Unsere Weihnachtsgeschichte: Von Weihnachtsmuffeln und Weihnachtsmuffins

Weihnachtsgeschichte 2018: Von Weihnachtsmuffeln und Weihnachtsmuffins
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Weihnachtsgeschichte 2018: Von Weihnachtsmuffeln und Weihnachtsmuffins

Die diesjährige Weihnachtsgeschichte stammt aus der Feder von Redakteur Christopher Göbel. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und wünschen frohe Feiertage!

Geschichte von CHRISTOPHER GÖBEL
Die Zeichnungen stammen von unserer Leserin Lydia Vey

Weihnachten – alleine das Wort verursachte ihr schon Magenschmerzen. Larissa war 15 und hasste Weihnachten. Sie konnte es nicht leiden, wenn sie durch die Stadt ging und überall glitzernde Kugeln herumhingen, blinkende Kunstbäume herumstanden und Weihnachtslieder-Gedudel aus sämtlichen Kaufhaus-Lautsprechern tönte. Deshalb ging sie ab dem ersten Advent kaum noch vor die Tür. Der erste Advent war gestern gewesen.

Aber auch im Fernsehen blieb sie nicht verschont. Fast jede Serie, die sie gerne anschaute, hatte Weihnachten als Thema oder zumindest als Beiwerk. Kaum waren die Halloween-Filmchen vorbei, ging es auch schon los mit dem Weihnachtskram. Liebevolle Familien, Geschenkideen für Sie und Ihn und Weihnachts-Spezial-Angebote in den Werbepausen, Harmonie-Gesülze in den Serien – sogar in ihrer Teenie-Lieblingsserie. „Die Amis sind ja anscheinend besonders weihnachtsgeil“, ärgerte Larissa sich. Und diese schrecklich nervende Spielzeug-Werbung auf allen Kanälen… „Weihnachten kann mir echt gestohlen bleiben“, murmelte Larissa. „Mama und Papa sind ganz anders“, dachte sie oft. Denn die liebten Weihnachten mit allem, was dazugehört. „Und vielleicht noch etwas mehr“, grummelte Larissa vor sich hin. Ihr kleiner Bruder Johann konnte es kaum erwarten, bis endlich die ganze Wohnung weihnachtlich geschmückt war und der Baum in all seiner Pracht erstrahlte. Sechs Jahre alt war er, und wenn es nach Larissa ging, dann konnte das kleine Biest ihr gerne soweit es ging vom Hals bleiben.

Während Larissa in ihrem Zimmer die düsteren Gedanken über ihre Familie und das bevorstehende Weihnachtsfest durch den Kopf gingen, waren ihre Eltern mit Johann bei einer der U-Untersuchungen beim Kinderarzt. „Frau Schiller, Herr Schiller, ich muss alleine mit Ihnen sprechen“, sagte Dr. Schmidt, die Ärztin, mit ernster Miene. „Johann, geh' doch mal ins Wartezimmer vor und schreibe etwas an die Tafel. Du kannst doch schon schreiben, oder?“, wandte sie sich lächelnd an den blonden Jungen. „Klar“, sagte der und trollte sich.

Friederike Schiller schaute ängstlich drein und ihr Mann Frank kratzte sich seinen Dreitagebart. „Johann sieht wie ein völlig gesunder Junge aus und verhält sich auch so“, begann die Ärztin. „Und doch scheint etwas mit seinen Urinwerten nicht zu stimmen. Da haben sich Auffälligkeiten ergeben“, fuhr sie fort. „Was denn für Auffälligkeiten?“, fragte Frank Schiller besorgt. „Das Labor hat Eiweiß in Johanns Urin gefunden“, sagte Dr. Schmidt. „Der Wert ist schon Besorgnis erregend. Sie sollten das unbedingt in einer Klinik noch genauer testen lassen.“ – „Was kann denn passieren?“, fragte Friederike. „Das kann ich Ihnen noch nicht genau sagen. Aber die Anzeichen deuten darauf hin, dass die Nieren Ihres Sohnes nicht einwandfrei funktionieren. Ich will Ihnen keine Angst machen, aber je eher da Sicherheit über den Befund besteht und etwas dagegen unternommen werden kann, desto besser ist es für Ihren Sohn.”

