Verfahren in Fulda: Lag es am Futter oder an der Haltung?

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Der angeklagte 23-Jährige gemeinsam mit seinem Pflichtverteidiger, Rechtsanwalt Horst Schäfer

Prozessauftakt gegen 23-Jährigen wegen des Todes von fünf Rindern / Vorwurf: Verstoß gegen Tierschutzgesetz

Fulda - Nach knapp dreistündiger Verhandlung brachte Dr. Carina Urban, Amtstierärztin beim Landkreis Fulda, ein wenig Licht ins Dunkel: Ihrer Aussage nach waren die fünf toten Rinder abgemagert, was auf eine "unzureichende Versorgung mit Futter oder Wasser" schließen lasse. Auf die Nachfrage von Richter Ulrich Jahn, worauf sie ihre Erkenntnisse stütze, hob Urban zum einen verschiedene Erfahrungswerte, zum anderen den Zustand der Kadaver hervor. Darunter wenig Muskelfülle und hervortretende Knochen. Zudem habe es keine Anzeichen für eine chronische Grunderkrankung gegeben. 

Seit Dienstagmorgen muss sich ein 23-Jähriger aus der Großgemeinde Hosenfeld wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz vor dem Fuldaer Amtsgericht verantworten. Amtsanwalt Berthold Hartung wirft dem Mann, der von Rechtsanwalt Horst Schäfer als Pflichtverteidiger vertreten wird, vor, zwischen dem 14. Januar und dem 22. Juni 2016 seiner Pflicht nicht nachgekommen und mindestens fünf Rindern durch nicht bedarfsgerechte Ernährung "langanhaltende Leiden und Schmerzen" zugefügt zu haben. Ein Tierarzt sei nicht eingeschaltet worden.

Bereits am 14. Januar 2016 war der Angeklagte durch den "Fachdienst Veterinärwesen und Verbraucherschutz" des Landkreises wegen nicht artgerechter Haltung mit der Auflage verwarnt worden, die Mängel abzustellen. Während der nächsten Kontrolle am 21. Juni  2016 wurden dann bei einer umfangreichen Begehung der nicht verschlossenen Stallungen jene vier toten und bereits in Verwesung befindlichen Rinder sowie ein einzelner Schädelknochen ohne zugehörigen Tierkörper gefunden. Der Amtsanwalt sprach von einer "unterlassenen Versorgung", die zum qualvollen Tod der Tiere geführt habe. Dies sei dem 23-Jährigen bewusst gewesen. Umso verwunderlicher, weil der Mann mit neun Rindern, die auf einer Weide gehalten worden waren, Anfang Februar 2016 eine bessere Lösung gefunden hatte, die auch diesmal ein Leichtes gewesen wäre: Er hatte die Tiere an einen Viehhändler verkauft.

Dem Gericht schilderte der Mann, wie er nach der Trennung seiner Eltern 2009 und dem Tod des alkoholkranken Vaters 2014 den landwirtschaftlichen Betrieb allein habe weiterführen müssen. Zwei Lehren habe er abgebrochen, zudem keinen Führerschein (auch nicht den für einen Traktor), und krankenversichert sei er auch nicht. Sein Rechtsanwalt führte ergänzend aus, dass sein Mandant einen "kompletten Neustart" anstrebe: "Er möchte weg und auch seine Ausbildung wieder aufnehmen". Wenn die Erbengemeinschaft, die mit seiner Mutter bestehe, aufgelöst sei, wolle er mit dem Geld die aufgelaufenen Schulden tilgen.    

Ludwig Stark, Tiergesundheitsaufseher beim Landkreis Fulda, berichtete von den neun Rindern, die auf einer Weide gehalten worden waren, "und die absolut nicht abgemagert gewesen sind". Bemängelt habe man vielmehr den zunächst nicht adäquaten Witterungsschutz und besonders die "unzureichende Darreichung des Futters": Dieses sei über den Zaun geworfen und auf einer Linie verteilt worden, was unter anderem zur Verkotung geführt habe. Einen überdachten Futterwagen, der besser gewesen wäre, nutzte der 23-Jährige nicht mehr, nachdem sich in den Stäben ein Kalb selbst stranguliert hatte.

Was die fünf toten Bullen in den Stallungen betrifft, so betonte der Angeklagte, dass er zunächst Futter von Bekannten besorgt und dann schließlich einen zwei Jahre alten Siloballen von der Weide geholt habe. Von diesem habe er den Schimmel entfernt und dann den Tieren davon zu fressen gegeben. "Das ging zwei Tage gut, ohne dass ich etwas Auffälliges bemerkt hätte. Am dritten Tag kam ich dann morgens in den Stall, und da lagen die Tiere alle tot da und waren schon kalt".  Der 23-Jährige sprach von "Panik", die ihn ergriffen habe, nachdem Mitte Juni eine erste Kontrolle durchgeführt werden sollte, die freilich vor verschlossenen Türen stand: Da habe er versucht, die erheblich verwesten Tiere aus dem Stall zu schleifen, wobei sich der eine Schädelknochen löste. Der Kadaver wurde dann am Waldrand gefunden, verborgen unter Silage.

Was letztendlich die Todesursache gewesen sei, darüber wollte Stark keine Angaben machen: Vom Erscheinungsbild her sei die Nährstoffversorgung defizitär gewesen, es sei zum Abbau von Fettgewebe und Muskelmasse gekommen. Futtermangel könnten Tiere im Übrigen länger kompensieren, den Mangel an Flüssigkeit aber nicht. Auch Amtstierärztin Urban formulierte, bezogen auf Keime und durch Schimmel verdorbene Silage, dass es "sehr, sehr untypisch ist", dass alle fünf Tiere binnen drei Tagen gestorben seien.

Das Verfahren wird am 8. August um 14 Uhr fortgesetzt, dann wohl mit den Plädoyers und dem Urteil. In welche Richtung dieses tendieren könnte, machte Richter Jahn am Ende der dreistündigen Verhandlung fest, als er die juristische Formulierung der "Ordnungswidrigkeit" ins Spiel brachte. Zuvor hatte er bereits vermutet, dass der 23-Jährige sein eigenes Leben nicht in den Griff bekommen habe und sich dann wohl nicht auch noch um die Tiere habe kümmern können.   

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