Fuldas Bischof Gerber: "Aufruf hat mich sehr irritiert"

Umstrittenes Schreiben zu Corona: Fragen an den Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber

Fulda - Hohe katholische Würdenträger, darunter Kardinäle und Bischöfe, sowie Ärzte und Journalisten hatten vor Kurzem einen Aufruf veröffentlicht, der für sehr viel Aufsehen gesorgt hat. Unter anderem wurde die Corona-Pandemie als Weltverschwörung bezeichnet, die Ansteckungsgefahr des Virus vehement angezweifelt und vor Impfstoffen gewarnt, die angeblich mit „Material von abgetriebenen Föten“ hergestellt worden seien. Das Schreiben stieß auf deutliche Kritik – auch innerhalb der katholischen Kirche.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, erklärte dazu: „Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands. Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem veröffentlichten Aufruf unterscheidet.“

"Fulda aktuell" hat den Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber zu seiner Meinung bezüglich dieses Vorganges befragt:

Fulda aktuell: Wie bewerten Sie den Aufruf von hohen katholischen Würdenträgern, die sich unter anderem darum sorgen, durch die Coronakrise würden Regierungen weltweit „unveräußerliche Rechte der Bürger verletzen“?

Bischof Dr. Michael Gerber: Mich hat dieser Aufruf sehr irritiert. Er zeigt auch viel von der persönlichen Problematik zumindest einer ganzen Reihe der Unterzeichner, die offenbar ein hohes Maß an Frustration und Verbitterung in sich tragen. Dagegen stehen unzählige Christinnen und Christen, die in diesen Wochen einen großen Einsatz im Dienst am Nächsten zeigen. Nicht wenige Pfleger, Ärzte und Geistliche haben – etwa in Oberitalien – diesen Dienst mit ihrem Leben bezahlt, indem sie selbst an einer Infektion gestorben sind. Die zeitlich befristete Einschränkung von Freiheitsrechten, die allerdings regelmäßig auf die Verhältnismäßigkeit geprüft werden muss, geschieht mit dem Ziel, besonders gefährdete Personengruppen zu schützen. Die persönliche Freiheit des Einzelnen beinhaltet ethisch immer ein hohes Maß an Verantwortung gerade gegenüber denjenigen, die besonders gefährdet sind.

FA: Wie beurteilen Sie die These, die Corona-Pandemie werde dazu genutzt, um eine allmächtige Weltregierung zu schaffen?

Bischof Gerber: Allein die Tatsache, dass Staaten unterschiedlicher politscher System und religiöser Mehrheiten sehr konsequent, aber auf unterschiedlichen Wegen bei der Bekämpfung beziehungsweise den Vorsichtsmaßnahmen gegen die Pandemie vorgegangen sind, verbietet den Gedanken, dahinter stecke eine zentral lenkende organisatorische Größe. Für eine solche These werden auch keinerlei plausible Argumente genannt.

FA: Was halten Sie generell von solchen Verschwörungstheorien?

Bischof Gerber: Angesichts des enormen technischen und medizinischen Fortschritts haben wir uns daran gewöhnt, für auftretende Problemfelder schnell eine Erklärung und dann auch eine Lösung zu finden. Verschwörungstheorien sind ein Hinweis darauf, dass Menschen die Komplexität der Wirklichkeit, wie sie sich in der aktuellen Pandemie besonders zeigt, nicht aushalten können und nach einer vereinfachenden Erklärung suchen. Der christliche Glaube und das Zeugnis unzähliger Christen zeigt hier einen Weg auf: Menschen können im Glauben an Gott einen tieferen Halt erfahren und genau aus dieser Erfahrung heraus Unsicherheiten und neue Herausforderungen aushalten und kreativ bewältigen. Genau das erfahren wir derzeit in vielfältigen Formen konkret gelebter Nächstenliebe und einer größeren gesellschaftlichen Solidarität.

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