsbereiches Senioren beim „DRK-Kreisverband Fulda“, betont, dass man schon sehr früh Maßnahmen ergriffen habe, um der Entwicklung rechtzeitig begegnen zu können. Gerade auch was die Besuchsregelung angehe. „Sowohl bei den Bewohnern als auch bei den Angehörigen ist unser Vorgehen auf sehr großes Verständnis gestoßen“, so Otto. Dies, obgleich die Situation nicht einfach für die alten Menschen sei. Um das Ganze ein wenig erträglicher zu machen, werde verstärkt telefoniert oder man arbeite mit Skype. „Und die Angehörigen sind da auch sehr erfinderisch“, lobt Otto, und verabredeten beispielsweise zu ganz bestimmte Zeiten, um ihren Lieben im Heim von außerhalb zuzuwinken. Besonders gefragt seien in diesen Zeiten natürlich die Mitarbeiter in den insgesamt sechs Heimen, für die das „DRK Fulda“ in Verantwortung steht: „Die machen gerade jetzt, in dieser ganz besonderen Situation, einen tollen Job“, lobt der Leiter des Geschäftsbereiches Senioren. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass viele unter einer Mehrfachbelastung durch Familie und Arbeit stünden. „Und: Sie sind jetzt als doppelte Kommunikatoren gefragt. Zum einen nach innen, weil unsere Senioren verstärkt Ansprache brauchen, zum andern nach außen“. Daher seien das Engagement und der Einsatz sehr lobenswert. Trotz der Situation herrsche eine gute Atmosphäre, „und zufriedene Mitarbeiter sind immer auch zufriedene Bewohner“.

„Caritasverband“

Für den „Caritasverband für die Diözese Fulda“ hat Pressereferent Dr. Christian Scharf Stellung genommen. Danach ist oberste Prämisse des Handelns der Schutz der Bewohner vor Ansteckung. Da sie auf Grund ihres Alters zur Risikogruppe gehören, gilt ein Besuchsverbot in den Einrichtungen. Gruppenveranstaltungen sind ebenfalls zurzeit nicht möglich, aber es finden individuelle Einzelbetreuungsangebote statt, und es wird darauf geachtet, dass niemand vereinsamt. Seelsorge ist – wo nötig – gewährleistet. Gottesdienste erfolgen per Videoübertragung. Mit den Pflegekräften und dem übrigen Personal sei ein sensibles Meldesystem verabredet worden, um zu verhindern, dass Coronaviren über Mitarbeitende ins Haus gebracht werden, so Scharf. Die Maßnahmen seien unangenehm, „aber sie werden als Schutzmaßnahmen sowohl von den Bewohnern als auch von den Angehörigen natürlich akzeptiert. Die Teams sind verlässlich und engagiert. Alle wissen, wie wichtig es ist, keinen Fehler zu machen“. Natürlich sei das für alte Menschen traurig, den Partner, die Kinder und Enkel nicht sehen zu können. Man bemühe sich aber, „die Kommunikation zwischen Draußen und Drinnen am Laufen zu halten – zum Glück gibt es ja digitale Kanäle, die auch älteren Menschen mittlerweile vertraut sind“.

„Mediana“-Gruppe

Zum Schutz der Bewohner, ihrer Angehörigen und des Personals, hatte die „Mediana“-Gruppe bereits am 13. März ein Besuchsverbot ausgesprochen, wie Geschäftsführer Bastian Hans sagt. Diese Maßnahme sei nur bei einigen wenigen Angehörigen auf Kritik gestoßen und fände generell große Akzeptanz. Ein hohes Lob hat Hans für die Mitarbeiter parat, die trotz der nicht leichten Situation mit viel Engagement tätig seien. Für Erkrankungen wie Influenza oder den Norovirus gebe es eigene „Ausbruchsmanagement-Pläne.“ Nachdem das „Robert-Koch-Institut“ (RKI) erste Hinweise zu Verhaltensmaßnahmen bei Corona herausgegeben habe, seien die Pläne angepasst worden.

Inzwischen hat die aktuelle Entwicklung Hans' Aussagen überholt: Angesichts von mehreren Erkrankungen im "Pflegestift Mediana"  hat das Gesundheitsamt des Landkreises Fulda entschieden, dass alle 180 Beschäftigten und alle 260 Bewohnerinnen und Bewohner auf das Coronavirus getestet werden. 110 Personen waren seit Sonntag abgestrichen worden. Hans dazu: Bewohner und Mitarbeiter vor dem Corona-Virus zu schützen – das hat im ,Mediana Pflegestift' höchste Priorität. Deshalb war es uns wichtig, dass von allen, die im ,Pflegestift' leben oder arbeiten, so schnell wie möglich Abstriche gemacht werden. Dazu zählen auch alle Mitarbeiter des ,Pflegestifts', denen wir die Gewissheit geben wollen, ob sie sich angesteckt haben oder nicht". Ziel sei es, die Infektionskette zu unterbrechen und einen exakten Überblick zu erhalten. „So können wir auf Grundlage gesicherter Daten entscheiden, welche der vorbereiteten Maßnahmen greifen müssen und wie wir die gewohnte Betreuung und Pflege der Senioren ohne Risiko für Bewohner oder Mitarbeiter sicherstellen können".

