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Von der Vielschichtigkeit der Liebe: Richy Müller spielt einen innerlich zerrissenen Priester bei Bad Hersfelder Festspielen

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Von: Christopher Göbel

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Nicht Notre-Dame, aber die Stiftsruine Bad Hersfeld ist in diesem Jahr Wirkungsort von Schauspieler Richy Müller (rechts). Das Werk von Victor Hugo bringt Festspielintendant Joern Hinkel (links) auf die Bühne
Nicht Notre-Dame, aber die Stiftsruine Bad Hersfeld ist in diesem Jahr Wirkungsort von Schauspieler Richy Müller (rechts). Das Werk von Victor Hugo bringt Festspielintendant Joern Hinkel (links) auf die Bühne © Göbel

Ein Gespräch mit dem bekannten Schauspieler Richy Müller, der im Sommer zu den „Bad Hersfelder Festspielen“ kommt, über Theater, KollegInnen, Religion und die Stiftsruine.

Bad Hersfeld „Man rief mich“, sagt Schauspieler Richy Müller lächelnd im Gespräch mit FULDA AKTUELL. Man rief ihn, um den Claude Frollo in „Notre Dame“ bei den 71. „Bad Hersfelder Festspielen“ in diesem Sommer zu spielen. Und „man“ war in diesem Fall Intendant Joern Hinkel, der mit Müller schon in „Hexenjagd“ in 2016 und 2017 auf der Festspielbühne arbeitete.

„Ich habe gehofft, wieder auf dieser Bühne spielen zu dürfen“, so Müller, dessen Vorname eigentlich Hans-Jürgen lautet. „Es ehrt mich, dass man mir diese Rolle anvertraut“. Denn der Frollo ist ein zwiespältiger Charakter, der eigentlich ein Bösewicht ist, aber durch innere Triebe zu seinem Handeln gezwungen wird. „Die Vielfältigkeit der Rolle fasziniert mich“, sagt Müller. „Was bringt einen Menschen dazu, so zu werden?“

Seine Aufgabe sei es, die Rolle so zu spielen, dass Claude Frollo nicht vom ersten Satz der Böse ist. „Ich versuche, die Rolle zu sein“, so Müller. Das funktioniere nur, wenn er die „Abgründe in sich selbst“ finde. Dazu kämen die Schauspielkolleginnen und -kollegen, mit denen er auf der Bühne interagiere, Kostüm und Maske und vieles mehr. Man müsse so fühlen wie die Rolle und „man muss die Gedanken der Figur zu seinen eigenen machen.“ Das Spannende am Theater sei, dass er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen könne, „wie das funktioniert. Denn Theaterspielen ist Agieren und Reagieren und nicht das Aufsagen des Textes“. Beim Theater arbeiten laut Müller viele Menschen zusammen, die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiteten. „Schauspielerei ist vor allem Präsenz, Anwesenheit, Dasein“, so der Schauspieler, der unter anderem einen „Tatort“-Kommissar verkörpert. „Und dazu will man das Publikum interessieren, unterhalten und nachdenklich machen.“

Hinkel hat ihm das Manuskript der Bühnenfassung bereits geschickt, aber er habe bisher nur „reingelesen“. Ab Mai stehen dann sechs Wochen Probenzeit für „Notre Dame“ in der Hinkelschen Bühnenfassung zur Verfügung. „Ich möchte schon beim Lesen Stimmungen herausfinden“, sagt Müller, der derzeit auch als „Rainman“ auf einer Theaterbühne steht. „Ich bin sehr dankbar für dieses offene Herangehen“, sagt Hinkel. Das sei nicht bei jedem Schauspieler so: „Manche kommen mit der Auffassung an, dass sie ihre Rolle mit genau dem Ausdruck und genau dieser Stimme spielen müssen“, so der Intendant, der „Notre Dame“ in Bad Hersfeld inszenieren wird. Aber es sei jeden Abend eine andere Vorstellung.

