Zahl der Gewalttaten in der Region Osthessen steigt an: Maßnahmen der Polizei bei Mobbing und Schlägereien

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Zu Gast bei Redaktionsleiter Bertram Lenz (Zweiter von links) und Redakteur Christopher Göbel (rechts): Martin Schäfer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums  Osthessen (links) und Polizeirat Alfred Hau.

Die zunehmende Gewalt in der Region war das Thema beim Redaktionsgespräch mit Polizeipressesprecher Martin Schäfer und Polizeirat Alfred Hau.

Osthessen - Wenn man die regionalen Medien verfolgt, drängt sich einem der Eindruck auf, dass sich die Zahl der Gewalttaten vergrößert hat. „Fulda aktuell“ hatte Martin Schäfer, den Pressesprecher des Polizeipräsidiums Osthessen, und Polizeirat Alfred Hau eingeladen, um das Thema zu besprechen.

„Wir haben seit 2015 eine Steigerung der Gewalttaten in der Region festgestellt“, sagt Hau. Zu Delikten, die unter die Überschrift „Gewalt“ fallen, gehören beispielsweise Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung – aber auch Mobbing und Stalking. „Im Strafrecht gibt es die physische und die psychische Gewalt“, erläutert Schäfer.

Gesellschaftliches Problem

Beide sehen in der zunehmenden Gewalt einen gesellschaftlichen Trend. „Es ist ein Verlust unserer Werte zu beklagen. Zugleich vergrößert sich die Respektlosigkeit unter den Menschen“, sagt Schäfer. Auch die Polizei und andere Helfer-Organisationen müssten darunter leiden, wie Angriffe auf Polizeibeamte und Rettungskräfte zeigten. Auf der anderen Seite stünde die Polizei laut einer aktuellen Erhebung auf Platz eins beim Stellenwert unterschiedlicher Berufsgruppen, merkt Hau an. „Das tut gut, dass die meisten Menschen uns als Respektspersonen wahrnehmen.“ Die meiste Gewalt werde in der Region Fulda von jungen Männern zwischen 18 und 28 Jahren ausgeübt. „Es gibt jedoch keine Orte, die man als ,Brennpunkte’ für Gewalttaten bezeichnen könnte“, so Hau. Die Polizei sei allerdings bei Anlässen wie dem „Schützen-Volksfest“ in Fulda vermehrt präsent, um direkt einschreiten zu können, wenn etwas passiert.

Video-Überwachung

Bekannte Orte wie der Bahnhofsvorplatz und der Heertorplatz würden bereits per Video überwacht. Und auch am Universitätsplatz soll noch in diesem Jahr eine Videoüberwachung installiert werden. „Die Genehmigung dafür wird nur erteilt, wenn Erkenntnisse vorliegen, dass dort ein bestimmtes Verhalten vorkommen kann“, sagt Schäfer. Natürlich sind der Polizei Treffpunkte von Obdachlosen und Drogenkonsumenten bekannt – beispielsweise der Jerusalemplatz und der Oettinger Park. „Aber dort gibt es kaum Straftaten im Gewaltbereich“, so Hau. Immer wieder erreichen die Polizei Anrufe von Bürgern, die vor irgendetwas Angst oder etwas beobachtet haben. „Wir nehmen alle Hinweise ernst. Wir sind mit Polizeistreifen zu Fuß, per Rad und per Auto – sogar zu Pferde – in Fulda unterwegs. Scheuen Sie sich nicht, Uniformierte anzusprechen“, sagen beide Polizisten übereinstimmend.

Flüchtlingsproblematik

Dass die Zahl der Gewalttaten auch mit der gestiegenen Zahl von Flüchtlingen und Asylbewerbern zu tun habe, ist laut Schäfer und Hau wahrnehmbar, sollte aber aufgrund bestimmter Umstände differenziert betrachtet werden: „Je mehr Menschen es gibt, desto höher steigt die Anzahl von Straftaten.“ Einen weiteren Grund sieht der Polizei-Pressesprecher darin, dass die Geflüchteten ganz andere Wertvorstellungen haben als die Menschen hier: „Viele der Flüchtlinge wunderten sich, dass bei ihren Auseinandersetzungen in Deutschland überhaupt die Polizei gerufen wird. Für viele dieser Menschen ist es in ihren Ländern normal, Auseinandersetzungen auf andere Art zu klären“ Die Unterbringungssituation nach dem Beginn der Flüchtlingswelle haben unweigerlich zu Konflikten führen müssen: „Die Menschen mussten ohne Rücksicht auf Ethnien oder Religionen in Zeltstädten oder großen Wohnunterkünften untergebracht werden“, sagt Schäfer. Die Polizei hat in den Unterkünften zahlreiche Vorträge gehalten, die zur Gewaltprävention dienen sollten.

Gewalt verhindern

Die Polizei in Hessen hat verschiedene Präventionsprogramme gegen Gewalt auf den Weg gebracht und umgesetzt. Das beginnt bereits im Kindergarten, setzt sich über die Schule („Cool sein – cool bleiben“ bis hin zu Programmen für Erwachsene fort. „Gewalt–Sehen–Helfen“ ist eines davon, das dem Normalbürger in Workshops erläutert, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten sollte. Dazu wird den Teilnehmern vermittelt, wie sie nicht zum Opfer werden. Bei den Jugendlichen wird Wert darauf gelegt, dass sie sich eher aus einer Situation zurückziehen, statt zum Angreifer zu werden. In Zusammenarbeit mit dem Verein „SMOG – Schule machen ohne Gewalt“) gibt es beispielsweise das neue EU-geförderte Programm „Cool and Safe“, ein Online-Training für Kinder.

