Veränderte Welt: Von GÜST, Bremen, Korn und "Plaste & Elaste"

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Mit Trabbis und Wartburgs rollten die Thüringer gen Westen und Kreis Fulda.

Vor 30 Jahren wurde die Grenze zwischen BRD und DDR geöffnet. „Fulda aktuell”-Redaktionsleiter Bertram Lenz erinnert sich an die Zeit, die unser Land veränderte. Auch Redakteur Christopher Göbel rekapituliert Ereignisse, die sich auf die bis dahin bestehende Trennung von Ost und West beziehen.

Osthessen - Sind wirklich schon 30 Jahre vergangen, seit in Berlin die Mauer fiel und danach Zug um Zug die innerdeutsche Grenze immer löchriger wurde, bis sie plötzlich gar nicht mehr da war? Für jeden, der so wie ich das Geschehen aus nächster Nähe miterlebt hat, bleiben all‘ jene Ereignisse im Herbst 1989 unvergessen. Zur damaligen Zeit als Lokalredakteur für die hiesige Tageszeitung tätig, war ich unmittelbar dabei, als die Welle der Freiheit auch das Fuldaer und Thüringer Land erfasste. Es gab Volksfeste auf beiden Seiten und tränenreiche Wiedersehensfeiern.

Denn im Fuldaer und Geisaer Land hatte es vor 1945 sehr viele Beziehungen zwischen Familien, Vereinen, Kommunen und Bildungseinrichtungen gegeben. Von diesen engen Bindungen, die seit Generationen zwischen den Bewohnern entstanden waren, war dann auch das unverhoffte Wiedersehen nach der Grenzöffnung am 9. und 10. November 1989 geprägt. Auch die innerhalb von wenigen Tagen (!) wiederhergestellte Straßenverbindung zwischen Günthers und Motzlar war ein kleines Wunder.

 Denn die Straße war 1945 (ebenso wie die parallel laufende Eisenbahnlinie) von den Russen zerstört worden und in Folge durch den Grenzstreifen unterbrochen gewesen. Anfang Dezember schon war die Straße wieder benutzbar, was entsprechend gefeiert wurde. Nach der Grenzöffnung des 9. November schoben sich Tag für Tag unter lautem Hupen schier endlose Kolonnen von Trabbis und Wartburgs entweder die B 84 oder die Rhöner Straßen herab gen Fulda.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der erste Sonntag, der – dem Anlass entsprechend – kurzerhand mit dem Prädikat „verkaufsoffen“ versehen wurde. Und ja, man möge mir das Stereotyp verzeihen: Die Läden, die beispielsweise Südfrüchte anboten, waren binnen kurzer Zeit leergekauft. Übrigens nur noch übertroffen von den langen Schlangen vor den Auszahlungsstellen des Begrüßungsgeldes.

Kurz nach der Grenzöffnung war der Fuldaer Domplatz mit Trabis übersät. Das Bild ist dem Buch „Fulda in den 70er- und 80er-Jahren entnommen.

Der damalige Fuldaer Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Hamberger ließ es sich am Anfang nicht nehmen, zusammen mit Magistratsmitgliedern und Verwaltungsmitarbeitern das Geld auszuteilen. Hamberger hatte noch zu einer weiteren Episode deutsch-deutscher Geschichte beigetragen und am 5. Oktober 1989 den zweiten Sonderzug mit 662 DDR-Flüchtlingen aus der Prager Botschaft in Fulda begrüßt. Von denen einige dann übergangsmäßig auf der Wasserkuppe untergebracht wurden und dort den westdeutschen Journalisten gerne Rede und Antwort standen.

Doch zurück in den November 1989: Bei so viel Euphorie auf beiden Seiten blieb es natürlich irgendwann nicht aus, dass man – von Neugier getrieben – selbst einmal schauen wollte, wie es denn „drüben“ aussah. In der Kindheit waren es sonntägliche Ausflüge gewesen („Grenze gucken“), die das Bild vom „anderen“ Deutschland geprägt hatten, und in der Jugendzeit eine Klassenfahrt nach Westberlin mit Abstecher in den Osten der Stadt. In Erinnerung geblieben ist hier zweierlei: extrem günstige Schallplatten (besonders Klassik!). Was freilich das Gefühl von Beklemmung und Angst nicht verdrängen konnte. „Nur keinen dummen Spruch und kein dummes Gesicht machen, sonst nehmen dich die Vopos (Volkspolizisten) fest und Du landest im DDR-Knast“, lautete die Parole. Die man selbst als aufmüpfiger 17-Jähriger brav befolgte.

Zehn Jahre später war alles anders, nun lockte das zwar nahe, aber unbekannte Land. Und hieß einen willkommen mit Luftemissionen der allgegenwärtigen Zweitakter, die sich wie eine stinkende Wolke über die Dörfer legten. Hinter Rasdorf war man, nachdem die nunmehr offene Grenze passiert worden war, zunächst einmal mit einem Pappschild am Straßenrand begrüßt worden: „GÜST“ stand da, und erst nach höflicher Nachfrage kam von einem aufgeschlossenen Noch-DDR-Bürger die Auskunft, dies bedeute „Grenzübergangsstelle“.