Mit sehr gemischten Gefühlen machten sich die Schillers mit ihrem Sohn auf den Heimweg. In der mittelgroßen Stadt, in der sie lebten, gab es keine Kinder-Nierenspezialisten. Das hatte Frank Schiller auf dem Weg zum Auto bereits auf seinem Smartphone nachgeschaut. Rund 80 Kilometer entfernt in Marburg war das nächste Klinikum, das in Frage kam. Die Schillers versuchten, sich Johann gegenüber nichts anmerken zu lassen. „Vielleicht ist bei der Analyse etwas falsch gelaufen oder die Proben wurden versehentlich vertauscht“, dachte Friederike bei sich. Doch der Gedanke an das, was sie über Nierenkrankheiten wusste, setzten sich in ihrem Kopf fest. Dialyse, Nierentransplantation – sie wusste nicht, was im schlimmsten Falle auf sie zukommen würde.

Von all dem wusste Larissa nichts, die noch mit ihrem Weltschmerz wegen der bevorstehenden Advents- und Weihnachtszeit in ihrem Bett lag. Sie hörte ihre Familie nach Hause kommen. „Hoffentlich lassen die mich in Ruhe“, dachte sie und steckte sich ihre Kopfhörer in die Ohren. Das neue „Youtube“-Video von Bauser wollte sie sich in Ruhe anschauen. „Vagabund“ hieß es und hatte mit Sicherheit nichts mit Weihnachten zu tun.

„Larissa, komm’ mal runter“, rief ihr Vater im Treppenhaus. „Oh Mann, hat man denn hier nie seine Ruhe?“, ärgerte sie sich innerlich. „Warum?“, brüllte sie zurück. „Wir müssen etwas Ernstes besprechen“, antwortete ihr Vater. „Na prima, was hab' ich denn nun wieder angestellt?“, murmelte sie vor sich hin, während sie das Handy weglegte und sich widerstrebend auf den Weg ins Wohnzimmer machte.

Ihre Eltern und Johann saßen auf der Couch. Johann hatte sein Tablet in der Hand und spielte „Pokémon Go“. Ihre Mutter schaute ins Leere und ihr Vater kratzte sich am Kinn – ein untrügliches Zeichen dafür, dass er innerlich mit etwas beschäftigt war, wie Larissa wusste. „Was denn? Ist jemand tot?“, fragte sie in die Runde. „Nein, zum Glück nicht“, sagte ihr Vater. „Aber es könnte sein, dass sich bei uns nun einiges ändert“, fügte ihre Mutter hinzu. „Hä? Was soll sich denn ändern? Wollt Ihr Euch trennen?“, platzte es aus Larissa heraus.

„Wie kommst du denn auf die Idee?“, fragte ihre Mutter und schaute sie strafend an. „Johann ist vielleicht schwer krank“, sagte ihr Vater. „Was? Der? Der ist doch immer putzmunter und lässt keine Gelegenheit aus, mir auf die Nerven zu gehen“, sagte Larissa. „Gar nicht wahr“, warf Johann ein, der anscheinend mit einem Ohr zugehört hatte. „Und überhaupt: Warum bin ich krank?“, fragte er seinen Vater.

