Charmanter Plauderer mit klarer Linie

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Redaktionsgespräch bei "Fulda aktuell": Bad Hersfelder Festspiel-Intendant Dr. Dieter Wedel  

Fulda - Er ist ein Mann, der sehr viel zu erzählen weiß - und dies auch sehr gerne und leidenschaftlich tut: Dr. Dieter Wedel. Der 74-Jährige, geboren in Frankfurt/Main und aufgewachsen in Bad Nauheim, verantwortet seit 2015 die Festspiele in Bad Hersfeld, die sich unter seiner Intendanz wieder einen Namen gemacht haben und weit über die Grenzen Hessens hinaus "in" sind. Nicht zuletzt dank der prominenten Darsteller, die Wedel auch aufgrund seines jahrzehntelangen Wirkens als Regisseur vertraut sind. Am Mittwochnachmittag beehrte er in Begleitung seiner Pressefrau Moni Liegmann und seines Chauffeurs Jürgen Wagester "Fulda aktuell" mit einem Redaktionsbesuch. Das Gespräch beginnt mit einem Lob für die "tolle Barockstadt Fulda" und endet mit Erinnerungen an Günter Strack.

Keine Frage, Wedel hat den Festspielen ihre Bedeutung zurückgegeben. In diesem Jahr kommen sie mit drei Großproduktionen daher ("Luther - Der Anschlag", "Titanic" und "Hexenjagd"). Der 74-Jährige weiß aber um die Problematik, zumal die Darsteller von "Luther" im besten Wortsinne "am Anschlag" und damit "am Rande ihrer Kraft" agierten. Die Verantwortlichen in Bad Hersfeld müssten sich die Frage stellen, "ob sie diese Größenordnung wollen oder lieber eine Nummer kleiner. Aber so klein, wie die Festspiele einmal waren, so klein ist mit mir nicht zu machen", betont der Intendant, dessen Vertrag bis 2022 läuft. Und der klar formuliert, dass ihm von den politisch Agierenden in der Festspielstadt niemand die Auswahl der Stücke vorschreibt: "Ich sage denen ja auch nicht, welche Schule saniert oder welche Straße repariert werden soll". Da er keiner Partei angehöre, falle ihm vieles leichter, "zumal ich weder politische Ambitionen habe noch Bürgermeister werden will".

Gleichwohl äußert der 74-Jährige auf entsprechende Nachfrage, was ihn in Deutschland wütend mache, er könne beispielsweise nicht nachvollziehen, dass viele Menschen nicht erkennen, "in welch glücklicher Oase wir hier leben, im Frieden, mit solch hoher Sicherheit und sozialer Absicherung, in einem tollen Land mit einer funktionierenden Regierung". Wedel kommt auch auf den kürzlich verstorbenen früheren Bundeskanzler Helmut Kohl zu sprechen, der mit seiner Strickjacke zwar immer ein wenig provinziell gewirkt, dabei aber Vertrauen und menschliche Wärme ausgestrahlt habe. Kohl sei ein großer Politiker gewesen, der sehr viel erreicht und sich dabei nie als Besserwisser aufgespielt habe. 

Vom Exkurs in die große Politik ist es nur in kleiner Schritt hin zur Wiederaufnahme von Wedels "Hexenjagd", die am 21. Juli ihre Premiere in der Stiftsruine feiert. Weil sich seit dem vergangenen Jahr sowohl in Deutschland als auch in der Welt einiges verändert und der Begriff "Fake News" Einzug ins Tagesgeschäft gehalten hat, wurde das "Vorspiel" ganz neu verfasst. Der 74-Jährige zieht als treffliches Beispiel für eine "Hexenjagd" die Vorgänge um den  damaligen US-Präsidenten Bill Clinton und seine Praktikantinnen-Affäre heran: Zunächst sei die rechtliche Auseinandersetzung darüber ein "ganz normaler Vorgang" gewesen. Die "Hexenjagd" habe begonnen, als jedes Detail aus dem Sexleben Clintons genüsslich ausgebreitet worden sei.

