1. lokalo24
  2. Lokales
  3. Fulda

Von Silges nach Litauen: Oberstleutnant Andrä zur aktuellen Situation

Erstellt:

Von: Bertram Lenz

Kommentare

Kommandoübergabe in Litauen von der 10. an die 11. Rotation mit Kommandeur Oberstleutnant Daniel Andrä aus Silges (rechts).  
Kommandoübergabe in Litauen von der 10. an die 11. Rotation mit Kommandeur Oberstleutnant Daniel Andrä aus Silges (rechts).   © Lisa Engler photosbylima

Angespannter hätte die Situation angesichts des sich bereits damals dramatisch zuspitzenden Ukrainekonflikts nicht sein können, als Anfang Februar Oberstleutnant Daniel Andrä mit der 11. Rotation die Führung der NATO-Battlegroup in Litauen übernommen hat.

Littauen/Nüsttal Er ist Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 411 in Viereck (Landkreis Vorpommern-Greifswald), seit fast 25 Jahren Soldat und wohnhaft im Nüsttaler Ortsteil Silges. Gegenüber FULDA AKTUELL gab der 43-Jährige, der als Experte ein gefragter Gast in Talkrunden ist, ein exklusives Interview.

FULDA AKTUELL: Sie sind Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 411 und haben Anfang Februar als Kommandeur die Führung des multinationalen NATO-Gefechtsverbandes in Litauen übernommen. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Oberstleutnant Daniel ANDRÄ: Ich führe hier im litauischen Rukla, was eineinhalb Stunden von der litauischen Hauptstadt Vilnius entfernt ist, für sechs Monate derzeit rund 1600 Soldatinnen und Soldaten. Gemeinsam leisten wir hier einen wichtigen und robusten Beitrag für eine glaubwürdige Abschreckung. Dafür haben wir eine Vielzahl an Fähigkeiten: Schützenpanzer, Panzer, Pioniere, Aufklärer, Artillerie, Flugabwehr, aber auch Sanitätskräfte, ABC-Abwehrfähigkeiten und Logistik. Hauptsächlich zeigen und erhöhen wir derzeit unsere Einsatzbereitschaft. Das machen wir integriert in litauische Strukturen und durch intensive Ausbildung sowie gemeinsame multinationale Übungen. Wir sind fester Bestandteil der litauischen Verteidigungsplanungen und unterstehen hierzu der litauischen Iron Wolf Brigade. Wenn notwendig, sind wir darauf vorbereitet gemeinsam mit den Litauern und unseren Verbündeten sowie Partnern das zu tun, was zur Verteidigung des Landes im Falle eines Angriffs notwendig ist.

FA: Wie viele Nationen sind in dieser Battlegroup vertreten?

ANDRÄ: An der Battle Group beteiligen sich derzeit sieben Nationen. Neben Deutschland als Führungsnation stellen die Niederlande, Norwegen, Tschechien, Luxemburg und Belgien Soldatinnen und Soldaten. Island beteiligt sich mit einem zivilen Mitarbeiter, da dieses Land selbst über kein Militär verfügt.

FA: Wie hat sich die Bundeswehr auf diese Aufgabe in einem multinationalen Verband vorbereitet?

ANDRÄ: Mein Heimatbataillon in Deutschland, das Panzergrenadierbataillon 411 aus dem nordostdeutschen Viereck, stellt den Leitverband dieser Rotation. Die Vorbereitung hat insgesamt deutlich mehr als ein Jahr in Anspruch genommen. Diese Zeit haben wir intensiv genutzt. Wir haben auf unterschiedlichen Ebenen Gefechtsausbildung und größere Übungen durchgeführt. Hinzu kamen Planungs- und Führungsübungen für den Stab und die Gefechtsstände. In einer Großübung mit rund. 1200 Soldatinnen und Soldaten im letzten Jahr im September wurde unter realistischen Bedingungen im Gefechtsübungszentrum des Heeres der Ausbildungs- und Übungshöhepunkt erreicht. Es folgten mehrere Erkundungen in Litauen, damit man bereits vor Einsatzbeginn ein möglichst gutes Bild hat, was letztlich auf einen zukommt. Alle Abschnitte haben wir gemeinsam mit unseren multinationalen Kameradinnen und Kameraden durchgeführt. Nur so lernt man sich umfassend kennen und kann von Anfang an den Auftrag gemeinsam erfüllen.

