Spannungsfelder und sozialer Sprengstoff

Dr. Gertrud Traud
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Dr. Gertrud Traud

Sie ist gebürtig aus dem Hünfelder Stadtteil Mackenzell, hat am Wigbertgymnasium ihr Abitur gemacht und gilt als sehr einflussreiche Kennerin des Kapitalmarktes: Dr. rer. pol. Gertrud R. Traud. Seit 2005 ist die 58-Jährige Chefvolkswirtin der „Landesbank Hessen-Thüringen“ (Helaba) und seit 2006 Leiterin des Research der „Helaba“.

Fulda/Frankfurt Auf Anfrage von „Fulda aktuell“ erklärte sich Traud, die vor ihrem Wechsel zur „Helaba“ bei der Bank „Julius Bär“ in Frankfurt und der „Bankgesellschaft Berlin“ tätig war, gerne bereit, verschiedene Fragen zu beantworten. Von Interesse war für unsere Zeitung besonders ihre Meinung zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation vor dem Hintergrund der immer noch andauernden Corona-Pandemie sowie zur Möglichkeit einer drohenden Inflation.

FULDA AKTUELL: Wie würden Sie die aktuelle wirtschaftliche Situation in Deutschland skizzieren?

DR. GERTRUD TRAUD: Kontaktbeschränkungen werden den Konsum zunächst wieder bremsen. Eine Besserung ist erst im Frühjahr 2022 mit dann hoffentlich höheren Impfquoten und deutlich niedrigeren Inzidenzen zu erwarten. Dann wird sich der Nachfragestau entladen, die hohen Sparquoten werden wieder etwas abgebaut. Im Jahresdurchschnitt dürften die privaten Konsumausgaben 2022 mit mehr als fünf Prozent stärker zulegen als das deutsche Bruttoinlandsprodukt (vier Prozent).

FA: Steht uns eine Inflation bevor oder sind wir schon mittendrin?

TRAUD: Die Inflationsraten sind im Laufe dieses Jahres fast überall in der Welt stark angestiegen. In Deutschland wurden zuletzt Raten von über fünf Prozent erreicht. Auch im nächsten Jahr werden sie relativ hoch bleiben. Wir erwarten im Jahresdurchschnitt 2,7 Prozent. Dies ist immer noch viel, wenn man bedenkt, dass der Durchschnitt der letzten 20 Jahre bei 1,5 Prozent lag.

Obwohl die preistreibende Wirkung der Mehrwertsteueranpassung 2022 aus der Berechnung herausfällt, dürften die Energienotierungen kaum sinken. Die Lieferprobleme der Industrie und somit die Knappheiten werden sich im Verlauf von 2022 nur allmählich verkleinern und weiter zu Preissteigerungen führen. Auch muss mit Nachholeffekten bei Tarif- und Effektivlöhnen sowie Belastungen durch die Klimapolitik gerechnet werden.

FA: Welche Aufgaben muss (außer der Pandemiebekämpfung) die neue Bundesregierung schnellstens angehen?

TRAUD: Die Bekämpfung des Klimawandels steht bei allen bereits ganz oben auf der Agenda. Genauso wichtig ist aber die Sicherung des Rentensystems – ein Thema, was bislang noch vernachlässigt wird, aber genauso sozialen Sprengstoff beinhaltet. Außerdem muss der Staat mit Blick auf die Digitalisierung einen Quantensprung machen, insbesondere in der öffentlichen Verwaltung.

FA: Stichwort Pandemie: Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen drohen, wenn sich an der gegenwärtigen Situation mit hohen Inzidenzen und überfüllten Intensivstationen so schnell nichts ändert?

TRAUD: Es gibt ein Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Freiheit einerseits und der Bekämpfung der Pandemie durch Restriktionen andererseits. Nur mit höheren Impfquoten kann man dieses Spannungsfeld auflösen.

FA: Welche Bedeutung sollten Klimaschutz und Nachhaltigkeit beigemessen werden?

TRAUD: Nachhaltigkeit und die politische Umsetzung der Klimawende werden 2022 große Themen sein, nicht nur in Deutschland unter der neuen Regierung. Die Dekarbonisierung der Wirtschaft ist aber ein äußerst schwieriges Unterfangen, das bei Fehlern mit schmerzhaften Wachstums- und Vermögenseinbußen verbunden sein kann. Der erhebliche Investitionsbedarf birgt angesichts der vielfach angespannten Lage der öffentlichen Haushalte und hoher Auslastung in zentralen Branchen wie dem Baugewerbe Konfliktstoff.
Effizienz und Zielgenauigkeit sollten daher angesichts knapper Ressourcen entscheidende Kriterien für die ergriffenen Maßnahmen sein. Auch stehen unpopuläre Entscheidungen an, wer die erforderlichen Ausgaben letztlich tragen soll.

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