„Haus Bethanien“

Auch im „Haus Bethanien“ in Hünfeld gibt es seit einiger Zeit ein Besucherverbot, wie Heimleiter Michael Lotz erläutert. Diese Maßnahme treffe auf großes Verständnis, „gut 99 Prozent der davon betroffenen Personen verhalten sich kooperativ“. Auch das „Haus Bethanien“ sei mit diesem Schritt sehr frühzeitig aktiv geworden. Um den Bewohnern dennoch Abwechslung zuteil werden zu lassen, und ihnen einen „neuen Alltag“ zu gestalten, wolle man sich an einer Initiative beteiligen, mit der Kinder Briefe an die alten Menschen im Heim schreiben. „Und an diesem Wochenende ist ein Gartenkonzert geplant, bei dem unsere Bewohner von ihren Fenstern aus der Musik lauschen können“, so Lotz. Der Heimleiter hält es im Übrigen „aktuell nicht für praktikabel“, Heimbewohner – wenn auch nur für kurze Zeit – zu Hause unterzubringen. Dort könne ihre Versorgung nicht so gewährleistet sein wie im Heim, zudem sei die Gefahr größer, sich mit dem Virus zu infizieren. „Und außerdem sind die ambulanten Pflegekräfte derzeit noch ganz anderen Herausforderungen ausgesetzt wie jene in der stationären Pflege“.

„Vinzenz-Gruppe“

Sven Haustein, Geschäftsführer der „St. Vinzenz Soziale Werke gGmbH“ betont: „Wir haben früh einen Krisenstab gebildet. Einrichtungsleitungen und Verantwortliche der Geschäftsleitung stimmen sich täglich in einer Telefonkonferenz ab und beurteilen die Lage. Dabei werden getroffene Maßnahmen ständig überprüft und angepasst. Wichtig ist eine enge Kommunikation mit den Mitarbeitern, Bewohnern und Angehörigen unserer fünf Pflegeeinrichtungen. Das gilt ebenso für unsere vier Kindertagesstätten und das Hospiz“. Man sei außerdem in einem engen Austausch mit den Krankenhäusern der „Vinzenz-Gruppe Fulda“, anderen Trägern und den Behörden.

Die Einrichtungen seien frühzeitig für Besucher und Externe eingeschränkt worden: „Es werden nur in Ausnahmefällen und in Absprache mit den Einrichtungsleitungen Besucher zugelassen. Diese Maßnahmen sind sowohl für unsere Bewohner als auch die Angehörigen eine hohe psychische Belastung. Die Maßnahmen sind allerdings notwendig, um die Ansteckungsgefahr möglichst gering zu halten. Unsere Mitarbeiter in den Einrichtungen sind durch diese Maßnahmen noch stärker gefordert, was natürlich eine sehr hohe Belastung zur Folge hat. Dennoch sind wir bemüht, uns mit dieser nie dagewesenen Situation so gut wie möglich zu arrangieren“. Bis auf wenige Ausnahmen unterstützten Bewohner und Angehörige bei der Bewältigung der in dieser Form nie dagewesenen Notfallsituation.

Die Maßnahmen und Verordnungen ließen sich nur gemeinsam umsetzen. Das Pflegepersonal sei einer hohen psychischen und physischen Belastung ausgesetzt. Haustein:  „Aufgrund der Notfallpläne arbeiten wir in kleinen Teams, um auch hier das Risiko einer Ansteckung auf ein Minimum zu reduzieren und mögliche Quarantänemaßnahmen mehrerer Mitarbeiter zu reduzieren“. Die Krise zeige, wie wichtig Pflegekräfte und Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen für unsere Gesellschaft seien. „In der Vergangenheit haben wir diese Wertschätzung manchmal vermisst, und es ist zu hoffen, dass sich das gesellschaftliche Bild nach der Corona-Pandemie verändert, auch in Bezug auf die Entlohnung in der Pflege und Sozialwirtschaft“, so Haustein. „Mein Dank geht an alle unsere Mitarbeiter in unseren Einrichtungen, sowohl in der Pflege als auch in den Kitas und Verwaltung. Durch den enormen Fachkräftemangel war es vor der aktuellen Krise manchmal kaum möglich, die täglichen Herausforderungen in unseren Einrichtungen zu erfüllen. Dank des überdurchschnittlichen Engagements unserer Mitarbeiter haben wir es trotzdem immer wieder geschafft. Wichtig ist es nun, dass wir alle in diesen noch schwierigeren Zeiten zusammenstehen und die derzeit stark geforderten Berufsgruppen unterstützen“.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Brand in Ried: Ursache und Schadenshöhe noch unklar

Feuer war am frühen Dienstagmorgen in Einfamilienhaus ausgebrochen
Brand in Ried: Ursache und Schadenshöhe noch unklar

Der "Fulda"-Besatzung einen Gruß übermitteln 

Appell des osthessischen Bundestagsabgeordneten Brand / Minenjagdboot derzeit vor Estland im Einsatz
Der "Fulda"-Besatzung einen Gruß übermitteln 

Sohn drin, Vater draußen: Kleiner Lauterbacher plötzlich allein im Zug

Achtjähriger ohne Papa von Bad Hersfeld nach Fulda unterwegs
Sohn drin, Vater draußen: Kleiner Lauterbacher plötzlich allein im Zug

Cabrioverdeck eines Mini Cooper S beschädigt

Polizei sucht Zeugen: Unbekannte schnitten in der Buttlarstraße mit einem spitzen Gegenstand in ein Cabrioverdeck.
Cabrioverdeck eines Mini Cooper S beschädigt

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.