Sollen Kinder auch geimpft werden?

Dr. med. Reinald Repp
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Dr. med. Reinald Repp

Zu der Thematik „Impfungen für Kinder“ hat „Fulda aktuell“ mit Professor Dr. med. Reinald Repp gesprochen.

Fulda. Bei einem eigenen Impfgipfel wollten Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten am Donnerstag beraten, ob und wann Kinder und Jugendliche gegen das Coronavirus geimpft werden sollten. Zu der Thematik hat„Fulda aktuell“ Professor Dr. med. Reinald Repp verschiedene Fragen gestellt. Der Facharzt ist Direktor der „Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Fulda“

FULDA AKTUELL: Wie stehen Sie zu den Impfungen für Kinder und Jugendliche?

PROFESSOR REPP: Natürlich habe ich als Kinderarzt zu dieser Frage eine Meinung und kann mir diese aufgrund meiner zusätzlichen Ausbildung als Infektiologe und Virologe vielleicht auch fundiert bilden, aber derzeit haben wir ja schon eine Überschwemmung mit Meinungen, ohne dass sich die auf gesetzlicher Basis europaweit und landesweit zuständigen Expertengremien konkret geäußert haben. Warum sollten Einzelne, die zudem nicht auf so umfangreiche Hintergrundinformationen zugreifen können, sich anmaßen, alles vorab schon besser zu wissen. Leider ist genau dieses Verhalten derzeit bis zu den höchsten politischen Entscheidungsträgern weit verbreitet und hat bereits zu einer massiven Verunsicherung in der Bevölkerung geführt, bevor Impfungen für Kinder und Jugendliche überhaupt verfügbar sind.

In Deutschland zuständig für die Bewertung von Impfungen ist die „Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut“, ein Gremium aus 18 Expertinnen und Experten aus verschiedenen medizinischen Bereichen, von denen vier aus der Kinder- und Jugendmedizin kommen. Die „STIKO“ entwickelt Impfempfehlungen für Deutschland und berücksichtigt dabei nicht nur deren Nutzen für das geimpfte Individuum, sondern auch für die gesamte Bevölkerung. Die „STIKO“ orientiert sich dabei an den Kriterien der evidenzbasierten Medizin. Auf die Entscheidung dieses Gremiums, die sicher dann auch umfassend begründet wird, sollten wir warten.

FA: Wie hoch ist generell die Gefährdung von Kindern und Jugendlichen durch eine Infektion mit dem Virus?

REPP: Es ist ganz klar, dass das Risiko, an COVID-19 schwer zu erkranken oder daran zu sterben, mit höherem Alter deutlich zunimmt und zwar annähernd exponentiell. Ungefähr kann man sagen, dass sich das Risiko immer verdoppelt, wenn man fünf Jahre älter wird. Für die Altersgruppe von 15 bis 19 Jahren wird das Risiko, an COVID-19 zu sterben mit 1 zu 50000 angeben, im Alter von 20 bis 24 Jahren dann doppelt so hoch mit 1:12500 und immer so weiter, bis im Alter um die 80 Jahre damit zu rechnen ist, dass jeder Zehnte stirbt.

Bei einem Sterberisiko von 1: zu 50.000 würde man zum Eigenschutz eine sehr gut verträgliche Impfung allgemein empfehlen können. So ungefähr trifft dies auf Windpocken zu, gegen die eine Impfung von der Ständigen Impfkommission allgemein empfohlen wird. In der Altersgruppe von 10 bis 14 Jahren stirbt ein Kind von 100.000 und bei den etwas Älteren im Alter von 15 bis 19 Jahren eines von 15.000. Viel gefährlicher sind die Masern, bei denen man davon ausgehen kann, dass im Schulalter einer von 2000 Erkrankten stirbt und sogar schon einer von 1.000 schwere Gehirnschäden erleidet. Deshalb gibt es seit kurzem ja auch gegen Masern eine Impfpflicht.

Das Risiko, an COVID zu sterben, ist bei Kindern aber nicht ganz genau einzuschätzen. Man weiß zwar, wie viele Kinder an oder mit COVID gestorben sind, aber da die Infektion bei Kindern meist milde verläuft und gar nicht entdeckt wird, weiß man nicht genau, wie viele Kinder überhaupt mit dem Virus infiziert worden sind. Man geht davon aus, dass – zumindest in der Zeit, als noch nicht so umfangreich getestet worden ist – zwei von drei COVID-19 Erkrankungen bei Kindern gar nicht erkannt wurden.

Weiterhin muss man damit rechnen, dass bei einem Kind von etwa 2.500 nach COVID-19, auch nach ganz milden Verläufen, zwei bis vier Wochen später eine schwere Entzündungsreaktion in lebenswichtigen Organen auftritt, das sogenannte PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome). Wenn es rechtzeitig erkannt und behandelt wird, können zwar über 99 Prozent der betroffenen Kinder gerettet werden, aber wenn dies durch eine Impfung verhindert werden kann, ist dies auch ein wichtiges Argument für die Impfung.

Noch viel weniger weiß man über Langzeitfolgen nach COVID-19 bei Kindern, dem sogenannten „long-COVID“. Es gibt ernst zu nehmende Hinweise, dass Langzeitprobleme nach COVID bei Kindern sogar häufiger auftreten als bei Erwachsenen, wobei Kinder noch mehr als vier Monate nach der Infektion beispielsweise über Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Schwindel klagen.

