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Unheilvolles Sturm-Trio und vieles mehr: Gespräch mit Dr. Martin „Wetter“ Gudd

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Von: Bertram Lenz

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Dr. Martin Gudd
Dr. Martin Gudd © FFH

Das unheilvolle Sturm-Trio „Ylenia“, „Zeynep“ und „Antonia“ ist passé. Schenkt man den Metereologen Glauben, dann ist mit dem Hoch „Jannis“, das uns am Mittwoch verwöhnt hat und uns ein schönes Wochenende bringen soll, eine ruhigere Phase und der Vorfrühling angesagt.

Fulda Dennoch haben die genannten Unwetter, die Osthessen heftige Böen und starke Regenfälle beschert hatten, Spuren hinterlassen. Zumal ein solch zeitlich massives Auftreten eher ungewöhnlich ist. FULDA AKTUELL hat nachgefragt bei dem aus Fulda stammenden Dr. Martin „Wetter“ Gudd, der bei „Hit Radio FFH“ seit vielen Jahren für alle Themen rund um Hoch und Tiefs zuständig ist.

FULDA AKTUELL: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Sturm und einem Orkan?

Dr. Martin Gudd: Sturm bedeutet eine Windgeschwindigkeit zwischen 75 und 117 km/h. Orkan ist eine Stufe höher: Dazu gehören alle Winde, die gleich oder stärker sind als 118 km/h.

FA: 2021 gab es die Flutkatastrophe im Ahrtal, dieses Jahr (bislang) „Ylenia“, „Zeynep“ und „Antonia“. Tritt Extremwetter aktuell verstärkt auf oder sind wir dafür nur mehr sensibilisiert?

Dr. Gudd: Sowohl als auch. Allerdings spielen dabei in erster Linie wirtschaftliche, soziale und psychologische Faktoren eine Rolle:

In wirtschaftlicher Hinsicht müssen Extremereignisse mit der Zeit zwangsläufig immer kostspieliger, einschneidender und häufiger werden. Einfach, weil mit immer mehr Menschen und mehr Bauten und Siedlungen auf dem Planeten auch immer mehr Werte vorhanden sind, die bei einem Wetterereignis zerstört werden können. Unsere hohe Mobilität sowie die enge wirtschaftliche Vernetzung sorgen dafür, dass wir – bei allen technischen Vorkehrungen gegenüber Extremereignissen – manchmal doch ziemlich anfällig sind. So ist es auch kein Wunder, dass es bei besonders herausstechenden Ereignissen auch besonders schlimme Folgen gibt, wie dies eben für die Flut im Ahrtal im Juli 2021 oder für den Orkan „Zeynep“ im Februar 2022 gilt.

Dann gibt es eine psychologische und soziale Komponente: Wir bekommen viel mehr über Unwetter und andere Naturereignisse berichtet als in früheren Zeiten. Jeder, der ein Unwetter erlebt, kann ohne Zeitverzögerung darüber berichten. So wird bisweilen der Eindruck erweckt, das Weltwetter bestünde nur noch aus Extremereignissen. Denn blenden wir die Nachrichten aus und konzentrieren uns nur auf jeweils den Ort, wo wir uns befinden, so sieht die Sache schon ganz anders aus. So war der Wetterverlauf der letzten Monate im Fuldaer Land überhaupt nicht extrem. Im Sommer gingen die allermeisten Gewitter und Starkregen an uns vorbei, und Herbst und Winter verliefen hier bei uns fast durchgehend in sehr ruhigen Bahnen. Abgesehen von der sehr stürmischen Februarwoche war der allergrößte Anteil des Winters geprägt von Hochdruckgebieten. Da gab es bei uns meist „ruhiges“ Wetter mit Nebel und Wolken, aber sonst nichts. Damit auch keine „Unwetter“, wie wir sie kennen.

Beide Faktoren sorgen dafür, dass Extremwetterlagen einerseits scheinbar häufiger auftreten als früher, dass wir aber auch andererseits dafür viel mehr sensibilisiert sind als früher.

FA: Inwieweit hängt diese Entwicklung mit dem Klimawandel zusammen?

Dr. Gudd: Die wirtschaftlichen, sozialen und psychologischen Komponenten von Extremwetter haben erst mal nichts mit dem Klimawandel zu tun. Allerdings kommt nun doch noch eine gewisse meteorologische und klimatologische Komponente ins Spiel: Denn die Erwärmung des Klimas bedeutet auch in Sachen Extremwetter Veränderung!

Das geschieht hauptsächlich durch eine Veränderung in der Strömungskonstellation in der Atmosphäre. Wir beobachten eine insgesamt abnehmende Temperaturdifferenz zwischen Polargebiet und Tropen. Das bedeutet letztendlich:

• einen größeren Anteil starker und persistenter Hochdruckgebiete, deren Schwerpunkt sich obendrein noch in höhere Breiten bewegt. Damit gibt es tendenziell mehr Dürren und Trockenheit.