Die Stiftsruine als Theaterort ist für Müller „ein Monument, das erdrückend sein kann.“ Er freut sich darauf, neben dem Agieren vor der Kamera Theater zu spielen. „Hier in Bad Hersfeld herrscht immer eine tolle Stimmung, es ist ein Abenteuer“. Nach vielen Jahren auf der Bühne kennt er zwar kein Lampenfieber mehr, aber „ein bisschen Aufregung gehört dazu. Die meisten Gedanken mache ich mir vor einem Auftritt um den ersten Satz.“

Hinkel schätzt seinen Schauspielerkollegen als „sehr ausgeglichenen Menschen, der sich in seinem Leben auch mit spirituellen Fragen auseinandergesetzt hat“. Ein ausgeglichenes Wesen sei eine gute Voraussetzung dafür, einen unausgeglichenen Menschen wie Claude Frollo zu spielen. „Ich glaube an Gott oder auch an eine höhere Macht“, sagt Müller, der in Bad Hersfeld zum zweiten Mal als Geistlicher auf der Bühne steht. „Vielleicht ist es auch Karma. Zufälle in meinem Leben haben mich dahin gebracht, wo ich heute bin“, sagt er. „Eine Macht führt uns, aber wir müssen die Wege erkennen.“

„Notre Dame de Paris“, wie der Roman von Victor Hugo aus dem Jahr 1831 heißt, wird in Bad Hersfeld zu „Notre Dame“. In Hinkels Fassung verschwindet auch „der Glöckner von“, denn der vielschichtige Roman biete eine Verstrickung mehrerer Handlungsstränge, „von denen Quasimodo und Esmeralda nur ein Teil sind“, so Hinkel. Die Liebe stehe im Mittelpunkt allen Handelns und mit „Notre Dame“ (Unsere Frau) könne auch Esmeralda gemeint sein.

Hinkel will digitale Mapping-Technik nutzen, um die weltberühmte Pariser Kathedrale „Notre-Dame de Paris“ vor den Augen des Publikums entstehen zu lassen. „Man kann aber eine gotische Kirche nicht so einfach in einen romanischen Bau projizieren“, sagt der Intendant. Die Stiftsruine werde nicht verkleidet. „Beide haben das gleiche Schicksal erlitten“. Die Pariser Kathedrale wird nach dem Brand im Jahr 2019 derzeit restauriert, die Stiftsruine hat nach dem Einsturz des Daches im Jahr 1761 eine andere Nutzung gefunden.

Eine weitere Herausforderung wird sein, die Adaption des Stückes als Familienfassung in „Der kleine Glöckner“ auf die Bühne zu bringen. Auch hier übernimmt Richy Müller die Rolle des Frollo. Kinder ab zehn Jahren können eine kindgerechte und gekürzte Bühnenfassung des Stückes erleben. „Die Geschichte ist ein Plädoyer gegen jede Form von Rassismus und Ausgrenzung. Wir versuchen, die Geschichte im Sinne von Victor Hugo zu erzählen: als farbenfrohe, abenteuerliche, manchmal ausgesprochen gesellschaftskritische Geschichte über die außergewöhnliche Beziehung zwischen zwei Ausgestoßenen“, sagt Hinkel.

Der Vorverkauf für die 71. „Bad Hersfelder Festspiele“ hat begonnen und läuft laut dem Intendanten bisher besser als im vergangenen Jahr. Mit mehr als 1.300 Plätzen wird derzeit jeder Platz besetzt, aber je nachdem, wie sich die Corona-Pandemie entwickelt, ist man auf alles vorbereitet und kann schnell reagieren, sollten sich Infektionszahlen oder gesetzliche Regelungen verändern. „Wir arbeiten unter den besten Voraussetzungen aller Theater: Im Freien und im Sommer“, so Hinkel. Theater sei „die Kunst des Handelns“. Dieses Handeln kann man vom 1. Juni bis zum 28. August auf der Festspielbühne erleben.

Den kompletten Spielplan mit allen fünf Theaterstücken dieser Spielzeit sowie die Ticketbestellung ist auf www.bad-hersfelder-festspiele.de möglich.

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