Wenn Wölfe wandern: Vorfälle in Osthessen

Der Wolf.
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Der Wolf.

Sichtungen und Vorfälle im Zusammenhang mit Wölfen in osthessischen Landkreisen - mit ZWISCHENRUF.

Osthessen -Immer, wenn ein Schaf gerissen wird, kann es sein, dass ein hungriger Wolf auch durch Osthessen streift. Am 3. September wurde vom Landwirt eines Milchviehbetriebs in Unter-Seibertenrod im Vogelsberg ein neu geborenes Kalb tot auf seiner Weide gefunden. Da massive Fraßspuren gefunden vorhanden waren, wurde eine Genetikprobe zur Untersuchung an das Labor für Wildtiergenetik in Gelnhausen geschickt. Dem für das Wolfsmonitoring in Hessen zuständigen „Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie“ (HLNUG) wurde das Ergebnis gemeldet: Ein Wolf tötete das Kalb.

„Seit mindestens Mai 2019 hält sich nachweislich ein Wolf im Vogelsberg im Gebiet um Ulrichstein auf. Das Tier wurde bereits mehrfach durch Zufalls-Fotografien und – an einem Reh-Riss auch genetisch – nachgewiesen“, heißt es beim „HLNUG“. „Wenn dasselbe Individuum über einen Zeitraum von sechs Monaten in dieser Region nachgewiesen wird, geht die hessische Landesverwaltung davon aus, dass sich das Tier fest in Hessen niedergelassen hat“, so die Pressestelle des „HLNUG“.

Mehrere Vorfälle

bekannt Weitere Vorfälle im Jahresverlauf in Mittelkalbach, (April 2019, mehrere Schafe), Poppenhausen (Oktober 2019, drei tote Schafe auf einer Weide), Unter-Seibertenrod (Oktober 2019, totes Angus-Rind) beschäftigten die Wolfs-Experten. Auch im Nachbar-Landkreis Hersfeld-Rotenburg wurden mehrer Vorfälle von Wolfsverbiss nachgewiesen. Laut DNA- Proben kann es sich nicht um ein einzelnes Tier handeln, da eines der ermittelten Tiere im Main-Kinzig-Kreis überfahren wurde. Laut dem Naturschutzbund „NABU“ lebten im Jahr 2015 rund 35 Wolfsrudel in der gesamten Bundesrepublik. In Hessen sind in diesem Jahr bisher 26 Fälle von Wolfsvorkommen nachgewiesen worden.

In 2018 gab es keinen, im Jahr davor fünf. Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass es sich bei den Fällen aus diesem Jahr um 26 einzelne Wölfe handelt, da per DNA-Nachweise mehrere Fälle ein und demselben Tier zugeordnet worden. Nutztierhaltern in Hessen wird dringend empfohlen ihre Weidetiere nach guter fachlicher Praxis mit standardgemäßen Stromzäunen zu schützen, denn es muss jederzeit überall in Hessen mit durchziehenden Wölfen gerechnet werden.

Kritik am Ministerium

„Wie seitens des Ministeriums aktuell mit der Wolfproblematik umgegangen wird, wird der Sache nicht ansatzweise gerecht“, kritisiert Frieder Beyer Der 64-Jährige, der in Eiterfeld-Soisdorf lebt, ist Berufsschäfer und Sprecher der Arbeitsgruppe Herdenschutz. „Beispielsweise sind die Vorschläge zu Schutzmaßnahmen völlig realitätsfremd. Die Politiker fordern wolfssichere Zäune, 90 Zentimeter hoch, stromführend, oder 120 Zentimeter hohe feste Koppeln. Wolfssichere Zäune gibt es nicht“, schimpft er.

Beyers eindringliche Frage an das zuständige Ministerium von Priska Hinz lautet: „Wie sollen wir unsere Tiere konkret schützen?“ Ein Antwort darauf sei man von dort bislang schuldig geblieben. Nach Beyers Ansicht soll hier auch ein Tier geschützt werden, das überhaupt nicht vom Aussterben bedroht ist. „Der europäische Populationsteil des Grauwolfs liegt bei geschätzt rund 30.000 Tieren. Nur bei uns gab es halt in den vergangenen 200 Jahren keine. Und das war auch gut so, weil das die Weidetierhaltung in der jetzigen Form erst ermöglicht hat“, so Beyer.

Außerdem sagt der 64-Jährige: „Und wenn der Wolf schon in die Region zurückkommt, dann muss man Tiere, die Nutztiere reißen, auch schießen dürfen.“ Goldschakal fotografiert Eine weitere Besonderheit zeigte sich aktuell im Vogelsberg. Eine Fotofalle bei Romrod im Vogelsberg hatte einen Goldschakal geknipst. Das in Hessen sehr selten vorkommende Tier stammt aus Südosteuropa.

Goldschakal in Fotofalle

2015 wurde der erste Goldschakal in der Region gesichtet. Beim Goldschakal handelt es sich um eine Art „kleinen Bruder“ des Wolfes. „Der Goldschakal ist deutlich kleiner und leichter als der Wolf und hat goldgelbes bis graues Fell. Er ernährt sich von Insekten, Nagetieren, Vögeln und Amphibien, selten von größeren Säugetieren“, so das „HLNUG“.

