Bewahrung der natürlichen Dunkelheit in der Fuldaer Region 

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2019 wurde Fulda zur "Sternenstadt" ernannt. Links OB Dr. Heiko Wingenfeld mit Dr. John Barentine von der "IDA".   

Dr. John Barentine, Repräsentant der "International Dark-Sky Association" zu Besuch in Fulda und in der Rhön

Fulda - In der ersten Juli-Woche besuchte ein ranghoher Repräsentant der "International Dark-Sky Association" (IDA) die Region Fulda: Dr. John Barentine. In Gesprächen mit Verantwortungsträgern und bei Lokalterminen in Fulda sowie im "UNESCO-Biosphärenreservat" verschaffte er sich einen persönlichen Eindruck und wird seiner Organisation berichten. Organisiert wurde der Besuch vom Verein "Sternenpark Rhön", der auch das nachfolgende Interview führte und zur Verfügung stellt.

Vor fünf Jahren verlieh die IDA der Rhön die Auszeichnung Dark Sky Reserve. Wie bewertet die IDA die im Sternenpark Rhön geleistete Arbeit?

Dr. Barentine:

Der Rhön 2014 diesen Titel verleihen zu können war uns eine große Freude, denn wir sahen darin einen hoffnungsvollen Anfang unsere Ziele in Europa voranzubringen. Wenn man bedenkt, dass 99 Prozent der Menschen in Europa unter einem lichtverschmutzten Himmel leben, so ist die Bewahrung der natürlichen Dunkelheit in einem so großen Gebiet wie der Rhön von herausragender Bedeutung. Es sichert den Lebensraum für nachtaktive Tiere und bewahrt eine zusammenhängende Landschaft, in der die Menschen die Nacht so erleben können, wie sie früher für die Menschheit ganz selbstverständlich war. Jetzt nach fünf Jahren stellen wir mit Zufriedenheit fest, dass den Verantwortungsträgern in der Rhön und den angrenzenden Gemeinden zunehmend bewusst wird, wie wichtig der Schutz der Nacht ist. Dies wird dazu beitragen die natürliche Dunkelheit in der Rhön zu bewahren – zum Vorteil zukünftiger Generationen, die entweder hier leben oder als Besucher in die Rhön kommen. Der Sternenpark tut viel, um diese Ziele aktiv voranzubringen und ist damit für andere Schutzgebiete der IDA ein Vorbild.

Im Frühjahr 2019 wurde Fulda zur Sternenstadt ernannt. Wer die Vorgaben der IDA kennt, konnte im Vorfeld durchaus Zweifel daran haben, ob es einer Stadt mit knapp 70.000 Einwohnern und Tausenden von Straßenlampen gelingen würde, die strengen IDA-Kriterien zu erfüllen.

Dr. Barentine:

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Fulda es schaffen wird. In Anbetracht der Größe der Stadt und der Vielschichtigkeit der öffentlichen Beleuchtung hat die Stadt Fulda bei uns einen provisorischen Status beantragt und erhalten. Damit hat Fulda nun insgesamt acht Jahre Zeit, seine rund 8.500 öffentlichen Leuchten den Vorgaben der IDA anzupassen. In vielen Bereichen ist dies ja bereits geschehen bzw. wird im Zuge ohnehin anstehender Nachrüstungen umgesetzt. Um zu einem erfolgreichen Ergebnis zu kommen, braucht all dies die anhaltende Aufmerksamkeit für das Thema und die Unterstützung der mit der Umsetzung Beauftragten durch die Öffentlichkeit. Bei meinem Besuch in Fulda habe ich viele Menschen kennengelernt, die sich für den Schutz der Nacht engagieren. Sie wissen, dass eine nachtgerechtere öffentliche Beleuchtung die besondere Atmosphäre der Stadt unterstreicht, ohne die öffentliche Sicherheit zu beeinträchtigen.

Welchen Rat würden Sie Bürgern und Geschäftsleuten in der Region mit auf den Weg geben? Und worin kann für sie der Wert des Titels “Sternenstadt“ beziehungsweise "Sternenpark” liegen?