Auf das „Warum“ hatte Herr Schiller keine Antwort, aber was es sein könnte, versuchte er den Kindern zu erklären. „Du hast vielleicht eine Krankheit in deinen Nieren. Die sind innen drin, also sieht man sie nicht. Aber wenn deine beiden Nieren nicht richtig arbeiten, dann kannst du sehr schnell schlapp und müde werden. Deine Nieren filtern ungesunde Stoffe aus deinem Körper.“ – „So wie der Filter in unserem Staubsauger den ganzen Dreck rausfiltert?“, fragte Johann dazwischen. „Ja, so in etwa“, fuhr der Vater fort. „Wenn dieser ,Dreck‘ in deinem Körper bleibt, dann kannst du sehr krank werden und andere Organe könnten geschädigt werden.“ – „Und wie kommt das Schädliche eigentlich aus mir raus?“, fragte Johann. „Durch das Pipimachen“, sagte Frau Schiller. Johann machte große Augen. „Da sind gefährliche Stoffe drin?“, fragte er. „Ja. Alles, was dein Körper nicht brauchen kann, kommt wieder raus. Wie, das weißt du ja“, sagte Frank Schiller und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Larissa, die die ganze Zeit nur zugehört hatte, fragte sich, was sich denn nun ändern müsse. „Und was ist daran so schlimm?“, fragte sie. Ihr Vater, der nach dem Arztbesuch gleich in eine Buchhandlung gegangen war, während seine Frau und Johann im Untergeschoss in einem Spielwarengeschäft aufhielten, hatte sich ein Buch über Niereninsuffizienz gekauft und war es auf dem Heimweg grob durchgegangen. „Wenn sich das alles bewahrheitet, was hier drin steht“, und damit deutete er auf das besagte Buch, „dann kann es sein, dass Johann früher oder später an die Dialyse muss.“ – „An was?“, fragten die Geschwister wie aus einem Mund. „An so ein Gerät, das das Blut reinigt. Diese Maschine übernimmt dann die Aufgabe der kaputten Nieren“, erläuterte ihr Vater.

Friederike Schiller war die ganze Zeit über still gewesen und auch ihr abwesender Blick bewies, dass sie nicht ganz bei der Sache war. Beim Wort „Dialyse“ schreckte sie auf. Ihr ehemaliger Nachbar, ein alter Herr, war dreimal in der Woche zur Dialyse gegangen. Mehrere Stunden musste er an der Maschine hängen, hatte er ihr einmal beim Gartenzaun-Plausch erzählt. Sie hatte ihn damals sehr bedauert. Und das sollte ihrem kleinen Johann nun bevorstehen? Wie sollte es in der Schule weitergehen? Wie mit Fußballspielen und Klavier? Beides übte Johann mit großer Begeisterung aus.

„Friederike, sag’ doch auch mal was“, wandte sich Frank an seine Frau. „Kinder, wir schauen jetzt erstmal, dass wir einen Termin in der Klinik in Marburg bekommen. Noch ist nichts sicher. Frau Dr. Schmidt hat erstmal nur eine Vermutung“, sagte Friederike und bemerkte, dass sie sich selbst Mut zu machen versuchte mit dem, was sie zu ihren Kindern sagte. „Jetzt steht bald das Weihnachtsfest vor der Tür“, lächelte sie.

Larissa, die nicht ganz sicher war, wie sie mit der Situation umgehen sollte, verzog sich wieder in ihr Zimmer. Johann schwer krank? So sehr er sie auch oft nervte, so sehr liebte sie ihren kleinen Bruder doch. „Ich hoffe, dass alles falscher Alarm ist“, dachte sie und versuchte, ihre Hausaufgaben zu machen. Aber das Konzentrieren fiel ihr schwer. Immer wieder schossen dir Worte „Niereninsuffizienz“ und „Dialyse“ durch ihren Kopf. Klar hatte sie schon gehört, dass es so etwas gab. Aber Genaueres hatte sie nicht darüber gewusst. Weil Prozentrechnung gerade nicht viel Sinn hatte, suchte sie im Internet nach den beiden Begriffen. Was sie dann las, war nicht gerade geeignet, ihre sowieso schon trübe Stimmung aufzuhellen. Und dann auch noch Weihnachten ...