• eine verstärkte Tendenz für sogenannte meridional geprägte Wetterlagen. Dabei gibt es ein Wechselspiel eher kleinräumiger Tiefs und Hochs, die sich nur wenig verlagern. Das bedeutet ein verstärktes Vorkommen von Trockenregionen einerseits, aber auch Starkregen andererseits.

Daher ist bei der Flutkatastrophe vom Ahrtal davon auszugehen, dass sie ohne die Klimaerwärmung möglicherweise anders ausgefallen wäre. Vielleicht wären nur 180 statt 200 Liter Regen auf den Quadratmeter gefallen. Vielleicht hätte sich das dafür verantwortlich Tief auch ganz anders entwickelt und wäre in die Karpaten gezogen statt in die Eifel.

Bei den Stürmen sieht die Sache anders aus. Denn eigentlich waren die letzten Jahre recht sturmarm, wenn man sie mit den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts vergleicht. Insofern ist hier der einzelne Orkan nichts Ungewöhnliches, und auch so eine Sturmserie, wie wir sie erlebt haben, ist nicht ungewöhnlich. Trotzdem können wir nicht ausschließen, dass es einer erwärmten Atmosphäre mal eben einfacher gelingt, einen Orkan zu produzieren als früher. Das müssen aber zukünftige Untersuchungen zeigen.

Paradox ist: Das eigentlich Extreme bei der ganzen Betrachtung wird aber von vielen Menschen gar nicht als Extremwetter empfunden:

Das wirklich Extreme sind die immer höheren Temperaturen und die damit verbundenen Begleiterscheinungen. Gerade der vergangene Winter war dafür ein prägnantes Beispiel. Wir hatten fast ständig Temperaturen oberhalb von +5 Grad, häufig auch um die +10 Grad. Es gab und gibt insgesamt viel mehr Wärmerekorde als früher. Das ist die eigentlich extreme Entwicklung, die uns große Sorgen machen sollte. Die aber von vielen Menschen gar nicht als Extremwetter empfunden wird.

FA: Welche Regionen in Deutschland sind am meisten gefährdet, wie sieht es da konkret mit Osthessen aus?

Dr. Gudd: Die höheren Temperaturen betreffen uns natürlich alle. Aber die Extremereignisse wie Starkregen, Gewitter und Sturm dürften sich – wie immer bei einer Klimaveränderung – in den Randlagen und wirtschaftlichen Ungunstlagen am stärksten auswirken. Das ist einmal der Küstenbereich mit den höher auflaufenden Fluten und damit verbunden dem Landverlust und der Versalzung. Dann natürlich die Randlagen in den Mittelgebirgen, wo verstärkte Trockenheit, aber auch Regenfälle, für relativ größere Auswirkungen sorgen als in den wirtschaftlichen Gunstlagen in den Niederungen.

Osthessen sitzt hier ein wenig auf der Insel der Glückseligen. Denn Sturm- und Regenereignisse waren schon immer im Vergleich eher selten und werden wohl auch zukünftig generell nicht allzu einschneidende Auswirkungen haben. Nur die örtlichen Gewitter werden wie bisher auch verstärkt Überflutungen verursachen, weil mehr überflutet werden kann.

FA: Können sich die Menschen dagegen wappnen beziehungsweise gibt es überhaupt eine Möglichkeit, dem zu begegnen?

Dr. Gudd: Wir können die Folgen von Extremwetter zu einem Teil wie bisher durch technische Verbauungen und Überwachung zu minimieren versuchen. Damit haben wir schon ein Großteil aller möglichen Fälle gut im Griff. Aber die wirklichen Katastrophenereignisse wird es immer geben, wie die Eifelflut oder die Winterorkane zeigen. Die technischen Vorkehrungen werden daher auch wohl immer größer und kostspieliger ausfallen. Vielleicht findet aber auch ein langsames Umdenken statt. Denn in den letzten Jahrzehnten haben viele von uns verlernt, mit der Natur zu leben und sich von ihr entfremdet. So liegen viele Straßen und Neubaugebiete in Wirklichkeit in hochwassergefährdeten Regionen, wo man jahrzehntelang wohl nur mit Glück gut leben konnte.

FA: Kann man schon eine Prognose abgeben, wie sich das Wettergeschehen in den nächsten Wochen entwickelt?

Dr. Gudd: Im Detail natürlich nicht, denn seriöse Wettervorhersagen erstrecken sich über maximal fünf, in Ausnahmefällen auch mal sieben Tage im Voraus. Aber eine Tendenz zur Beruhigung setzt sich wohl durch. Das ist nicht ungewöhnlich nach einer längeren windigen Phase. Dann verschiebt sich die Konstellation häufig so, dass es einen gewissen Ausgleich gibt und längere Zeit sich mal freundliches Wetter einstellt. Sollte sich also solches Hochdruckwetter einstellen, dann dürfte es außerdem viel freundlicher zugehen als noch im Winter. Denn die nun höherstehende Sonne löst die meisten Wolken und Nebelschwaden auf. Von daher bin ich guter Dinge, dass wir die Sonne jetzt im März viel häufiger sehen als in den ganzen lichtarmen Wochen zuvor.

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