RS-Virus: Welle schwerer Atemwegsinfekte bei Kleinkindern

Besorgniserregend: Aktuell erkranken viele Kleinkinder.
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Besorgniserregend: Aktuell erkranken viele Kleinkinder.

Derzeit verbreitet sich ein Virus, welches für Säuglinge und Kleinkinder viel gefährlicher ist als COVID-19: Das „RS“-Virus.

Fulda. In vielen Familien sind derzeit die Kleinsten krank. Sie haben Husten, Schnupfen, Halsweh und Fieber, in besonders schlimmen Fällen bekommen sie keine Luft. Aber nicht Corona ist der Grund dafür, sondern ein anderes Virus: das „Respiratorisches Synzytial Virus“, kurz „RSV“ – „ein sperriger Name, der beschreibt, dass das Virus die Atemwege befällt und die infizierten Zellen mit benachbarten Zellen verschmelzen und zerstört werden.“ Dies berichtet Prof. Dr. med. Reinald Repp, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am „Klinikum Fulda“, gegenüber FULDA AKTUELL.

„Deutschlandweit sind derzeit so viele Kinder daran erkrankt, dass die Kinderkliniken und die Kinderarztpraxen schon seit zwei Monaten an der Belastungsgrenze arbeiten. Genaue Zahlen zu Erkrankten gibt es nicht, da das Virus nicht meldepflichtig ist. Hier vor Ort in der Kinderklinik in Fulda hatten wir aber seit Ende August schon 117 Kinder, bei denen wir das Virus nachweisen konnten. Wie bei den allermeisten Atemwegsviren treten „RSV“-Erkrankungen vor allem während der Wintermonate auf. Die Welle beginnt Anfang November, manchmal auch erst im Januar und endet in der Regel im April. Einen so frühen Beginn wie in diesem Jahr gab es noch nie. Zudem ist die Zahl der Erkrankten jetzt schon deutlich über den Höchstwerten der letzten Jahre und die Erkrankung nimmt wohl auch öfter einen schweren Verlauf als wir es aus den letzten 20 Jahren kannten. Etwa die Hälfte der Kinder in der Klinik brauchten vorübergehend zusätzlichen Sauerstoff, neun der 117 Kinder bei uns eine nicht-invasive Atemunterstützung und drei mussten sogar auf der Intensivstation beatmet werden, aber alle sind wieder gesund geworden“, so Repp.

FULDA AKTUELL: Warum, glauben Sie, erkranken mehr Kinder in diesem Winter als im letzten?

Repp: Dies wird allgemein auf den Lockdown während des letzten Winters zurückgeführt. Durch die Schließung der Kitas haben sich die Kinder nicht angesteckt. „RSV“ war im letzten Winter eine Rarität. Normalerweise stecken sich die allermeisten Kinder schon im ersten Lebensjahr mit dem Virus an, spätesten im zweiten Jahr. Durch den Lockdown sind die Infektionen im letzten Winter bei einem Jahrgang ausgefallen und das Virus findet jetzt praktisch doppelt so viele Kinder, die es infizieren kann. Warum die Erkrankungen scheinbar auch öfter schwer verlaufen, kann man derzeit noch nicht genau sagen.

Prof. Dr. med. Reinald Repp, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am „Klinikum Fulda“.

FA: Wie verläuft die Krankheit?

Repp: Die Erkrankung beginnt meist mit Schnupfen, kann aber bei einigen Säuglingen und jungen Kleinkindern rasch fortschreiten und zu einer schweren Bronchitis und Lungenentzündung führen. Die Kinder sind gequält von Mengen an zähem Schleim, husten ständig, die Atmung wird auch in Ruhe schneller und angestrengter. Wenn Eltern dies bemerken, sollten sie mit dem Kind in ihre Kinderarztpraxis gehen und außerhalb der Praxiszeiten oder wenn das Kind schon richtig Atemnot hat, die Atmung deutlich angestrengt und beschleunigt ist, auch direkt in die Notfallambulanz der Kinderklinik.

FA: Wie kann man „RSV“ behandeln?

Repp: Leider kann man gegen das Virus direkt nichts tun. Auch Antibiotika wirken nicht, können aber sinnvoll sein, wenn der Verdacht auf eine bakterielle Folgeinfektion besteht. Mit dem Inhalieren von normaler oder konzentrierterer Kochsalzlösung kann der Schleim etwas flüssiger und besser abhustbar werden. Die entscheidenden Maßnahmen in der Klinik sind die Überwachung der Atmung, klinisch und mit einem Monitor, der die Sauerstoffsättigung des Blutes kontinuierlich misst. Je nach Ausmaß der Atembeeinträchtigung benötigen die Kinder zusätzlichen Sauerstoff über eine Nasenbrille, eine nicht invasive Atemhilfe oder müssen gar für einige Tage beatmet werden. Meist erhalten die Kinder auch eine Infusion, weil sie durch den ständigen Husten wenig Trinken oder immer wieder Erbrechen.