Dr. Barentine:

Zunächst hat sich Fulda selbst ja bereits einen herausragenden Rang gesichert, auf den die Stadt stolz sein kann: Sie ist die erste Dark Sky Community in Deutschland. Aber es bleibt noch genug zu tun, denn die Auszeichnung ist der Beginn eines Prozesses. Der IDA-Status zeigt den Menschen in der gesamten Rhön, dass der Schutz der Nacht als Wert erachtet wird, der zur Lebensqualität beiträgt. Als westliches Eingangstor zur Rhön wird Fulda für anreisende auswärtige Astro-Touristen die erste Station sein. Wir erhoffen uns davon zusätzliche Einnahmen in der Region. Denn Astro-Touristen bleiben zwangsläufig über Nacht. In den USA haben wir die Erfahrung gemacht, dass solche “Sternengucker” dreimal so viel ausgeben wie Tagestouristen. Und der einzelne Bürger hat etwas von der Sternenstadt oder dem Sternenpark, zum Beispiel wenn er seine private Außenbeleuchtung optimiert und auf diese Weise Strom spart. Kurzum: Wenn Kommunen, Bürger und Gewerbetreibende unseren Empfehlungen folgen, hat das für sie nur Vorteile.

Wie viele Dark-Sky-Orte gibt es bereits weltweit und wie viele davon in Europa?

Dr. Barentine:

 Weltweit gibt es 22. Nur fünf davon befinden sich in Europa und gerade einmal zwei in Kontinentaleuropa: die dänischen Inseln Møn und Nyord sowie Fulda. Viele der International Dark Sky Communities haben weniger als 1.000 Einwohner und nur in geringem Umfang öffentliche Beleuchtung. In Fuldas Größenklasse gibt es weltweit nur eine einzige weitere Sternenstadt: Flagstaff in Arizona. Das war 2001 die erste Dark Sky Community überhaupt. Flagstaff und Fulda haben beide rund 70.000 Einwohner und viele tausend öffentliche Leuchten. Deshalb haben diese beiden Städte in Bezug auf die Erreichung der Ziele die ehrgeizigste Aufgabe.

In der Region Fulda gibt es die Besonderheit, dass der etablierte, ländliche geprägte Sternenpark Rhön und die neue Sternenstadt Fulda zusammenstoßen. Ist davon ein Synergie-Effekt zu erwarten?

Dr. Barentine:

 In der Tat gibt es in unserem weltweiten Programm nirgendwo sonst eine eine vergleichbare Beziehung zwischen einem ländlichen Schutzgebiet und einer Stadt wie zwischen Fulda und der Rhön. Bereits während des Aufnahmeverfahrens für den Sternenpark im Jahr 2013 hatten wir gesagt, dass es wegen der unmittelbaren Nähe von Fulda zum UNESCO-Biosphärenreservat Rhön wünschenswert wäre, wenn auch Fulda verstärkte Anstrengungen unternehmen würde, um die Auswirkungen der Lichtverschmutzung zu reduzieren. Deshalb waren wir hoch erfreut, als Fulda im Frühjahr 2019 den Status als Sternenstadt errang. Denn das ist nicht nur gut für die Stadt selbst, sondern langfristig betrachtet auch für die Rhön. Insofern bringt dieses Zusammenspiel tatsächlich Synergie-Effekte, die es nicht gäbe, wenn beide Gebiete voneinander entfernt auf sich gestellt wären. Dieser Fulda-Effekt wird zu einem höheren Standard des Nachtschutzes in der Gesamtregion führen.

Während Ihres Aufenthalts in der Region Fulda sind Sie auch mit Martin Heun, dem Sprecher der Geschäftsführung der RhönEnergie Fulda, zusammengetroffen. Logischerweise war und ist der regionale Energieversorger bei der Konzeption und Umsetzung von Sternenpark und Sternenstadt ein entscheidender Player. Bekommen Sie von der RhönEnergie Fulda Unterstützung?