Die ganze Familie versuchte an den folgenden Tagen, nicht an Johanns mögliche Krankheit zu denken. Larissas Eltern dekorierten die ganze Wohnung wie in jedem Jahr. Vier Kartons voller Adventsgestecke, Holz-Weihnachtsmänner, Kunst-Tannenzweige und vielem mehr hatte ihr Vater vom Dachboden geholt. „Dieses Jahr ist es anders“, dachte Larissa. Irgendwie gefiel ihr die heimelige Stimmung jetzt ein bisschen mehr. Warum, das konnte sie sich selbst nicht erklären. Sogar der furchtbare schnarchende Weihnachtsmann, denn ihre Mutter dekorativ vor dem Kamin drapiert hatte, hatte seinen Schrecken verloren. Larissa musste sogar lächeln, als Friederike Schiller ihn anstellte und der Plastikweihnachtsmann sein „Chrrr-schnorch-chrrr“ ertönen ließ. In den Jahren zuvor hatte Larissa das Geräusch einen Schauder des Entsetzens über den Rücken gejagt.

Ja, irgendetwas war anders in diesem Jahr. Es schien beinahe so, als wollte die ganze Familie Schiller die Zeit „schöner“ machen. Die Momente des Advents gemeinsam genießen. Intensiver als in den Jahren zuvor. Und doch schwebte Johanns Erkrankung – von der sie noch nicht sicher waren, wie schwer sie sein würde – über der Familie.

Frank Schiller hatte versucht, schnellstmöglich einen Termin in Marburg zu bekommen. Doch in der Vorweihnachtszeit waren die Ärzte voll im Einsatz und erst eine Woche vor Heiligabend war es möglich. So lange mussten sie mit der Ungewissheit leben. Friederike Schiller hatte sich bereits ein Buch besorgt, das den Titel „Was die kranke Niere alles mag und nicht mag“ trug. „Phosphatarm“ und „kaliumarm“ waren Begriffe, an die sie zuvor noch nie gedacht hatte. „Was man alles beachten muss“, wunderte sie sich. Doch für Johann wollte sie alles tun, damit es ihm gut ging.

Sie versuchte so zu kochen, dass es allen schmeckte, aber niemand wirklich bemerkte, dass es Speisen waren, die eine Nierenkrankheit nicht verschlimmern würden. Pommes und Eier verschwanden vom Speiseplan. Wenn es Kartoffeln gab, ließ sie diese über Nacht im Wasser, um den Kaliumgehalt zu senken. Ihr Mann wusste natürlich bescheid, aber Johann sollte von alledem erst einmal nichts mitbekommen. Friederike freute sich, dass er ein so unbeschwertes Kind war, aber die bösen Gedanken ließen sie nicht in Ruhe. Mit den Weihnachtsvorbereitungen versuchte sie, sich von dem Thema abzulenken. Tagsüber gelang ihr das auch ganz gut, aber mit dem frühen Dunkelwerden kamen auch die düsteren Befürchtungen zurück. „Ich muss aber dafür sorgen, dass alles weiterhin seinen normalen Gang geht. Die Familie ist das Wichtigste“, redete sie sich ein.

Larissa ärgerte sich insgeheim ein bisschen darüber, dass im Moment alles nur nach Johanns Kopf ging. „Noch weiß doch gar keiner, was er eigentlich hat“, dachte sie. Und trotzdem taten Mama und Papa so, als müsse man ihn wie ein rohes Ei behandeln und ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen. Klar, wenn er wirklich kaputte Nieren hatte, dann musste etwas dagegen getan werden. „Aber das ist doch noch gar nicht sicher“, murmelte sie vor sich hin. Ihrer Meinung nach wurde Johann sowieso immer bevorzugt. „Der darf alles, der kriegt alles und ich muss immer zusehen, dass ich nicht zu kurz komme“, dachte sie. Die neun Jahre Altersunterschied machten sich bemerkbar.