Der Gedanke, irgendwo falsch zu sein, verfestigte sich, als plötzlich noch ein Straßenschild auftauchte, das nach „Bremen“ wies. Heute weiß ich, dass es ein Stadtteil von Geisa ist, bis 1990 allerdings im Sperrgebiet entlang der innerdeutschen Grenze gelegen hatte. Neben dem Gestank aus Zweitaktern ist mir von diesen ersten Besuchen nach Öffnung der Grenzanlagen besonders noch eines im Gedächtnis haften geblieben: An jeder Straßenecke, vor nahezu jeder Haustüre, gab es Alkohol en masse.

Kaum hatten die Menschen aus Geisa, Schleid, Buttlar, Wenigentaft oder Motzlar ein Auto mit West-Kennzeichen erspäht, winkten sie die Insassen auch schon heran und luden zum Genuss des „Nordhäuser Doppelkorn“ ein. Der dann meist in Strömen floss. Heute, auf den Tag genau 30 Jahre später, erscheinen diese Vorgänge wie aus einer Zeit, die fast irreal daherkommt. Von der Parole „Wir sind das Volk“ ist nichts mehr zu spüren – und wenn, dann nur im Zusammenhang mit hässlichen Schmähreden auf Flüchtlinge. Schade.

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ZWISCHENRUF VON CHRISTOPHER GÖBEL

Von Plaste und Elaste aus Zschopau

Ich war noch ein Jugendlicher, als die Grenze zur DDR geöffnet wurde. Politik hatte mich damals – das gebe ich offen zu – nicht brennend interessiert. Natürlich wusste ich, dass Helmut Kohl Kanzler war und Hans-Friedrich Genscher Außenminister. Und ich wusste auch, was die DDR war. Mit einer Patentante in West-Berlin war ich ja mit meiner Familie schon oft durch dieses unbekannte Land gefahren. Auf der Transit-Autobahn, die heute als A4 eine hochfrequentierte Verbindung in Richtung Dresden ist.

Ich erinnere mich noch, dass ich immer ein wenig Bammel hatte, wenn die Grenze kurz nach Herleshausen in Sicht kam. Die Türme wirkten einschüchternd. Ich meine, auch bei meinen Eltern immer ein gewisses Unbehagen gespürt zu haben, wenn die Grenzer mit starrer Miene unsere Pässe entgegennahmen. In der Schlange an der Grenze sah man eine Art Förderband, auf dem ich vermute, dass unsere Papiere von der ersten Kontrollstelle zur nächsten an uns vorbeitransportiert worden. Ich überlegte dann, ob die Pässe oder wir mit dem Auto schneller wären.

Als das Grenz-Procedere vorbei war, sah man im „Osten“ die Plattenbauten, die es im „Westen“ in der Form nicht mehr gab. Näherten wir uns Berlin, dann blieb mir das große Werbeschild „Plaste und Elaste aus Schkopau“ (Oder Zschopau) im Gedächtnis. Und der Panzer, der die Transitpassagiere an der „Avus“ begrüßte.

Über die Ein- und Ausreise an der Grenze zwischen BRD und DDR gibt es zahlreiche Geschichten. Eine finde ich sehr amüsant: Meine Berliner Patentante hatte einmal einen Grenzkontrolleur falsch verstanden: „Wiedersehen“ statt „Hierher sehen“. Und gab Gas. Ihr Mann auf dem Beifahrersitz brüllte los uns sah sich schon mit Maschinenpistole bedroht auf dem Boden hocken. Sie fuhren dann schnellstens rückwärts. Der Grenzmann, der bemerkt hatte, dass da ein Verständnisproblem vorgelegen hatte, quittierte dies mit einem Grinsen.

Aber zurück zur Grenzöffnung. Meine Familie und ich waren natürlich neugierig, wie es denn im „Osten“ tatsächlich aussah. Bisher kannte man ja nur Geschichten. Noch im Winter 1989 fuhren wir in Richtung Weimar. Meine Eltern – stets Kunstinteressiert – wollten Goethes und Schillers Wirkungsstätten sehen. Ich war damals etwas geschockt. Der Geruch nach Braunkohledämpfen, riesige überirdische Rohre, viel Kopfsteinpflaster auf den Straßen – ich fühlte mich nach Ungarn versetzt, wo wir Verwandtschaft hatten und auch öfter zu Besuch waren. Es war irgendwie eine Reise in die Vergangenheit.

Keine Vergangenheit, die ich selbst kannte, aber wie ich sie mir als Teenager eben vorstellte. Wenn ich heute gen Osten fahre, dann freue ich mich darüber, dass die ostdeutschen Städte den „kommunistischen Charme“ abgelegt haben und Eisenach, Erfurt oder Potsdam schöne Orte geworden sind. Zum Besuchen jedenfalls. Denn nach den jüngsten Wahlergebnissen in Thüringen ist mir nicht mehr ganz wohl. Eine Satire-Seite im Internet hatte neulich eine umgekehrte Erklärung für den „Antifaschistischen Schutzwall“ – ich denke, dass ich das jetzt nicht weiter erläutern muss.

Dennoch: Dass West und Ost wiedervereinigt sind, hat die Lage in Europa entspannt. Und auch wenn nicht alle Mauern in allen Köpfen bis auf die Grundmauern niedergerissen sind, so freue ich mich darüber, dass Deutschland seit 30 Jahren nicht mehr geteilt ist. Und ich freue mich auch, dass der Trabbi-Gestank aus unserer Luft verschwunden ist ;-) !

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