„Wir sind stark getroffen“: Bilanz des Arbeitsmarktes in der Corona-Pandemie

Der Operative Geschäftsführer Horst Kramer.
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Der Operative Geschäftsführer Horst Kramer.

Agenturchef Waldemar Dombrowski gab einen Rückblick auf die Situation auf dem Arbeitsmarkt im Corona-Jahr 2020 im Landkreis Fulda.

Osthessen. Der wesentlichste Faktor in der Jahresbilanz der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda war die Corona-Pandemie. „Dass uns die Krise so stark treffen würde, hätten wir nicht gedacht“, sagte Waldemar Dombrowski, der Leiter der Arbeitsagentur Bad Hersfeld-Fulda am Dienstag in einer Online-Pressekonferenz.

Keine Frühjahrsbelebung

Die Arbeitslosigkeit im gesamten Agenturbezirk, der die Landkreise Fulda und Hersfeld-Rotenburg hat um 20,1 Prozent zugenommen. Im Landkreis Fulda allein sind es sogar 27,1 Prozent im Vergleich zum Jahr 2019. Mit 29,4 Prozent kam der größere Teil der Arbeitslosen in das Arbeitslosengeld 1, also direkt aus einer Beschäftigung. 8,9 Prozent stammen aus dem SGB II Hartz IV).

Die übliche Frühjahrsbelebung im März auf dem Arbeitsmarkt bliebe wegen des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr komplett aus. „Das Verhältnis hat sich nahezu umgekehrt“, so Dombrowski. Von Mai bis Oktober sei es wieder aufwärts gegangen und auch bis Dezember habe es „eine gute Entwicklung“ gegeben. „Aber die Bremsspuren werden sich noch zeigen“, so der Agenturchef. „Die Wirtschaft hat sich erstaunlich schnell erholt.“

Von der Arbeitslosigkeit seien mehr Männer als Frauen betroffen. Das liegt laut Dombrowski unter anderem daran, dass im Lebens-

mittel-Einzelhandel, der von der Krise kaum betroffen war, mehr Frauen als Männer arbeiten.

Durchschnittlich waren Menschen im Landkreis Fulda 137 Tage ohne Arbeit. Das sind elf Tage mehr als im Jahr 2019. „In Hessen und auch auf Bundesebene sind es sogar 164 Tage“, sagte Dombrowski.

Über die Stellensituation im Landkreis Fulda sprach Horst Kramer. 38,8 Prozent weniger offene Stellen seien der Arbeitsagentur gemeldet worden. Das ziehe sich durch alle Branchen, lediglich Wach- und Sicherheitsdienste sowie in der Öffentlichen Verwaltung habe es Zuwächse gegeben. „Im Jahresdurchschnitt lag der Bestand bei 1.988 Stellen, was 20 Prozent weniger als im Jahr 2019 bedeutet.

Kurzarbeit „historisch“

Ein wichtiges Instrument zur Verhinderung von Arbeitslosigkeit ist die Kurzarbeit. Von März bis Dezember haben 3.036 von 5.737 Betrieben im Landkreis Fulda Kurzarbeit für insgesamt 50.825 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angemeldet. „Das ist historisch und bricht alle Rekorde“, so Dombrowski. In Kurzarbeit waren im Jahr 2020 rund 54 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. „Damit haben wir mit Kurzarbeit umgerechnet 7.5000 Vollzeitstellen abgesichert“, sagte der Agenturchef. In den Monaten April und Mai seien mit jeweils mehr als 20.000 Menschen die meisten Beschäftigten in Kurzarbeit gewesen. Im Durchschnitt arbeiteten die Menschen 37 Prozent weniger als üblich. „Ohne Kurzarbeit wäre die Arbeitslosigkeit massiv nach oben gegangen“, ist Dombrowski sicher. „Die Pandemie ist ein Stresstest für die gesamte Wirtschaft.“ Die Kurzarbeit hatte auch Auswirkungen auf seine Behörde, denn 21 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus anderen Bereichen beschäftigten sich seit dem Frühjahr mit dem Thema Kurzarbeit. „Wir hatten teilweise bis zu 400 Anrufe pro Tag zu bewältigen.“

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt sieht Kramer als „Krise, aber mit Chancen“. „Die Betriebe sind nach wie vor ausbildungswillig und es wird aus in diesem Jahr mehr Ausbildungsstellen als Bewerber geben“, sagte er. Somit wäre der Fachkräftemangel auch langfristig ein Thema. Viele Betriebe zeigten eine „abwartende Haltung“, aber es lohne sich dennoch, sich für einen Ausbildungsbeginn im August zu bewerben. Das übliche Mittel der Berufsberater sei die Vorstellung und Beratung in Schulen. „Das ist derzeit natürlich nicht möglich“, so Kramer. Er rief dazu auf, sich telefonisch unter den Nummern 0661/17-111 und 0800/ 4555500, per E-Mail an Fulda.Berufsberatung@arbeitsagentur.de oder im Internet www.arbeitsagentur.de an die Berufsberatung zu wenden. „Wir freuen uns über jeden Schulabgänger, der sich beraten lässt“, so Kramer. 20,8 Prozent weniger Ausbildungsstellen wurden im Jahr 2020 gemeldet, denen 26,8 Prozent weniger Bewerber gegenüberstanden.

Ausblick auf 2021

Für dieses Jahr nannte Dombrowski unter anderem die Sicherstellung der Leistungsgewährung, die Erreichbarkeit für die Fragen der Kundinnen und Kunden, Berufsberatung und Ausbildungsvermittlung unter Coronabedingungen sowie die Fortentwicklung der Digitalisierung, darunter den Ausbau der Online-Service in der Leistungsgewährung. „Auch die Videoberatung kommt bei Jugendlichen und bei Erwachsenen gut an“, so Dombrowski.

Auch in der Arbeitsagentur Bad Hersfeld-Fulda arbeiten rund 70 Prozent im Home-Office. „Wir haben die technischen Möglichkeiten geschaffen, dass alles vom heimischen Büro erledigt werden kann“, sagte Kramer.

Insgesamt hoffen Dombrowski und Kramer, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt wieder verbessert, „auch durch die Impfungen“. „Letztendlich wird die weitere Entwicklung des Arbeitsmarktes wird stark vom Pandemieverlauf und den damit einhergehenden Regelungen abhängen“, so Dombrowski.

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