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Das späte Leid der Opfer

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Fulda/Bad Brckenau. Pamela W. aus Fulda kam ohne Magen, ohne Darm, ohne gynkologische Organe und mit einer halben Niere zur Welt. Gudrun B

Fulda/Bad Brckenau. Pamela W. aus Fulda kam ohne Magen, ohne Darm, ohne gynkologische Organe und mit einer halben Niere zur Welt. Gudrun B. aus Bad Brckenau hat nur Armstummel und jeweils vier Finger daran. Beide Frauen sind Jahrgang 1961 und gehren zu den Contergan-Geschdigten.

2.700 Menschen leben heute noch in Deutschland, deren Mtter in den Jahren 1957 bis 1961 das Schlaf- und Beruhigungsmittel mit dem verhngnisvollen Wirkstoff Thalidomid einnahmen, der Embryos im Mutterleib schdigte. Harmlos wie Zuckerpltzchen seien die Tabletten, pries die Herstellerfirma Grnenthal in einem Werbeslogan seinerzeit ihr Medikament an. 1961 wurde Contergan vom Markt genommen, neun Jahre spter einigte sich der Pharmakonzern mit den betroffenen Familien auergerichtlich. 110 Millionen Mark zahlte die Firma in einen Stiftungsfonds ein, aus dem die Opfer monatlich Geld erhielten. Der Bund steuerte auf freiwilliger Basis noch einmal 100 Millionen bei.

Rechtlich war das Thema damit fr Grnenthal erledigt aber moralisch?, beantwortet Pamela W. die Frage gleich selbst. Die Scheinheiligkeit kann grer kaum sein!, erklrt die 47-Jhrige das Problem: Die Regelungen wurden nmlich vereinbart, als alle glaubten, wir Contergan-Betroffene htten keine hohe Lebenserwartung.

Doch heute reicht das Geld hinten und vorne nicht mehr. Selbst eine neuerliche, Anfang Mai von Grnenthal angekndigte Spenden-Aufstockung in Hhe von 50 Millionen Euro sowie die Verdoppelung der Entschdigungsrenten durch den Deuschen Bundestag am 1. Juli 2008 ist nur ein Tropfen auf den heien Stein und kann die durch die Sptfolgen verursachten Beeintrchtigungen der Betroffenen finanziell nur ansatzweise mildern, keinesfalls gnzlich kompensieren. Teilen Sie 50 Millionen auf 2700 Geschdigte auf das ist nicht wirklich viel. Nicht mehr als eine werbewirksame Zahl, klagt Pamela W.

Dabei geht es ihr, obgleich sie zu 100 Prozent schwerbehindert ist, heute vergleichsweise gut. Meine Kindheit und Jugend waren aber sehr bitter und uerst schwer. Sie musste in dieser Zeit zahlreiche korrigierende Operationen ber sich ergehen lassen, die letzte vor 19 Jahren. Beim damaligen Stand der Medi-zintechnik war das alles mit groen Risiken verbunden und es gab auch nur wenige Spezialisten fr Contergan-Opfer. Das Medikament hatte nicht nur mich geschdigt, sondern betraf das gesamte familire Umfeld. Mein Bruder fhlte sich benachteiligt, meine Mutter ist nie damit fertig geworden und macht sich noch heute schwere Vorrfe.

Pamela hat ihr Schicksal akzeptiert, sich im Leben arrangiert, ist seit fnf Jahren in der Contergan-Stiftung engagiert. Ich kann nur sehr kleine Portionen essen, nicht sehr lange stehen, meine Nerven sind geschdigt, mir kribbelt es in Hnden und Fen.

Aber es gibt noch weitaus schlimmere Flle. Wie ihre Freundin aus Gelnhausen. Oder andere schwerst Hr- und Sehgeschdigte. Gesichtsentstellte. Vierfachgeschdigte, die ohne Hnde und Fe auf die Welt gekommen sind. Menschen, die unter Bandscheibenvorfllen zu leiden haben oder mittlerweile querschnittsgelhmt sind. Deren Krper verschleien, deren Leben immer teurer wird. Die beispielweise Massagen, Rckengymnastik, Gebrden-Dolmetscher, Rollsthle, Spezialautos brauchen.