Erwachsene Zeugen von Gewalttaten sollten auf keinen Fall nichts tun. „Man sollte auf jeden Fall die Polizei informieren, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen“, sagt Polizeirat Hau. Die Mitarbeiter an der „110“ seien darauf geschult, den Anrufer durch die Situation zu bringen, zu helfen und Ratschläge zum Verhalten des Anrufers zu geben. Zeugen von Straftaten sollten auch in der Nähe befindliche Personen ansprechen, die dann einen Teil der Verantwortung mitübernehmen. „Nichts zu tun ist das schlimmste, was man machen kann“, so Schäfer und Hau übereinstimmend. Opfer von Gewalt sollten sich ebenfalls an Hilfsorganisationen oder die Polizei wenden. Institutionen sind beispielsweise Sozialdienste, das Frauenhaus, der „Weisse Ring“. Auch bei Freunden kann man Hilfe finden. In Fällen, in denen das Opfer Angst vor dem Täter hat, gibt es ebenfalls Möglichkeiten: „Wenn sich der Geschädigte an uns wendet, können wir über die sogenannte Gefährderansprache auch Maßnahmen gegen den Täter ergreifen. Das kann bei Bedrohung bis hin zur Anordnung von Untersuchungshaft reichen“, sagt der Polizeirat. „Wenn man niemanden zu Hilfe ruft, bleibt man Opfer“, ist Hau sicher. Bei der Anzeige von Gewalttaten sind Schnelligkeit und Offenheit wichtig. „In vielen Fällen, die in der Region vorgekommen sind, hatten wir die Täter dank Beschreibungen nach kurzer Zeit gefasst, beispielsweise beim Angriff auf die Joggerin in den Fuldaauen“, so Schäfer.

Internet-Mobbing

Zum Thema Mobbing per Internet, das auch zum den Gewaltdelikten gehört, bekräftigen die beiden Beamten, dass gesetzliche Verstöße im Internet oder per Chatprogrammen ebenso geahndet werden wie Delikte in der „realen“ Welt. „Es ist wichtig, alles zu dokumentieren. Chatverläufe sollten nicht gelöscht werden, um später Beweise in der Hand zu haben“, sagt Hau.

In Fällen, in denen Kinder zum Mobbing-Opfer werden, rät die Polizei, das Verhalten des Kindes zu beobachten. „Wenn Sie merken, dass etwas nicht stimmt, dann sollten sie sich einmal die Chats und Posts im Handy Ihres Kindes anschauen“, so Schäfer. Dies sei zwar ein Vertrauensbruch, könne aber in bestimmten Fällen schlimmere Folgen für das Kind verhindern. In Fällen von Internet-Mobbing sei allerdings nicht die Polizei der erste Ansprechpartner. „Das sollte zunächst in der Familie und mit der Schule besprochen werden. Die Polizei ist in diesem Fall die letzte Möglichkeit“, sagt Schäfer.

Zu Gast bei Redaktionsleiter Bertram Lenz (Zweiter von links) und Redakteur Christopher Göbel (rechts): Martin Schäfer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums  Osthessen (links) und Polizeirat Alfred Hau.

Das "Netzwerk gegen Gewalt Hessen"

Am 10. Dezember 2002 hat die Hessische Landesregierung die Einrichtung eines ressortübergreifenden „Netzwerks gegen Gewalt“ beschlossen und damit die Gewaltprävention zu einem besonders wichtigen Thema der politischen Gestaltung und inhaltlichen Weiterentwicklung gemacht. Unterstützend dazu haben alle vier der damals im Hessischen Landtag vertretenen Parteien am 21. Juni 2006 „Maßnahmen gegen Verrohung und Gewalt“ an Hessens Schulen beschlossen und sich für den weiteren Ausbau des „Netzwerks gegen Gewalt“ entschieden. Dieses versteht Gewaltprävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es will Beiträge zur Intensivierung der Kooperation aller in der Gewaltprävention tätigen Behörden, Institutionen, Vereinen, Verbänden und Initiativen leisten. Dabei beachtet das „Netzwerk gegen Gewalt“ die Balance im Spannungsfeld von Autonomie und Kooperation aller Beteiligten.

Die gewaltpräventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Sportvereinen und Schulen und Angebote zur Förderung der Erziehungskompetenz von Eltern sind weitere unverzichtbare Elemente. Opferzentrierte Prävention wie das Programm „Prävention im Team Hessen“ (www.pit-hessen.de), ein Projekt des „Netzwerks gegen Gewalt“, oder „Gewalt-Sehen-Helfen“ zur Stärkung der Zivilcourage, deren Einführung in Städten, Gemeinden und Landkreisen das „Netzwerk gegen Gewalt „aktiv unterstützt, sind wichtige Ansätze, deren Erfolg nachgewiesen ist. Das Netzwerk möchte im Sinne eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes private und öffentliche Initiativen vernetzen und unterstützen. Es gibt auch eine „Regionale Geschäftsstelle Osthessen“, die die Kreise Fulda, Vogelsberg und Hersfeld-Rotenburg umfasst und von Elvira Idt geleitet wird. Angesiedelt ist die Geschäftsstelle beim Polizeipräsidium Osthessen, Severingstraße 1-7, erreichbar unter Telefonnummer 0661/1052045 oder per E-Mail an ngg.ppoh@polizei.hessen.de .

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