Dr. Barentine:

 Ja. Die RhönEnergie Fulda ist für uns ein wichtiger Partner bei der Umsetzung unserer Ziele in Deutschland. Von dieser Seite gibt es keinerlei Widerstand - im Gegenteil. So hat die IDA bereits 2016 den Geschäftsführer der OsthessenNetz GmbH, der Netzgesellschaft der RhönEnergie, Matthias Hahner, mit dem Lighting Design Award ausgezeichnet. Begründet war dies mit der Installation einer nachhaltigen, nachtfreundlichen Beleuchtung eines Parkplatzes auf der Wasserkuppe. Kluge und weitsichtige Geschäftsführer von Energieversorgern wie Herr Heun haben erkannt, dass der Schutz der Nacht als positiv besetztes Thema zur Firmenphilosophie passt. Auf den ersten Blick mag es paradox erscheinen, dass eine Reduzierung des Lichteinsatzes in der Nacht für einen Stromversorger gut sein könne. Aber es ist so. Der Einsatz für eine nachtgerechte Beleuchtung macht den Energieversorger in den Augen seiner Kunden sympathisch, weil er sich “als guter Nachbar” für ein Ziel einsetzt, das für eine breite Öffentlichkeit erstrebenswert ist. Dies alles hilft uns bei unserem Anliegen in der Region die Außenbeleuchtung im Sinne der IDA-Ziele zu optimieren. Die Unterstützung der RhönEnergie hat die Nominierung der Stadt Fulda als Dark Sky Community entscheidend vorangebracht. In ähnlicher Weise haben auch die anderen Energieversorger in der Rhön die Anforderungen des Sternenparks Rhön in Abstimmung mit den Kommunen vorbildlich umgesetzt.

Wo sehen Sie die Welt im Jahr 2025? Wird sich etwas ändern?

Dr. Barentine:

Die Theorie der Organisationspsychologie besagt, dass Muster des sozialen Wandels bis zu einem gewissen Grad vorhersehbar sind und dass der Wandel mit der öffentlichen Aufmerksamkeit für Themen auf- und abwärts geht. Die Aufmerksamkeit für die Lichtverschmutzung auf der ganzen Welt nimmt zu, und mit ihr steigt allmählich die öffentliche Forderung nach Veränderung. Ich denke, dass wir im nächsten Jahrzehnt feststellen werden, dass die Lichtverschmutzung als eine Form der Umweltverschmutzung angesehen wird, die genauso schwerwiegend ist wie die von Luft und Wasser, und das ebenfalls eine Reglementierung erfolgen wird. Es kann sich durchaus auch auf den Klimawandel beziehen, und die Erkenntnis, dass nutzloses Außenlicht in der Nacht Energieverschwendung ist. Dies wird Institutionen wie die EU dazu motivieren, neue Normen für den Umgang mit Licht zu schaffen, und dann werden wir endlich einen Rückgang der Lichtverschmutzung in Europa feststellen. Aber der nächtliche Lichtverbrauch steigt jetzt am schnellsten in den Entwicklungsländern, von denen sich viele an Orten wie Afrika befinden, und das stellt angesichts der vergangenen Geschichte des Kolonialismus besondere Herausforderungen für unsere Bemühungen dar. Orten wie Fulda und die Rhön kommt eine besondere Vorreiterrolle zu. Sie haben eine einzigartige Symbiose zwischen Siedlung und Natur geschaffen und sind ein Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Menschen einfach bewusst mit der Ressource Kunstlicht bei Nacht umgehen. Bis 2025 wird Fulda auf dem besten Weg sein, die Nachrüstung der Außenbeleuchtung auch zum Schutz des Sternenpark Rhön abzuschließen, und der Zweck der neuen Beleuchtung wird von den Stadtbewohnern anerkannt werden. Sie werden die Vorteile dieser Beleuchtung verstehen und sie als Verbesserung betrachten - ein weiterer Schritt in der Geschichte der Barockstadt. So wird die Region Fulda als Beispiel dienen, dem die ganze Welt nacheifern kann. ---

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