Zeitung macht Schule: Interview mit zwei afrikanischen Frauen

von Biarna Diegmüller, Sarah Sophie Heinrichs, Luise Giez,  Cornelia Freist und Johannes LiebigKünzell. Innerhalb unseres Projektes zum Thema Vorur

von Biarna Diegmüller, Sarah Sophie Heinrichs, Luise Giez,  Cornelia Freist und Johannes Liebig

Künzell. Innerhalb unseres Projektes zum Thema Vorurteile haben wir uns in einem Interview mit zwei Frauen unterhalten, die aus Afrika stammen. Dies war zum einen A., welche 1987 aus politischen Gründen nach Deutschland floh. Ihre Kindheit hat sie jedoch bis zu ihrem 15. Lebensjahr in Eritrea, Ostafrika verbracht.  Eine weitere Interviewpartnerin war J, eine Studentin der Fuldaer Hochschule."

Finden Sie, dass sie zwei Identitäten haben und fühlen Sie sich als Deutsche oder als Afrikanerin?

A: Ja, ich habe zwei Identitäten. Ich bin deutsch, aber ich versuche beide Kulturen miteinander zu verbinden, denn verleugnen kann ich mich nicht. Ich habe genug Erfahrung von meiner Kultur hierher mitgebracht und ich versuche beides miteinander zu verbinden. Wenn ich Freunde einlade gibt es beispielsweise deutsches und afrikanisches Essen. In mir schlagen eigentlich zwei Herzen in einem, so interpretiere ich mich.Hast du wegen deiner Hautfarbe mit Rassismus zu tun gehabt?J: Ja, es gibt einige Ereignisse aus der Vergangenheit, die sehr offensiv waren, aber nicht viele. Einmal war ich mit ein paar Freundinnen in Berlin, wir waren alle dunkelhäutig. Im Zug waren zwei deutsche, hellhäutige Jungs, die uns im Vorbeigehen immer wieder beschimpft haben. Und dann sind wir ausgestiegen und der gesamte Bahnhof war voller Fußballfans, die begannen uns zu beschimpfen.Müssen Sie heute noch immer den gleichen rassistischen Diskriminierungen gegenübertreten wie damals, oder hat sich da etwas verändert?

A: Nein, man wächst ja auch daran. Mit der Zeit entwickelt man selbst einen Abwehrmechanismus. Ich bin niemals aggressiv geworden. Doch ich habe lange gebraucht, um den Menschen, die mich beispielsweise beschimpft haben, gegenüberzutreten und zu sagen: Sie sind auch nicht mehr wert als ich. Sie sind ein Mensch und ich bin ein Mensch. Wenn die Leute darüber reden wollen, dann sollen sie sich mit mir hinsetzen und reden.

Und haben Sie sich, bevor Sie diesen Durchbruch schafften, auch durch die Bemerkungen und durch die Einstellung anderer minderwertig gefühlt?

A: Nein, eigentlich nicht. Meine Mutter war alleine mit sieben Kindern nach Deutschland ausgewandert. Ich habe immer zu ihr aufgeschaut und hatte nie das Gefühl,  ,kleiner’ als jeder andere auf der Straße zu sein. Und wir hatten viele Freunde im Dorf (in Baden-Württemberg), die uns beistanden und denen es egal war ob wir aus Deutschland oder Afrika kamen.J: Meine Mutter hat mir mich selbst so erklärt: sie nahm ein Glas Milch, welches sie darstellte und eine Tasse Kaffee, welche für meinen Vater stand und hat die beiden dann miteinander vermischt, so dass ich wusste, dass ich beides in mir trage und dass ich nicht mehr oder weniger das eine oder das andere bin. Grundsätzlich stehe ich zu dem was und wer ich bin. Aber viele Freunde von mir mit einer sehr dunklen Hautfarbe versuchen dem europäischen Schönheitsideal zu entsprechen.

"Sein ist nichts anderes, als wahrgenommen zu werden und zwar als der, für den man sich selber hält", glauben Sie diese Aussage stimmt?

A: Für mich ist das kein Problem. Egal was ich mache und wo ich bin, ich bin ich. Ich bin eine Person, ein Ganzes. Ich bin anders, das ist selbstverständlich und das möchte ich auch vertreten, wie ich bin, ohne, dass ich mich verbiege und verstelle, das muss jeder von uns lernen. Die Gesellschaft spielt eine Rolle, aber man soll sich nicht derart von ihr unterdrücken lassen.J: Ich denke, es ist auch wichtig, dass man den eigenen Weg findet und die eigene Identität entwickelt, egal wer du bist. Wenn du selbst weißt, wer du bist, kannst du gut durchs Leben gehen. Mein Bruder zum Beispiel sagt immer, man solle sich nicht von Deutschland wünschen, dass die Vorurteile aufhören, man muss auch sich selbst gegenüber loslassen und nicht mehr in Farben denken. Er thematisiert das einfach nicht jeden Tag und er bezieht vor allem nicht alles, was in seinem Alltag passiert auf seine Hautfarbe. Ich denke wenn man seinen eigenen Weg gefunden hat, macht das schon sehr viel aus, wie man auftritt und welche Reaktion man bekommt.

Warum glauben Sie, werden Afrikaner als unzivilisiert und ungebildet gesehen?

J: Ich denke, das ist einfach das Bild, das uns vermittelt wird. Das Afrikabild in Deutschland ist ein sehr negatives, es ist geprägt von Armut und Hunger. Wenn wir dieses Bild gezeigt kriegen, dann kennen wir auch nur das. Die Schönheit des Landes wird selten gezeigt. Und es gibt schon Fortschritte, aber von denen wird nicht berichtet. Die Menschen sollten offener sein im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen.

Also muss Afrika mit dem Westen gleichziehen?

J: Ich denke nicht, dass die europäische oder auch die deutsche Demokratie in ganz Afrika anwendbar ist. Afrika ist viel zu groß und unterschiedlich. In vielen afrikanischen Ländern herrscht eine ganz andere Mentalität, ich könnte Ghana niemals mit Eritrea vergleichen. Da muss jedes Land individuell seinen Weg finden. Wir reden ja auch nicht von Europa, wenn wir Deutschland meinen. Die afrikanischen Länder haben ein riesengroßes Potenzial. Es gibt zwar noch immer ein Abhängigkeitsverhältnis, doch von Unterentwicklung kann man in vielen afrikanischen Ländern schon lange nicht mehr sprechen.

Sie sind also der Meinung, dass sich der Westen aus den politischen Konflikten Afrikas heraus halten sollte?

J: Ja, aber das ist schon ein längerer Abnabelungsprozess. Solidarität und Mitverantwortung spielen da eine große Rolle. Man muss sich aber langsam davon distanzieren, dass der Westen immer und überall mitmischt und wirklich selbstständig werden. Es ist aber ein sehr langer Prozess dorthin und ohne eine veränderte Weltpolitik und Wirtschaftspolitik wird es nicht funktionieren.

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