Um die Bevölkerung und dabei auch die Halter von Schafen und Ziegen über Wölfe sachlich zu informieren, stehen verschiedene Landesinstitutionen in Hessen zur Verfügung: Im Notfall sollte man zunächst die Polizei rufen. „Bei Sichtungen, Hinweisen oder allgemeinen Fragen schicken Sie uns bitte eine Mail mit dem Meldebogen, möglichst mit einem Fotos.

Bei Spuren oder Rissen und so weiter sprechen Sie bitte möglichst zeitnah unsere örtlichen ehrenamtlichen sachkundigen Helfer“, heißt es auf der Internetseite der „HLNUG“. Im Landkreis Fulda sind das Bernd Mordziol-Stelzer (Telefon 06657/ 963212 und 0160/4707760) sowie Jörg Burkhard (06655/ 3969 und 0561/3167145). Im Vogelsbergkreis Sind Michael Jüngling (06044/3852 und 0176/40124347), Sven Steinrück (0151/40233761) und Maren Nowak (0177/3449607) ehrenamtliche sachkundige Helfer beim Monitoring großer Beutegreifer wie Luchs und Wolf.

Nutztierhalter aus Hessen wenden sich beim Thema Herdenschutz an den „Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen“ unter der Nummer 0561/ 7299264, oder 06441/9289372. Weitere Informationen zum Thema Wolf in Hessen gibt es im Internet unter der Adresse www.hlnug.de .

ZWISCHENRUF: Der Mythos Wolf

VON CHRISTOPHER GÖBEL

Der Wolf – kaum ein Tier ist in der Geschichte der Menschheit so sehr mit negativen Attributen belegt, wie dieses. Heute wird dem wilden Wolf, der durch unsere Wälder streift, vor allem das Reißen von Nutztieren zur Last gelegt. Das kann auch stimmen, denn ein Lebewesen muss sich ernähren, um zu überleben. Das ist beim Wolf nicht anders als beim Wildschwein oder beim Uhu.

Die Landwirte, denen durch Wölfe wertvolle Handelsware flöten geht, sind verständlicherweise nicht begeistert. Aber sie müssen auch selbst dafür sorgen, dass beispielsweise ihre Schafherden und die jungen Kälber geschützt sind, damit kein Tier vom Wolf gefressen werden kann.

Der Wolf war nicht immer der Buhmann im Tierreich. Warum sonst tragen Menschen die Namen Wolfgang, Wolfhard oder Wolf? Im 19. Jahrhundert wurden die Wolfsbestände in West- und Mitteleuropa nahezu ausgerottet. In den Jahren 2017 und 2018 wurden insgesamt in Deutschland 104 Rudel oder Wolfspaare registriert.

Der Wolf ist also zurück in unseren Wäldern. Warum aber ist der Wolf in unserer Gesellschaft der Bösewicht, der listige, gemeine, hinterhältige Vielfraß? Auch dies dürfte seinen Ursprung in der Historie haben, denn auch im Mittelalter kam der Wolf als großes Raubtier nah an menschliche Siedlungen heran und fraß, was er dort erhaschen konnte. Märchen wie „Rotkäppchen“, „Der Wolf und die sieben Geißlein“ oder „Der Wolf und die drei kleinen Schweinchen“ trugen ebenso dazu bei, das Verhältnis Mensch-Wolf zu belasten. Dabei ist des Deutschen liebstes Haustier der einzige direkte Nachkomme des Wolfs – egal ob Chihuahua oder Husky.

Der Wolf ist aber auch seit Jahrhunderten als mystisches Tier bekannt, dass Kraft und Stärke besitzt. Nicht zuletzt die äußerst erfolgreiche „Twilight“- Filmreihe um die schöne Bella, die sich zwischen dem Vampir Edward und dem Wolf Jacob hin- und hergerissen fühlt, trug dazu bei, den Wolf heute nicht mehr als reinen Bösewicht im Tierreich anzusehen.

Was seinen Ruf betrifft, so hat der Wolf viel mit der Schlange gemein. Beide galten in großen Teilen der Menschheit seit Jahrtausenden als Symbol des Bösen. Bei der Schlange war es nicht zuletzt die Bibel, denn die Schlange reichte Eva den Apfel vom Baum der Erkenntnis, was die Vertreibung aus dem Paradies zur Folge hatte. Und doch ziert eine Schlange den Äskulapstab, der für Medizin und Heilung steht. Gut und Böse liegen also auch hier nah beieinander.

Ich denke, dass die Rückkehr des Wolfes in unsere Region zu begrüßen ist, da er die Artenvielfalt unserer heimischen Fauna bereichert. Dass sich die Tiere (noch) nicht ganz an das Leben am Rande der Zivilisation gewöhnt haben, zeigt die ungewöhnlich hohe Zahl der Vorfälle, bei denen in den letzten Jahren Wölfe im Straßenverkehr getötet wurden.

Von 1990 bis Ende 2018 wurden in Deutschland 233 Wölfe tot aufgefunden. 162 davon waren überfahren und 32 illegal getötet worden. Der Wolf ist in unserem Land ein streng geschütztes Tier, dessen Tötung – auch „versehentlich“ – mit einer Freiheitsstrafe geahndet werden kann. Lassen wir die Wölfe in Ruhe und machen wir keine Panik, weil sie das tun, was alle Jäger im Tierreich tun: Nahrung suchen, um zu überleben.

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