Der Tag der Untersuchung im Kinder-Nierenzentrum rückte immer näher. Und damit wuchs die Anspannung bei Familie Schiller. Da half es nichts, dass nebenbei auch noch das Weihnachtsfest vorbereitet werden musste. Fondue sollte es geben. Denn bei Raclette hatten die Schillers Bedenken wegen des Käses und der Kartoffeln. „Mann, ich mag Raclette aber viel lieber“, maulte Larissa. „Schätzchen, du weißt doch…“ begann ihre Mutter und unterbrach sich mit einem vielsagenden Blick in Richtung des motzigen Teenagers. „Ja, ja, ja. Ich weiß…“, antwortete Larissa resignierend. „Hoffentlich hat das alles bald ein Ende“, dachte sie.

An Weihnachtsgeschenke hatten die Schillers bisher kaum gedacht. Was sollten die Eltern ihren Kindern schenken? Larissa hatte sich Bluetooth-Kopfhörer und ein neues „Nike“-Sweatshirt gewünscht. Das war kein Problem. Und Johann? Seine Wünsche waren ein neuer Fußball und ein Gutschein für den „Europapark“. Eines Abends unterhielten sich Vater und Mutter darüber, ob es bei der derzeitigen Ausgangslage sinnvoll sei, Johann diese Wünsche zu erfüllen. „Was, wenn er gar nicht mehr Fußballspielen oder Achterbahn fahren darf?“, fragte Friederike. „Dann wären das sehr unpassende Geschenke“, antwortete Frank. Egal worum es ging: Johanns Nieren waren allgegenwärtig im Leben der Schillers.

Am Tag der Untersuchung in Marburg entschuldigten die Eltern ihren Sohn in der Grundschule und machten sich auf den Weg. Dort angekommen, schaute sich Johann neugierig in dem riesigen Krankenhaus um. Das Nierenzentrum war in einem Nebengebäude untergebracht. „Hallo Johann, schön, dass du da bist“, begrüßte Professor Winter den Jungen. Winter war ein behäbiger Mann, der mit seinem weißen Bart ein bisschen wie der Weihnachtsmann aussah. „Du kommst jetzt erstmal mit mir“, sagte er und Johann folgte bereitwillig. Professor Winter nahm Blutproben („Achtung, jetzt piekst es ein bisschen“) und Urin („Du machst jetzt mal Pipi in den Becher“) und schickte beides sofort ins Labor. Angedacht war, dass Johann erst einmal drei Tage in Marburg bleiben sollte, bis alle Werte feststünden. „Mama, ich will aber nicht hierbleiben“, jammerte der Sechsjährige, als sie ihr Krankenzimmer bezogen. „Schatz, es muss aber sein“, versuchte Friederike ihren Sohn zu beruhigen. „Papa fährt heute Nachmittag zurück, denn er muss arbeiten und jemand muss sich um Larissa kümmern. Aber ich bleibe bei dir“, erklärte sie ihrem Sohn. „Hier ist es aber nicht schön“, quengelte Johann. „Im Krankenhaus ist es selten schön“, sagte Friederike und nahm den Kleinen in den Arm. Er hatte ein Bett und sie musste auf einer Liege schlafen, die tagsüber zusammengeklappt wurde, weil sonst kaum Platz im den recht kleinen Zimmer war. Während der nächsten Tage standen immer wieder kleinere und größere Untersuchungen auf dem Programm, die Johann stoisch über sich ergehen ließ. Friederike Schiller hatte Gespräche mit Ärzten, psychologischen Mitarbeitern und der Ernährungsberaterin des Klinikums.

Zuhause fühlte sich Larissa einsam. So sehr sie sich oft wünschte, dass ihre Familie sie in Ruhe ließ, so sehr fehlten sie ihr nun. Sie gestand sich ein, dass sie die gemeinsam Tee- und Plätzchen-Nachmittage an den vergangenen beiden Wochenenden mit Mama, Papa und Johann genossen hatte. Sie hatte ein bisschen aus der Schule und von ihren Freunden erzählt, hatte sich Johanns Geschichten aus seiner Klasse angehört und sich gefreut, wenn Papa von seinen „tollen Kollegen“ erzählt hatte. Das Familienleben hatte sich definitiv verändert in den letzten Wochen. Zum Positiven, wie sie fand.

