Unfassbarer Ort: MdB Brand und seine Erfahrungen mit der Colonia Dignidad

MdB Michael Brand in Chile.

Im Sommer besuchte der Bundestagsabgeordnete Michael Brand gemeinsam mit weiteren Politikern die deutsche Enklave "Colonia Dignidad" in Chile, in der ein Sektenführer seine Mitglieder misshandelte und missbrauchte.

Fulda - Sehr emotional wird Michael Brand, als es um das zweite Thema des Gesprächs geht. Die „Colonia Dignidad“, die der deutsche Auswanderer Paul Schäfer im Jahr 1961 in Chile gegründet hatte. Dort war der selbst ernannte Sektenführer, der in Deutschland wegen Vergewaltigung von Jungen gesucht wurde, geflüchtet. Zwangsarbeit, sexueller Missbrauch, Folter mit Elektroschocks und Psychopharmaka waren an der Tagesordnung. In Kooperation mit dem Pinochet-Regime sind an diesem Ort, der rund 300 Quadratkilometer umfasst, auch chilenische Regimegegner durch den Geheimdienst „DINA“ gefoltert und zum Teil ermordet worden.

„Ich hatte geglaubt, das Thema sei schon lange Vergangenheit“, sagt Brand. Doch eine Rede des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier (SPD) im Jahr 2016, in der er eine Mitschuld Deutschlands an den Vorgängen in der Kolonie eingestand, holte das Thema wieder aufs Tapet.

Eigenes Bild verschafft

Im Sommer reiste Brand als Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion mit weiteren Abgeordneten nach Chile, um sich in der heutigen „Villa Baviera“ einen eigenes Bild zu verschaffen, mit Opfern zu sprechen. „Die Opfer, alle deutsche Staatsbürger, wurden seit Jahrzehnten nicht nur vergessen, sondern absolut schäbig von Deutschland behandelt“, so Brand. Im Sommer 2017 stellten die Fraktionen von CDU/CSU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen einen gemeinsamen Antrag, der die Aufarbeitung der Verbrechen in der „Colonia Dignidad“ zum Inhalt hatte. Der Antrag wurde im Bundestag einstimmig angenommen.

Bis zum Sommer dieses Jahres sollte die Bundesregierung ein Konzept erarbeiten, wie den verbliebenen rund 240 Opfern der Sekte auch direkte Hilfsleistungen gewährt werden können. Dieses Papier wurde vom Auswärtigen Amt erstellt und genau das ausgeschlossen. „Die Empörung war groß und das Parlament hat gezeigt, dass es nicht mit sich spielen lässt. Im Haushalt 2019 sind jetzt erstmals konkrete Mittel eingestellt. Es wird Zeit, dass den Worten endlich Taten folgen“, so Brand. Eine Kommission erarbeite gerade Kriterien. Laut Kommissionsmitglied Brand sei die Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern nicht in allen Fällen deutlich. Der deutsche Staat trage eine Mitverantwortung dafür, dass über Jahrzehnte Menschen von Sektenführer Schäfer, den Brand als „pädophilen Sadisten“ bezeichnet, misshandelt und missbraucht werden konnten. Was das bisherige Konzept betrifft, findet Brand klare Worte: „Das ist beschämend für Deutschland und ein Schlag ins Gesicht der Opfer.“

Hilfsfonds-Konzept

Laut Plan soll nun bis zum Frühsommer 2019 ein Hilfskonzept erstellt werden. „Diese Million ist eine Geste – wiedergutmachen kann man das Unrecht nicht“, so Brand. Aus seinen Gesprächen mit Opfern in Deutschland wie in Chile weiß der Bundestagsabgeordnete, wie schwer diese traumatisiert sind. Zwangsarbeit bis zu 16 Stunden täglich, Gehirnwäschen und körperliche Misshandlungen beispielsweise durch Elektroschocks machen den Abgeordneten fassungslos. „Der deutsche Staat hat sich durch aktives Wegsehen und Tun mitschuldig gemacht“, konstatiert er. Einigen Sektenmitgliedern sei die Flucht in die Deutsche Botschaft in Chile gelungen. „Von dort sind diese Menschen sogar in den Hände ihrer Peiniger zurückgebracht worden“, schildert Brand die Vorgänge. „Das ging über Jahrzehnte so. Sogar die Rentenansprüche von Opfern aus Deutschland ist pauschal der Täter-Clique ausgehändigt worden.“

Opfer sind traumatisiert

Die ehemalige „Kolonie der Würde“ ist heute ein Ausflugslokal mit deutschen Speisen und Bier. „Es ist inakzeptabel, dass heute über den Folterkellern und an Orten, wo wehrlose Kinder missbraucht wurden, Hochzeiten gefeiert werden“, so Brand.

Fast alle Opfer seien bis heute traumatisiert und leicht manipulierbar. „Das ist alles so unfassbar. Dieser Ort ist unvorstellbar.“ Er will sich dafür einsetzen, dass in der ehemaligen Kolonie ein Ort der Aufarbeitung entsteht. Dabei äußert er Kritik am Auswärtigen Amt und damit an Außenmister Heiko Maas. „Selbst Jahrzehnte nach dem Versagen deutscher Diplomaten muss heute alles erkämpft werden“, so Brand. Im sei es eine „Herzensangelegenheit, vor allem die Situation der Opfer zu verbessern“. Brand lobte die fraktionsübergreifende Arbeit im Bundestag, die zur Aufklärung beitragen und die nun den Hilfsfonds auf den Weg bringen will.

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