Die Diskussion um den Hamburger "G 20"-Gipfel zeige im Übrigen auf, wie schnell ein "außergewöhnlich erfolgreicher Bürgermeister" wie SPD-Mann Olaf Scholz an den Pranger gestellt und vom möglichen Kanzlerkandidaten sehr schnell tief fallen könne. Ob sich daraus nun eine "Hexenjagd" entwickele, müsse man abwarten. Der Gipfel sei durchaus erfolgreich gewesen: Die Mächtigen dieser Welt haben miteinander geredet, "und für Syrien wurde eine Waffenruhe vereinbart".

Der Bad Hersfelder Festspiel-Intendant entpuppt sich beim Redaktionsbesuch zum einen als äußerst charmanter Plauderer, zum anderen als Liebhaber von Selbstgebackenem ("Ich rieche den Kuchen") - und fühlt sich sichtlich wohl in der Rolle als "Erneuerer" des Theaterereignisses. Gerne erinnert Wedel an die vielen Veränderungen, die er mit Beginn seiner Amtszeit eingeführt hat (bequemere Sitze, Pausen) und hebt dabei unter anderem den Festspielpark hervor, der zu einem trefflichen "Foyer im Grünen" avanciert sei. Dort können sich die Besucher in den Pausen oder nach Aufführungen bei einem Glas Wein und einem kleinen Happen erfrischen und untereinander austauschen. Kurz: eine Stätte der Begegnung. Zudem erinnert sich Wedel gerne an die Bedenken, die so mancher in Nordhessen ("Das ist eine eigene Volksgruppe") gegen den Roten Teppich bei der Festspiel-Eröffnung gehabt habe: "Und dann war der ganze Platz voller Menschen. Und viele haben gesagt, das ist ja so wie früher".

Der Intendant moniert mitunter das "Kurfürstengehabe", wenn die Sprache auf die Zuschüsse für die Festspiele komme. Stattdessen sollte einmal gesehen werden, was diese der Stadt und der ganzen Region brächten und von vielen inzwischen wieder als "Salzburg des Nordens" erachtet würden. Daher freut sich Wedel, dass in diesem Jahr erstmals Fachleute untersuchten, wie viel die Festspiele der Stadt brächten.

Natürlich kämen die Besucher, um prominente Namen auf der Bühne zu sehen: Dank seines "heißen Drahtes" zu vielen Schauspielern könne er sich den Umweg über die jeweilige Agentur ersparen. "Viele, die ich anrufe und frage, ob sie nicht Lust hätten, in einer Inszenierung mitzuwirken, freuen sich", so Wedel.

Der 74-Jährige gesteht, dass ihn der Rauswurf von Paulus Manker kurz vor der "Luther"-Premiere sehr getroffen habe. "Das ist traurig und eine persönliche Tragödie", formuliert Wedel, der freilich zugibt, dass die Trennung von Manker früher hätte erfolgen müssen. "Es war ein Fehler, einen ,Wutbürger' mit einem ,Wutbürger' besetzen zu wollen".

Beim kleinen Ausblick in die Zukunft möchte Wedel "auf jeden Fall" im nächsten Jahr wieder ein Familienstück ähnlich "Krabat" im Programm haben: "Mein engster Mitarbeiter Joern Hinkel macht das toll. In diesem Jahr fehlten uns leider die Bühne auf der Spielweise und Platz für Kostüme und Umkleiden für so viele Mitwirkende". Auch Namen von weiteren prominenten Akteuren habe er natürlich schon parat, "aber die werde ich Ihnen hier noch nicht verraten".  

Das 75-minütige Gespräch endet mit einer Erinnerung an Wedels ersten großen Regieerfolg "Einmal im Leben - Geschichte eines Eigenheims (Die   Familie Semmeling)", an Günter Strack und an die Idee, in Hamburg "Hessisch babbele zu lasse".  

Und Kuchen-Fan Wedel freut sich zum Abschied über das Gastgeschenk, einen Korb mit Wurstspezialitäten des Gasthofes/Metzgerei Mihm in Tann/Rhön.

  

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