Tod im Untergrund

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Unterbreizbach. Ein Bergmann erzählt von seinem gefährlichen Job.

Unterbreizbach. Seit rund  25 Jahren fährt er in das "K+S-Verbundwerk Werra" ein. Seit vergangenen Dienstag steht er schwer unter Schock. Da kamen drei seiner Kollegen bei einem schrecklichen Unglück unter Tage zu Tode. Deshalb will er auch seinen Namen nicht preisgeben – aus Pietätsgründen den Opfern und Angehörigen gegenüber, aber auch seinem Arbeitgeber geschuldet. Denn Klaus H., so wollen wir den 46-jährigen Bergmann nennen, ist überzeugt davon, "dass niemand etwas für das Unfassbare kann."

In der Regel und nach den Vorschriften ist es so, dass pro Schicht ein Sprengberechtigter einfährt. Zum Beispiel nach der Frühschicht. Zwischen dem Schichtwechsel besetzt der Sprengmeister  die rund sieben Meter langen Bohrlöcher mit Sprengstoff. Ist die erste Schicht dann raus, wird die Sprengung gezündet.

"Ich kann mir nur erklären, dass der sieben Mann starke Vortrupp unter der Führung eines Steigers (das ist der Chef der Bergmänner; Anm. d. Red.) nachschauen wollte, ob die Mittagsschicht schon einfahren kann",  so Klaus H.’s Vermutung. In diesem engen Zeitfenster zwischen 13 und 13.10 Uhr muss es zur verhängnisvollen Sprengung gekommen sein.  Dabei wurden Millionen Kubikmeter Kohlendioxid freigesetzt. "Die Druckwelle hat sich im übertragenen Sinne wie ein Tsunami ausgebreitet und war noch 20 bis 30 Kilometer bis zum Ausgangsschacht zu spüren", sagt H.. Der dient als Ein- und Ausstieg für den Aufzug und  auch als Belüftungsschacht. Eine mächtige Staubwolke wurde dabei freigesetzt und legte sich über den Ort, die Gebäude und Autos in Unterbreizbach und Umgebung. Kurzzeitig hatte die Polizei im betroffenen Gebiet auch die Bundesstraße 84 gesperrt, weil die Befürchtung bestand, das geruchs- und farblose Gas Kohlendioxid hätte sich bis zu einem halben Meter hoch über die Straßen gelegt und vor allem in den Senken abgelagert.

"Das sagt viel über die Gefährlichkeit unseres Berufs aus", so der Bergmann. "Man fährt jahrzehntelang routinemäßig und ohne größeres Nachdenken in die Grube ein, verdrängt das Risiko.  Vier der sieben Kollegen sind dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen", so der 46-Jährige, der in seiner langen Praxis in seinem persönlichen Berufsumfeld auch schon Todesfälle miterleben musste. "Wenn du unter Tage mit dem Jeep in eine Gas-Senke fährst, da genügt ein Luftzug oder Funke. Auch die Ehefrau des Bergmanns steht noch unter Schock, obwohl sie ebenfalls um die Gefährlichkeit des Berufes ihres Mannes weiß. "Bei mir stand  den ganzen Tag das Telefon nicht still. Hoffentlich ist dein Mann nicht betroffen. Hattest Du schon Kontakt mit ihm?", wollten Verwandte, Freunde und Bekannte wissen. Sie hatte Verbindung zu ihm und konnte schließlich einigermaßen beruhigt Entwarnung für die Situation ihres Gatten geben, der nicht unmittelbar betroffen war.

Klaus H. fuhr trotz der Katastrophe  am nächsten Tag wieder in den großräumigen, unterirdisch auf hessischer und thüringischer Seite weitverzweigten und mit Förderbändern verbundenen  Kali-Schacht ein.  "Um eine gewisse Hemmschwelle abzubauen. Das ist  im Prinzip nur schwer vergleichbar – aber ein Skispringer geht nach einem Sturz ja auch gleich wieder die Schanze hoch." Was mit dem unmittelbar betroffenen Grubenabschnitt passiert, lässt sich nach H.’s Meinung nur schwer ein- und abschätzen. "Wird der Schacht dichtgemacht, wie in ersten Aussagen zu hören waren? Ich weiß es nicht. Jedenfalls dürften alle Maschinen in Mitleidenschaft gezogen worden sein – und das Gas muss auch weggespült werden." Der 46-jährige Bergmann aus dem hessisch-thüringischen Grenzgebiet ist froh, nicht direkt betroffen gewesen zu sein.

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