Besonders gefährlich ist die „RSV“-Infektion, wenn Kinder in den ersten zwei Lebensjahren schon Vorerkrankungen haben, wie chronische Lungenerkrankungen, schwere Herzfehler oder als extrem Frühgeborene zur Welt gekommen sind. Dann können sie sogar daran sterben. In den reicheren Ländern ist dies zum Glück sehr selten. Dies liegt vor allem an der Verfügbarkeit einer intensivmedizinischen Behandlung, wenn es zu einer schweren Lungenentzündung gekommen ist. Darüber hinaus kann der Krankheitsverlauf durch die vorbeugende Gabe eines Medikaments, eines Antikörpers gegen „RSV“, bei besonders gefährdeten Kindern deutlich abgemildert werden. Dieser Antikörper, der seit etwa 20 Jahren zur Verfügung steht, wird ab Ende Oktober im Abstand von jeweils vier Wochen fünfmal in den Muskel gespritzt – wie bei einer Impfung – und kann das Risiko schwerer Verläufe mit Krankenhausbehandlung bei den besonders gefährdeten Kindern mindern. Da schon Anfang September abzusehen war, dass wir mit einer sehr frühen und starken RSV-Infektionswelle rechnen müssen, hat die „Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie“ Mitte September empfohlen, mit den Antikörpergaben schon Anfang Oktober zu beginnen. Diese vorbeugende Maßnahme ist aber nur für die Kinder mit besonders hohem Risiko empfohlen und dies nur in den ersten beiden Lebensjahren, weil der Nutzen für die weniger Gefährdeten nicht nachgewiesen und die Behandlung doch recht aufwendig ist. Eine Impfung gegen das „RS“-Virus gibt es leider nicht.

FA: Wie überträgt sich „RSV“?

Repp: Das „RS“-Virus ist weltweit verbreitet. Übertragen wird es vor allem durch Aerosole, feinste Tröpfchen mit Viren in der Atemluft, aber auch als Schmierinfektion über Speichel, Schleim oder Tränenflüssigkeit von Infizierten. Eine Infektion hinterlässt keine dauerhafte Immunität. Ältere Kinder und Erwachsene können sich alle paar Jahre wieder anstecken, dann ist der Krankheitsverlauf aber deutlich milder mit Husten oder Schnupfen. Oft wird die Infektion gar nicht erkannt und so können auch die ganz Kleinen angesteckt werden. Nicht vergessen werden sollte aber, dass das Virus auch in höherem Lebensalter, vor allem bei Menschen mit chronischen Vorerkrankungen, wieder schwerere Atemwegserkrankungen verursachen kann. Da es gegen „RSV“ keinen in der Schwangerschaft übertragenen mütterlichen Schutz gibt, können Säuglinge schon in den ersten Lebenswochen erkranken. In Einzelfällen wurde sogar schon eine Übertragung des Virus im Mutterleib beschrieben. Nach Ansteckung dauert es zwei bis acht Tage bis die ersten Symptome auftreten. Für andere ansteckend ist man aber schon ein bis zwei Tage vor den ersten Krankheitszeichen. Das Wichtigste zur Vermeidung einer Virusübertragung sind die allgemeinen Hygienemaßnahmen, die wir ja durch Corona alle gut kennen, vor allem das Händewaschen.

FA: Wie sieht die Lage im „Klinikum Fulda“ aus?

Repp: Wie es weitergehen wird mit der „RSV“-Infektionswelle kann man derzeit nicht vorhersagen. Vielleicht ebbt es in ein paar Wochen wieder etwas ab. Wenn es aber zu noch höheren Infektionszahlen kommen sollte, wären die Versorgungskapazitäten vieler Kinderkliniken sicher überschritten. Hier in Fulda konnten wir bisher alle Kinder vor Ort behandeln und mussten niemanden weiterverlegen. Dies führte zu einer Belegung der Klinik bis zu 130 Prozent in der Spitze, was nur durch das außerordentliche Engagement des Teams noch zu bewältigen ist. Mittlerweile bekommen wir aber immer mehr „RSV“-infizierte Kinder aus dem Rhein-Main-Gebiet, bis hin nach Wiesbaden zuverlegt, die dort nicht mehr behandelt werden können. Dies werden wir sehr wahrscheinlich schon bald auch nicht mehr schaffen können.

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