Die Uhren ticken anders: Arbeitsmarktbericht seit Beginn der Coronakrise

Waldemar Dombrowski.
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Waldemar Dombrowski.

Waldemar Dombrowski, Chef der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda, stellte jetzt die durch die Coronakrise bedingten Arbeitsmarktzahlen vor.

Osthessen. „Wir erleben hier etwas, das so noch nie dagewesen ist“, sagte Waldemar Dombrowski bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der aktuellen Arbeitsmarktzahlen für den Agenturbezirk, der die Landkreise Fulda und Hersfeld-Rotenburg umfasst. „Seit Freitag, dem 13. März, ticken die Uhren anders“, so Dombrowski. Im Vergleich mit der Finanzkrise von 2019 sei die Coronakrise etwas, „das an allem vorbeigeht, das wir kennen und das nicht kompatibel ist.“ In den ersten fünf Monaten des Jahres 2020 stieg die Arbeitslosenquote von 3,2 auf 3,8 Prozent. „Damit stehen wir hessenweit immer noch ganz gut da“, so der Agenturchef. Die Quote in Hessen liegt aktuell bei 5,6 Prozent.

Im Landkreis Fulda stieg die Arbeitslosenquote von Januar (3,6 Prozent) auf jetzt 3,6 Prozent. Damit sind nun knapp 800 Menschen mehr ohne Arbeit. Das entspricht einer Steigerung von 21,3 Prozent. „Normalerweise geht die Kurve mit der Frühjahrsbelebung genau in die andere Richtung“, so Dombrowski.

Hersfeld-Rotenburg nicht so stark betroffen

Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg stieg die Quote um 19,9 Prozent von 3,7 auf 4,3 Prozent. „Dieser Landkreis ist nicht so stark betroffen. Beispielsweise durch stabilisierende Logistik-Unternehmen ist Hersfeld-Rotenburg nicht allzu sehr saisonal geprägt.“ Hier sind im Mai 399 Menschen mehr beschäftigungslos. Im Vergleich zum Jahr 2019 meldeten sich im Mai im Landkreis Fulda 556 Menschen mehr arbeitslos, in Hersfeld-Rotenburg waren es 344. Neue Beschäftigungen nahmen dagegen in Fulda 300 und in Hersfeld 158 Menschen auf. „Wir haben Zugänge in der Arbeitslosigkeit aus allen Bereichen“, sagte Dombrowski. Besonders habe es in Fulda die Metall- und Elektro-Industrie (+268,8 Prozent) und das Gastgewerbe mit einem Plus von 173,3 Prozent getroffen. Betroffen sind laut dem Agenturchef auch alle Personengruppen. Bei den Männern liege die Veränderung zum Vorjahr bei +40,4 Prozent, was vor allem mit dem Metall- und Kfz-Gewebe zusammenhinge.

In vielen derzeit notwendigen Bereichen wie Pflege und Medizin arbeiteten zum großen Teil Frauen, weshalb der Anstieg dort weniger stark sei (+36,3 Prozent). Sorgen macht dem Agenturleiter ein Plus von 58,6 Prozent an Arbeitslosen unter 25 Jahren. Die hohe Zahl sei auch dadurch bedingt, dass jüngere Arbeitnehmer in einer Krise zuerst entlassen würden. „Ich hoffe, dass möglichst viele Auszubildende nach ihren Prüfungen von den Firmen übernommen werden“, so Dombrowski.

"Alle Regeln gelten hier nicht mehr"

Unter den Arbeitslosen ist der größte Teil derjenigen, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben (2.337 Menschen), gefolgt von ausgebildeten Personen (1.766) und Akademikern (426 Menschen). Als „Momentaufnahme“ bezeichnete Dombrowski, dass im Vergleich mit dem Vorjahr die Quote der Ungelernten lediglich um 29,1 Prozent gestiegen sei. Bei den Ausgebildeten liegt sie bei 45 Prozent und bei den Akademikern sogar bei 83,6 Prozent. „Alle Regeln, die wir vor Corona hatten, gelten auch hier nicht mehr“, so der Agenturchef.

Isabel Müller.

Über die aktuelle Stellensituation sprach Isabel Müller, Teamleiterin des Arbeitgeberservices. Zwischen Januar und Mai dieses Jahres wurden im Landkreis Fulda 41,9 Prozent weniger offene Stellen weniger gemeldet als im Jahr zuvor. In Hersfeld-Rotenburg waren es minus 39,7 Prozent. Auch im Bestand gibt es einen Rückgang: -25,4 Prozent in Fulda und -38,2 Prozent in Hersfeld. Was die gemeldeten Stellen betrifft, so sei das eine „bunte Mischung“. Lediglich Gastronomie und Kfz-Gewerbe haben laut Müller in beiden Kreisen keine offenen Stellen gemeldet.

Kurzarbeit auf Höchstniveau

Ein großes Thema für die Arbeitsagentur ist die Kurzarbeit. In Fulda haben 2.373 Betriebe Kurzarbeit für knapp 39.000 Mitarbeiter angemeldet. In Hersfeld sind es 1.067 Betriebe mit knapp 12.400 Mitarbeitern. In Fulda sei das rund ein Drittel aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Auch hier seien alle Branchen und Bereiche betroffen. Dass Unternehmen Kurzarbeit gemeldet hätten, sei noch kein Indiz dafür, in welchem Umfang die Mitarbeiter Kurzarbeit machen. „Die definitiven Zahlen werden wir erst in den kommenden Monaten erhalten.“ Laut Dombrowski sei die Kurzarbeit ein Instrument, mit dem es gelingen könne, Arbeitskräfte weiter zu beschäftigen. „Ich schätze, dass ohne die Kurzarbeit 80 Prozent aller Beschäftigten arbeitslos geworden wären“, vermutet der Agenturchef. Die Kurzarbeit werde zwar die Reserven der Bundesagentur für Arbeit aufbrauchen, aber „wenn es wieder anläuft, ist es besser, das bestehende Personal zu haben. Kurzarbeit stabilisiert Beschäftigung in Krisenzeiten“, so der Agenturchef. „Es ist allerdings eine Dimension, die so niemand erwartet hat und eine große Herausforderung.“ Allein bei der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda würden sich 94 der 250 Mitarbeiter ganz oder teilweise mit der Bearbeitung der Kurzarbeit beschäftigen.

Die Zahl der Ausbildungsstellen ist ebenfalls zurückgegangen. „Aber wenige Arbeitgeber sagen, dass sie wegen der Coronakrise keine neuen Auszubildenden einstellen würden“, so Müller. In allen Bereichen seien derzeit noch Ausbildungsstellen offen. Bewerber sollten sich unter den Telefonnummern 0661/17111 oder 0800455500 bei der Arbeitsagentur melden. Weitere Informationen gibt es auch unter www.arbeitdsagentur.de/eServices im Internet. Arbeitgeber können die Nummer 0800455520 anrufen oder offene Ausbildungsstellen per E-Mail an BadHersfeld-Fulda.arbeitgeber@arbeitsagentur.de wenden. „Nutzt eure Chancen“, wendet sich Dombrowski an junge Menschen, die derzeit noch keinen Ausbildungsplatz haben.

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