Bei der Frage nach dem möglichen Nutzen einer Impfung muss all dies berücksichtigt werden. Das Dilemma ist nur, dass man vieles noch gar nicht so genau sagen kann und das macht es so schwer zu beurteilen, was genau mit einer Impfung an Problemen verhindert werden könnte.

FA: Ab welchem Alter sollte geimpft werden?

REPP: Geht man von dem Risiko aus, an COVID-19 zu sterben, dann wäre eine Impfung bei den Jugendlichen im Altern von 14 bis 19 Jahren zu befürworten, wenn die Impfung etwa so gut verträglich ist, wie beispielsweise die Windpockenimpfung. Bei jüngeren Kindern ist von einem niedrigeren Risiko auszugehen und deshalb ist es absolut verständlich, wenn sich die Zulassungen in USA und Canada und auch die bei der europäischen Zulassungsbehörde EMA gestellten Anträge auf ein Alter ab 12 Jahren beziehen. Kinder in einem Alter von 1 bis 10 Jahren scheinen COVID-19 von allen Altersgruppen am besten zu überstehen mit einem Risiko daran zu sterben von praktisch null.

Neben dem persönlichen Nutzen der Impfung für die Kinder selbst wird immer wieder die Notwendigkeit der Impfung von Kindern für eine „Herdenimmunität“ ins Spiel gebracht. Von diesen Argumenten halte ich wenig. Eine „Herdenimmunität“ lässt sich erreichen, wenn Geimpfte auf lange Zeit den Erreger nicht mehr übertragen können, also eine sogenannte „sterile Immunität“ entwickeln. Dies ist bei Masern der Fall, bei Coronaviren wohl nicht. Von anderen schon seit Jahrzehnten bekannten Coronaviren des Menschen, quasi den engsten Verwandten von COVID, weiß man, dass man alle paar Jahre wieder daran erkranken kann, aber nur leicht, meist mit einem banalen Schnupfen. Die erneute Infektion merkt man kaum, kann aber für ein paar Tage andere anstecken.

Es spricht vieles dafür, dass es auch bei COVID so sein wird, deshalb ja die aktuelle Empfehlung, dass Genesene sechs Monate später noch einmal geimpft werden sollten. Aber auch ein Teil der Geimpften kann immer noch leicht erkranken und andere anstecken. Wie lange der Impfschutz anhält, weiß man auch nicht genau, sicher nicht lebenslang. All dies spricht dafür, dass wir COVID-19 nicht mehr loswerden und alle, die nicht geimpft sind oder die Erkrankung noch nicht hatten, irgendwann sich damit infizieren werden. Es ist nur die Frage, wann und dann wird das Risiko für Tod oder schweren Verlauf vom Alter abhängen. Die Vorstellung, Kinder zu impfen, damit Ältere nicht infiziert werden, ist sicher nicht sehr vielversprechend. Und dann muss man sich noch fragen, warum Kinder geimpft werden sollen, um Erwachsene zu schützen, die selbst die Impfung verweigern. Dies kann ich als Kinderarzt nicht nachvollziehen.

FA: Gibt es Risiken?

REPP: Insgesamt scheinen die neuen mRNA-Impfstoffe außerordentlich gut vertragen zu werden und es sind weltweit damit schon mehrere hundert Millionen Menschen geimpft worden. Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass man noch nichts über Langzeitfolgen sagen kann. Dies ist prinzipiell richtig, weil es sich um eine ganz neue Impfstoffklasse handelt. Von vielen anderen Impfungen her weiß man aber, dass Impfkomplikationen in aller Regel innerhalb von sechs Wochen nach der Impfung auftreten und diesen Zeitraum haben schon mehrere hundert Millionen Menschen gut überstanden. In den Zulassungsanträgen scheinen aber nur Daten von Impfungen bei etwa 1.000 Kindern berücksichtigt worden zu sein. Dies ist doch eine relativ kleine Zahl, um davon eine Zulassung abzuleiten. Nach verschiedenen Medienberichten, scheint die Ständige Impfkommission hierin auch ein Problem zu sehen, das einer allgemeinen Impfempfehlung für Kinder derzeit noch entgegensteht.

FA: Wie sollten sich Eltern verhalten, die – geimpft – in Urlaub fahren möchten, obgleich ihr Kind ungeimpft ist?

REPP: Bei COVID und der Impfung dagegen geht es um die Gesundheit und die Gesundheit sollte man nicht gegen einen schönen Urlaub abwägen. Es gibt ja für einen schönen Urlaub genug Alternativen, bei denen man nicht ein vielfach höheres Infektionsrisiko in Kauf nehmen muss, als es derzeit in Deutschland der Fall ist. Urlaub ist kein Grund für eine Impfung, insbesondere auch deshalb nicht, weil die dafür aufgewandte Impfdosis einem anderen Menschen fehlen wird, der sie vielleicht viel nötiger braucht, weil er ein höheres Sterberisiko hat. Wir haben derzeit immer noch Impfstoffmangel.

Auch wenn vieles dafür spricht, dass die Impfung gegen COVID-19 in nächster Zeit auch für Kinder ab dem Alter von 12 Jahren empfohlen werden wird und dies glaube ich auch, sollten wir warten, bis die Prüfungsprozesse abgeschlossen sind. Wir alle erwarten, dass Impfstoffe, wie Medikamente generell, sehr sicher sind und wir uns darauf verlassen können, dass die Restrisiken sehr gering sind. Dies können wir aber nur haben, wenn wir das Ergebnis von gründlichen Prüfprozessen abwarten und nicht vorwegnehmen.

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