Vor allem aber helfende und heilende Hnde. Pamela hat Tochter und Mann, andere haben keine Angehrigen, die ihnen im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme greifen. Da reichen Hartz IV und Sozialhilfe in den meisten Fllen nicht aus. Vor allem aber kann es nicht sein, dass solche Menschen in Pflegeheime abgeschoben werden und sich die Verantwortlichen der Firma Grnenthal in eine Art Bunker-Metalitt zurckziehen, sagt Pamela W. Diese Einstellung vertritt auch Gundrun B. aus Bad Brckenau und sieht sowohl die Besitzerfamilie Wirtz als auch den Staat in die Pflicht genommen. Die drfen sich mit ihren Milliardenumstzen nicht aus der Verantwortung stehlen. Wir stellen doch keine unmglichen und unverschmten Forderungen. Es erwartet von Grnenthal niemand, dass sie sich selbst finanziell ruinieren. Wir wollen nur angemessen entschdigt werden. Auerdem handelt es sich doch um eine eher kleine, berschaubare Zahl von Geschdigten, die noch am Leben teilnehmen mchten. Und der Staat htte damals die Medikamentenproduktion besser berwachen mssen.

Gudrun B. verweist auch auf Entschdigungsstze, die in anderen Lndern weitaus hher liegen. Ungarn, Schweden und England haben deutlich bessere Konditionen ausgehandelt und stehen finanziell gnstiger da. Den Spezial-Autoumbau in Hhe von 15.000 Euro jedenfalls bekam sie nicht bezahlt. Wenn man als Contergan-Geschdigte arbeitet, kriegt man alle fnf Jahre einen neuen Wagen. Als Frhrentnerin nicht.

Und das ist Gundrun B. seit einigen Jahren, als die Schmerzen in Rcken und Knie grer wurden und ein Arbeiten in ihrem frheren Beruf als Brokauffrau nicht mehr weiter zulieen. Sie versucht ihre Behinderung durch Wandern und Fuballtennis auszugleichen, muss hierfr allerdings weite Anfahrtwege zu Gleichgesinnten in Kauf nehmen. In die Familie ihrer Schwester ist sie voll integriert. Nur weil ich behindert bin, muss ich noch lange nicht isoliert leben und den ganzen Tag rumnrgeln, sagt die gebrtige Bremerin. Ein Thomas Quasthoff (gefeierter Bariton auf den internationalen Konzert- und Opernbhnen) bin ich jedoch nicht.

Der ist nicht reprsentativ fr unser Schicksal, wenngleich er ein positives Aushngeschild ist, sagt auch Pamela W. Die Fuldaerin wrdigt die beschlossene Rentenverdoppelung fr Contergan-Opfer auf maximal 1090 Euro, lobt die Politiker im Deutschen Bundestag und in diesem Zusammenhang auch den hiesigen CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Brand. Er hat unser Anliegen sehr positiv begleitet.

Brand sagte gegenber Fulda aktuell, dass sich das Parlament mit der neuen Conter-gan-Entschdigung quasi in einer moralischen Verpflichtung gegenber den Opfern sehe, obwohl diese Verantwortung fr Leid und eine gerechte Entschdigung eigentlich allein Grnenthal zukme. Es ist normalerweise nicht Aufgabe des Staates, mehr als 45 Jahre spter fr einen unglaublichen Arzneimittelskandal eines Unternehmens einzuspringen, das sich leider Jahrzehnte lang weitestgehend seiner finanziellen und moralischen Verantwortlichkeit verweigert hat. Doch den Opfern heute mehr zu helfen, ist einfach richtig und ntig. Erst auf Intervention und massiven Druck der Bundesregierung sei Grnenthal zur jngsten Goodwill-Aktion bereit gewesen. Grnenthal msse sich endlich ohne wenn und aber seiner Verantwortung stellen, fordert Brand.

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Hintergrund: Contergan-Skandal

Der Contergan-Skandal war einer der aufsehenerregendsten Arzneimittelskandale in der Bundesrepublik Deutschland und wurde in den Jahren 1961 und 1962 aufgedeckt. Durch die schdlichen Nebenwirkungen des Beruhigungsmedikaments Contergan, das den Wirkstoff Thalidomid enthlt, war es zu Schdigungen bei einer groen Zahl von Kindern gekommen.