FA: Kann man sagen, dass Sie ganz nahe an einem Pulverfass sitzen?

ANDRÄ: Die Lage ist hier stabil, wie wir beim Militär zu sagen pflegen. Wir befinden uns unverändert in einem Land der Europäischen Union und auf NATO-Territorium. Es gibt derzeit keinerlei Indikatoren, dass Russland einen Angriff auf das Bündnisgebiet plant. Die ukrainische Grenze ist über 450, Kiew 820 Kilometer entfernt. Gleichwohl beobachten wir die Lage aufmerksam. Letztlich kann man nichts ausschließen und wir sind auf alles vorbereitet.

FA: Wie ist aktuell die Stimmung bei der Truppe?

ANDRÄ: Die Stimmung ist grundsätzlich gut. Die Grundspannung ist aber sicherlich seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar etwas erhöht. Aufgrund der leidvollen historischen Erfahrungen mit Russland ist die Bedrohungswahrnehmung hier in Litauen eine deutlich andere und die hiesige Bevölkerung war an diesem Tag sichtlich geschockt. Das geht nicht spurlos an den Soldatinnen und Soldaten vorbei. Hinzu kommt die deutlich gestiegene Aufmerksamkeit, was sich in Besuchen, Presse und Medien widerspiegelt. Ansonsten ist der Umgang sehr individuell. Viele stehen in noch engerem Austausch mit Familien und Freunden, denn auch in Deutschland ist die Wahrnehmung eine andere, als vielleicht noch vor fünf Wochen und es gilt Sorgen und Ängste abzubauen. Vor Ort haben wir hierfür unter anderen auch einen Militärpfarrer und Truppenpsychologen. Diese werden derzeit verstärkt in Anspruch genommen. Letztlich schärft die Gesamtsituation den Blick für den Auftrag. Wir sind noch konzentrierter, gehen die Aufträge professionell und motiviert an.

FA: Sind Sie vom russischen Angriff auf die Ukraine überrascht worden?

ANDRÄ: Wir haben den Aufmarsch genauso verfolgt wie der Rest der Welt. Persönlich hätte ich den Angriff und einen Krieg dieses Ausmaßes mitten in Europa nicht für möglich gehalten. Letztlich hat Putin Fakten geschaffen, damit die Sicherheitsarchitektur in Europa und der Welt grundlegend verändert und darüber hinaus ein ganzes Volk in Not, Elend und unermessliches Leid gestürzt.

FA: Sehen Sie die Gefahr, dass die NATO in den Konflikt hineingezogen werden könnte?

ANDRÄ: Die NATO ist per Definition ein defensives Bündnis. Somit können wir überhaupt nur bei einem Angriff auf NATO-Territorium in diesen Konflikt „hineingezogen“ werden. Hier gilt, ein Angriff auf einen, ist ein Angriff auf alle. Wir sind grundsätzlich auf alle Szenarien vorbereitet. Unser Ziel ist aber derzeit glaubhaft abzuschrecken, was uns ja bisher auch gelungen ist.

FA: Bestsellerautor Robert Harris hat in der Zeitung „Welt“ vor Kurzem Folgendes gesagt: „Das wahrscheinlichere Szenario ist ein langwieriger und langsamer Kampf, an dem sich auch die NATO beteiligen wird. Zwar nicht unbedingt, indem sie Atomsprengköpfe auf Russland abwirft, aber doch durch Luft- und Bodenkämpfe“. Teilen Sie diese Mutmaßung?

ANDRÄ: An Spekulationen und den sprichwörtlichen Blick in die Glaskugel möchte ich mich nicht beteiligen.

FA: Was ist Ihrer Ansicht nach jetzt vonnöten: Stärke zeigen oder Maßnahmen zur Deeskalation der Situation ergreifen?

ANDRÄ: Für eine so komplexe Situation gibt es keine einfachen Lösungen. Glaubhafte Abschreckung kann einen potentiellen Aggressor von einem Angriff abhalten. Einsatzbereite Streitkräfte sind somit Teil eines umfassenden Ansatzes. Wir als Soldatinnen und Soldaten sind für alle Eventualitäten und Einsatzszenarien vorbereitet und setzen den uns von der Politik gegebenen Auftrag um.

Auch interessant

Kommentare