Wenn sie jetzt aus der Schule kam, war Papa noch an der Arbeit und das Haus war leer und still. Manchmal stellte sie sogar den Schnarch-Weihnachtsmann an, um der Stille entgegenzuwirken. Nach „Youtube“ war ihr nicht und auch die Lust an „Tik-Tok“-Videos hatte sie im Moment verloren. „Warum muss uns das alles so passieren?“ fragte sie sich. „Hätte es nicht jemand anderen treffen können?!“

Doch es half nichts. Noch fünf Tage bis Weihnachten und sie wusste nicht, was bis dahin sein würde. Kämen Mama und Johann rechtzeitig zurück? Wie würde es ihnen gehen? Wie würde der Heiligabend werden? In den letzten Jahren war Larissa weder mit in die Kirche zur Christmette gegangen noch hatte sie sich das Krippenspiel angeschaut, in dem Johann im vergangenen Jahr zum ersten Mal den Josef gespielt hatte. Sie war maximal zum Geschenke auspacken geblieben und hatte sich kurz nach dem Essen in ihr Zimmer verzogen. Ihren Eltern hatte das nicht gefallen. „Ich bin nun mal in der Pubertät“, hatte sie gesagt. Als ob damit alles entschuldbar wäre.

Diesmal wollte sie es anders machen. Das hatte sie sich fest vorgenommen. Sie hoffte, dass Johann rechtzeitig zurück sein würde, um seine Rolle als Josef spielen zu können. In den Wochen zuvor hatte er mittwochs immer mit dem Kinderchor dafür geprobt und sie zuhause mit dem Textlernen genervt. „Könnt Ihr uns für eine Nacht ein Dach über dem Kopf geben? Meine Frau ist hochschwanger“, hatte er im Wechsel mit „Josef, lieber Josef mein“ rezitiert und gesungen. „Du Doofie, das singt doch die Maria“, hatte Larissa ihm einmal an den Kopf geworfen. „Ist doch egal“, hatte er geantwortet und weitergeträllert.

Larissa überlegte, wie sie dieses Jahr ihrer Familie eine richtige Weihnachtsfreude machen könnte. In der Wohnung selbst war nichts mehr zu machen. Die quoll über vor Weihnachtsdeko. So schlimm wie in den Jahren zuvor fand sie es allerdings nicht mehr. Sie überlegte. „Papa macht doch immer so viele Fotos“, fiel ihr ein. „Da könnte ich doch mal einen Kalender mit schönen Fotos aus dem vergangenen Jahr machen.“ Die Idee war nicht neu, aber für sie war es etwas außergewöhnliches, sich mehr als nötig mit ihrer Familie zu beschäftigen. Schnell setzte sie sich an den Computer und suchte stundenlang Fotos heraus, die sie schön fand. Als sie 25 Bilder zusammen hatte, machte sie sich daran, im Internet nach einem Dienstleister zu suchen, der Kalender drucken könnte. Fündig geworden, layoutete sie ihren Kalender mit jeweils zwei Fotos pro Monat. „Mann, das kostet aber viel“, dachte sie. Aber sie hatte ein bisschen gespart. Dann mussten die neuen Sneakers, die sie davon kaufen wollte, eben noch eine Weile warten.

Nachdem sie mit ihrem Vater abgeklärt hatte, dass sie dessen Bankverbindung angeben durfte („Papa, ich habe eine Überraschung für Euch. Aber die musst du erstmal bitte bezahlen“), freute sie sich über ihr Werk und konnte es kaum erwarten, dass die gedruckten Kalender ankamen. Einen für die Küche, einen für Johann und jeweils einen für Mamas und Papas Arbeit hatte sie in Auftrag gegeben. Sie fühlte sich richtig gut angesichts dessen, dass sich ihre Familie bestimmt darüber freuen würde. „Jetzt muss es nur noch rechtzeitig vor Heiligabend ankommen“, dachte sie.

