Vier Systeme, viele Facetten

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Das bewegte Leben des Petersbergers Wilhelm Goldbach unter vier "Regierungssystemen".

Petersberg. Es war der erste große Krieg im 20. Jahrhundert, entfesselte von 1914 bis 1918 in einer "Urkatastrophe" eine bis dahin unbekannte Eskalation und Dimension von Gewalt.  Neun Millionen Soldaten und fast sechs Millionen Zivilisten starben im 1. Weltkrieg, im ersten industrialisierten und totalen Krieg der Geschichte. "Er veränderte nicht nur die nachfolgenden bewaffneten Konflikte, sondern prägte langfristig das politische Denken und Handeln", heißt es im Flyer zur Gedenkausstellung des "Deutschen Historischen Museums Berlin" zum Kriegsgeschehen vor 100 Jahren, die  noch bis zum 30. November  einen facettenreichen Überblick über die Voraussetzungen und verheerenden Folgen einer damals beginnenden weltumspannenden Kriegsmaschinerie bietet.

Facettenreich war auch das Leben und Wirken des Petersbergers Wilhelm Goldbach, der von 1894 bis 1968 lebte und  vier verschiedene Regierungssysteme  erlebte. Die Biographie des Eisenbahners (bei der Reichs- und Bundesbahn) war  geprägt von einem Leben für die Familie, von Vereins-und Parteiarbeit, Gewerkschaftsdienst sowie politischem und kirchlichem Engagement.

Nach seiner Einberufung als Ersatzrekrut zur Eisenbahn-Panzerkompanie  32 in Hanau, nach Einsatz und Verwundung in Russland, wurde er nach seiner Genesung in den Libanon abkommandiert. Dort wurde er von den Engländern als Kriegsgefangener festgesetzt und war bis zum 20.11.1919 im ägyptischen Heliopolis interniert. Hier schrieb er ein Tagebuch und schickte Briefe an die Lieben Zuhause ("ich benötige nichts, habe auch Wäsche, Essen genügend und vertraue auf Gott, der mich bald heimführen wird") und auch seinen Lehrer Johannes Hack, die sein Sohn Hubert Wilhelm bis heute aufbewahrt hat.  Am 1.12.1919 meldete sich Wilhelm Goldbach wieder in Petersberg zurück, wie der Wehrpass, sein Tagebuch sowie der Entlassungsschein bestätigen.

In der Kriegsgefangenschaft entstanden Freundschaften mit palästinensischen Mitgefangenen ("Mein lieber Willy, jetzt 17 Jahre sind vorbei und sicher du hast auch mich nicht vergessen und du erinnerst wohl die Zeit, wenn die Engländer  uns beide Gefangenen geschnappt haben in Afule und auch die Zeit im Gefangenen Lager in Heliopolis"; Alexander Aintablian, Tiberias) und englischen Aufsehern ("Ich bin immer erfreut, unsere Freundschaft miteinander  zu erhalten, weil wir so viele schöne Stunden im P.O.W. (Prisoner of War)-Camp in Heliopolis hatten"; James William, Southern Cottage, Yorkshire), die bis zuletzt anhielten.

Von 1919 bis 1933, zur Zeit der "Weimarer Republik", war "Willy" Goldbach parteipolitisch im Zentrum (einem Vorläufer der CDU) und zeitweise Ortsvorsitzender beziehungsweise im Gemeinderat in Petersberg aktiv.

1933 trat er in die NSDAP ein und übernahm einen Posten als Ortspropaganda-Leiter – "um seine Familie mit vier Kindern, seinen Beamtenstatus bei der Reichsbahn sowie den Hausbau 1929 mit all seinen Schuldenrückzahlungen nicht zu gefährden", wie Sohn Hubert Wilhelm sagt.  Nach der Kapitulation  kam Goldbach senior vom 1. Juli 1945 bis zum 31. Juli 1947 in ein Internierungslager nach Treysa.Von 1947 bis 1957 war Goldbach aktiver Eisenbahner in den Direktionsbezirken Fulda, Frankfurt und Kassel, am 16.11.1957 wurde er als Bundesbahn-Obersekretär in den Ruhestand versetzt. Am 24. Juli 1968 starb er in der Uniklinik Marburg an Herzversagen.Eine Lebensgeschichte, beispielhaft für viele Männer unter diesen vier "Regierungssystemen" – angefangen mit der Wilhelminischen Zeit und dem Ersten Weltkrieg, die Terror-Regime bis hin zur demokratischen Bundesrepublik unserer Tage.

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