Das Medikament war unter der Leitung von Heinrich Mckter in der Forschungsabteilung der Stolberger Firma Grnenthal entwickelt worden und wurde von ihr vom 1. Oktober 1957 bis zum 27. November 1961 vertrieben. Es kam zu einer Hufung von schweren Fehlbildungen (Dysmelien) oder gar dem Fehlen (Aplasien) von Gliedmaen und Organen bei Neugeborenen der Zusammenhang zur Einnahme von Contergan whrend der Schwangerschaft wurde schlielich von dem Hamburger Arzt Widukind Lenz entdeckt.

Die Firma Grnenthal reagierte zunchst nicht auf die Warnungen. Obwohl 1961 bereits 1.600 Meldungen ber beobachtete Fehlbildungen an Neugeborenen vorlagen, wurde Contergan weiterhin vertrieben. Nach einem Zeitungsartikel in der Welt am Sonntag vom 26. November 1961 zog Grnenthal schlielich am darauffolgenden Tag Contergan aus dem Handel.

Nach Informationen des Bundesverband Contergangeschdigter kamen insgesamt etwa 5000 contergangeschdigte Kinder zur Welt. Andere Quellen sprechen von 10.000 Fllen weltweit, von denen 4000 auf Deutschland entfielen. Von diesen sind viele bereits verstorben. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl von Kindern, die whrend der Schwangerschaft gestorben sind.

Das Hauptverfahren gegen Grnenthal wurde am 18. Januar 1968 vor der Groen Strafkammer des Landgerichts Aachen gegen verschiedene Beteiligte wegen vorstzlicher oder fahrlssiger Krperverletzung und fahrlssiger Ttung erffnet. Am 10. April 1970 schlossen die Eltern der Geschdigten mit Grnenthal einen Vergleich und verzichteten auf Schadensersatzansprche in Milliardenhhe gegen einen Entschdigungsbetrag von 100 Millionen Deutsche Mark. Die betroffenen Eltern der geschdigten Kinder unterzeichneten eine Erklrung, in der sie beteuerten, nicht mehr weiter gegen die Firma Grnenthal Chemie zu klagen. Am 283. Verhandlungstag, dem 18. Dezember 1970, wurde das Strafverfahren wegen geringfgiger Schuld der Angeklagten und mangelnden ffentlichen Interesses an der Strafverfolgung nach 153 StPO eingestellt.

Der in eine Stiftung eingebrachte Entschdigungsbetrag von 100 Millionen DM war im Jahr 1997 aufgebraucht. Daraus entwickelte sich ein Streit, in dem die Geschdigten unter Verweis auf die Gewinneinnahmen des Unternehmens Grnenthal und das groe private Vermgen der Familie Wirtz eine Neugrndung der Stiftung forderten. Viele Betroffene beklagen auch, dass Grnenthal bis heute nicht bereit war, eine offizielle Entschuldigung gegenber den Opfern zu erbringen.

Anfang Mai 2008, rund 50 Jahre nach dem Skandal, kndigte Grnenthal eine Spende in Hhe von 50 Millionen Euro fr den Kapitalstock der Contergan-Stiftung an. Anfang Juli 2008 beschloss der Bundestag eine Verdoppelung der Entschdigungs-Renten fr die Contergan-Opfer. Demnach steigt die bislang niedrigste Rente in Hhe von 121 Euro im Monat auf knftig 242 Euro an, der Hchstsatz wurde von 545 auf 1090 Euro monatlich angehoben. (Quelle: Wikipedia)

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Film-Tipp

NoBody`s Perfect

In NoBodys Perfect begibt sich der Contergan geschdigte Regisseur Niko von Glasow auf die Suche nach Schicksalgefhrten, die bereit sind, fr einen Aktphotoband Modell zu stehen. Er findet elf Mutige, zu denen so unterschiedliche Persnlichkeiten wie die toughe Dressurreiterin Bianca Vogel, der exhibitionistische Schauspieler Mat Fraser und der zurckhaltende Grtner Theo Zavelberg gehren. In faszinierenden Gesprchen geben Sie mal nachdenklich, mal amsiert Einblick in ihr Leben.

Deutschland 2008Regie: Niko von GlasowKamera: Ania Badrowska, Andreas KhlerMitwirkende: Stefan Fricke, Sofia Plich, Bianca Vogel, Sigrid Kwella, Doris Pakendorf, Theo Zavelberg, Petra Uttenweiler, Andreas Meyer, Kim Morton, Fred Dove, Mat Fraser, Niko von Glasow, Mandel von GlasowLnge: 84 Min.Starttermin: 11.9.2008Verleih: Ventura Filmwww.ventura-film.de

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