Ihr Vater hatte einen halben Tag frei genommen, um nach Marburg zu fahren. Professor Winter hatte mitgeteilt, dass die Ergebnisse da seien und man sich zusammensetzen wolle, um „alles Weitere“ zu besprechen. Über nähere Details hatte er Friederike und Frank im Unklaren gelassen. Mit gemischten Gefühlen machte sich Frank Schiller auf den gut einstündigen Weg.

„Hallo Papa“, rief Johann durch die riesige Eingangshalle der Kinderklinik und rannte auf ihn zu. Sie waren nur zweieinhalb Tage getrennt gewesen, aber das war mehr, als jemals zuvor, erinnerte sich Frank mit Erschrecken. Umso größer war seine Freude, nun seinen Sohn und seine Frau wieder in die Arme schließen zu können. „Wir sollen gleich zum Professor kommen“, sagte Friederike und nahm ihren Mann an die Hand.

„Ach, da sind sie ja. Schön“, begrüßte sie Professor Winter. „Der sieht wirklich aus wie der Weihnachtsmann“, flüsterte Frank seinem Sohn ins Ohr und dieser bekam fast einen Lachanfall. „Was ist denn los?“, wunderte der Professor sich. „Ach nichts“, sagte Frank. Doch die ernste Stimmung war durch diesen Gesprächsbeginn erst einmal verflogen. „Nun also“, begann der Professor, „ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie.“ Er sparte sich zum Glück die Frage: „Welche wollen sie zuerst hören?“

„Johann ist kerngesund“, sagte der Mediziner. Frank und Friederike dachten sie hätten sich verhört. „Was?!“, riefen sie wie im Chor. „Ja, wir haben alle möglichen Tests gemacht und nichts gefunden, was nicht so wäre, wie es bei einem Kind seines Alters sein sollte“, sagte Winter und strahlte dabei wie der leibhaftige Weihnachtsmann. Johann sprang auf und machte spontan einen „Dab“, wobei er einen Arm vor und den anderen über dem Kopf hielt. „Wo hast du denn das her?“, wunderte sich seine Mutter. „Das machen doch alle. Das ist cool“, antwortete Johann.

„Und was ist die schlechte Nachricht?“, fragte Friederike nun doch. „Die schlechte Nachricht ist, dass Johann übermorgen nicht mehr hier sein wird, wenn ich als Weihnachtsmann auf den Stationen Geschenke verteile“, grinste Professor Winter. „Das kann ich mir lebhaft vorstellen“, platzte es aus Friederike heraus und plötzlich mussten alle vier herzlich lachen.

„Wissen Sie was, das ist die beste Nachricht, die man zum Weih­-nachtsfest bekommen kann“, sagte Frank Schiller, nachdem er sich beruhigt hatte. „Sie sehen nicht nur so aus, Sie sind unser Weih-nachtsmann“, fügte Johann hinzu und erntete dabei erschrockene Blicke seiner Eltern. Doch Professor Winter lachte nur noch lauter und wandte sich mit einem verschmitzten Lächeln an den Jungen: „Weißt du, es macht mich als Arzt immer besonders glücklich, wenn ich meinen Patienten gute Nachrichten mitteilen darf. Das passiert leider selten genug“, sagte er. „Und deshalb bin ich gerne dein Weihnachtsmann, der dich glücklich macht.“

Die Schillers verabschiedeten sich von Professor Winter und dieser versäumte es nicht, Friederike und Frank zu sagen, dass er es sehr bedauere, dass ihnen die Kinderärztin mit ihrer Vermutung so viele Sorgen bereitet hatte. „Ja, wir haben keine schönen Wochen hinter uns. Aber lieber so, als wenn eine Erkrankung nicht rechtzeitig erkannt wird“, sagte Frank Schiller. „Da haben Sie Recht. Und nun wünsche ich Ihnen allen ein wunderschönes Weihnachtsfest“, verabschiedete sich der Professor. Und ganz zum Schluss flüsterte er Johann ins Ohr: „Wir sehen uns an Heiligabend. Ihr habt doch einen Kamin, oder?“, und schloss die Tür. Johann war ganz verdattert, sagte aber kein Wort.

Als es endlich soweit war, dass es am 24. Dezember in Richtung Kirche ging, nahm Larissa ihren kleinen Bruder in den Arm: „Toi, toi, toi für deinen Auftritt“, sagte sie. „Dan…“, wollte Johann beginnen, aber sie fuhr schnell dazwischen. „Sag‘ ja nicht danke. Das bringt Unglück“, rief sie. Johann schaute verdutzt, nickte dann aber wissend.

In der Kirche angekommen genossen Friederike, Frank und Larissa das Krippenspiel, das Kantor Sebastian gemeinsam mit Pfarrer Förster und den Kindern auf die Beine gestellt hatte. „Vergesst nicht: Weihnachten ist die Zeit der Wunder und der Liebe“, predigte der Pfarrer von der Kanzel. „Wie wahr“, dachte jedes Familienmitglied der Schillers. Denn die Wochen zuvor hatten sie enger zusammengeschweißt. Larissa nahm die Hand ihrer Mutter und drückte sie fest. Friederike war das nicht mehr gewöhnt und blickte ihre Tochter dankbar und mit Tränen in den Augen an. „Ich hab dich lieb, Mama“, flüsterte Larissa.

Als am Ende des Krippenspiels die ganze Gemeinde „O du fröhliche“ sang und Sebastian den Zimbelstern hell zu den Orgelpfeifen erklingen ließ, dachte Larissa bei sich: „Das ist das schönste Weihnachtsfest seit Jahren.“ Insgeheim gab sie sich selbst das Versprechen, ab sofort Weihnachten nicht mehr zu verabscheuen, sondern es jedes Jahr mit ihrer Familie gemeinsam zu feiern. Johanns vermeintliche Erkrankung hatte ihr gezeigt, wie schnell es sein konnte, dass das ganze Leben nicht mehr so sein würde wie zuvor.

Den Rest des Abends verbrachten die Schillers bei Bescherung, Abendessen und gemeinsamen Spielen. Die größte Überraschung war jedoch, dass für Johann ein nagelneuer Fußball und eine Eintrittskarte für den „Europapark“ unter dem Weihnachtsbaum lagen. Eigentlich hatten die Eltern etwas ganz anderes besorgt. „Das war der Weihnachtsmann aus Marburg“, war Johann überzeugt. Frank und Friederike erinnerten sich an das rotbäckige und weißbärtige Gesicht des Marburger Professors, der ihnen die beste Nachricht ihres Lebens überbracht hatte. „Ja, das war der Weihnachtsmann aus Marburg“, wiederholte Friederike. „Hä? Weihnachtsmann?“, wunderte sich Larissa, die den Mann nie kennengelernt hatte. „Lange Geschichte“, sagte ihr Vater. „Wichtig ist nur, dass wir ein wunderschönes Weihnachtsfest haben und alle gesund sind. Weihnachten ist die Zeit der Wunder und der Familie“, fuhr er fort.„Stimmt“, meinte Larissa und nahm sich noch einen der Weihnachtsmuffins, die herrlich nach Zimt und Apfel schmeckten.

ENDE

Hier gibt es die komplette Weihnachtsgeschichte als PDF-Datei zum Herunterladen.

Hier geht es zur ersten Weihnachtsgeschichte von Christopher D. Göbel: "Ein ganz besonderes Weihnachtswunder" (2016)

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