Zerstörerische Sucht: Wenn Alkohol das Leben bestimmt

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Michael Schütte (links) von der "Caritas" im Gespräch mit Redaktionsleiter Bertram Lenz

Wie sollte sich das Umfeld verhalten? / Gespräch mit Michael Schütte, Bereichsleiter im "Caritas"-Zentrum für Sucht- und Drogenhilfe

Fulda - Die Corona-Krise hat bei vielen Menschen zu Verunsicherung und Ängsten geführt, das Ungewisse macht ihnen zu schaffen. Und oftmals ist es dann der Alkohol, zu dem gegriffen wird, um die Situation zu bewältigen. Grund genug, mit Michael Schütte, Bereichsleiter im „Caritas“-Zentrum für Sucht- und Drogenhilfe beim „Caritasverband für die Regionen Fulda und Geisa“, generell über die Alkoholproblematik zu reden. Denn die Sucht ist imstande, nicht nur den Einzelnen zu zerstören, sondern auch dessen familiäres und gesellschaftliches Umfeld.

Schleichende Abhängigkeit

Aus medizinischer Sicht gelten eine tägliche Menge von über zwölf Gramm reinen Alkohols bei Frauen und 24 Gramm bei Männern bereits als bedenklicher Konsum. Dabei entwickelt sich Alkoholismus meist schleichend, die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit dauert im Durchschnitt zehn Jahre. Nicht unterschätzt werden darf auch, welches Vorbild Eltern, die zur Flasche greifen, für ihre Kinder und deren späteres Trinkverhalten sind. Die Gründe, warum Menschen immer wieder zu viel Alkohol trinken, sind unterschiedlich. Manche trinken, um Ängste und Hemmungen zu überwinden, um schlafen zu können, Stress abzubauen, bei Konflikten und Unsicherheit, bei Depressionen und vielem mehr.

Eine spezifische Trinkerpersönlichkeit gibt es nicht, unterstreicht Schütte und verweist darauf, dass sich eine Abhängigkeit auf ganz unterschiedliche Art und Weise entwickeln kann. Eine erste Typologie von Menschen mit Alkoholproblemen wurde 1960 von Elvin Jellinek erarbeitet: Während es sich bei den „Konflikt-, Erleichterungs- und Problemtrinkern“ sowie den „Gelegenheitstrinkern“ um Vorstufen der Krankheit handelt, erfüllen „Rauschtrinker“, „Gewohnheits-/ Spiegeltrinker“ und die „Quartalssäufer“ beziehungsweise „episodischen Trinker“ die Kriterien der Abhängigkeit im engeren Sinne (siehe auch „Hintergrund“). Viele Betroffene merken, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, wenn sie beginnen, Alkohol zu verstecken beziehungsweise heimlich zu trinken und wenn das Denken nur noch um den nächsten Schluck kreist. Möglicherweise auch nur, um Entzugserscheinungen zu lindern und wieder funktionieren zu können.

Sich einmischen

Wie aber sollte sich das Umfeld verhalten, wie Familie, Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen? Schütte: „Nichts zu sagen und weg zu schauen, ist ein großer Fehler. Denn dann wird man schnell zum Co-Abhängigen“. Der Sucht-Experte der „Caritas“ plädiert vielmehr dafür, den Betroffenen gleich mit der Situation zu konfrontieren und ihm die Stirn zu bieten, auch wenn es peinlich werden könnte und weh tut. „Den Deckel drauf zu halten, hilft nicht wirklich“. Denn man müsse sich eines stets vor Augen halten: „Dem Süchtigen geht es bei seinem Trinken eigentlich gut. Nur seinem Umfeld geht es schlecht“. Und was ist eigentlich mit denjenigen, die erfolgreich eine Entziehung mitsamt anschließender Reha absolviert haben und nun „trocken“ sind? „Diese Menschen sollten in der ersten Phase der Nachsorge die Suchtberatung aufsuchen und parallel dazu sich nach einer Selbsthilfegruppe umschauen“, rät Schütte. Es könnte sein, dass man die Treffen verschiedener Gruppen wie „Kreuzbund“, „Freundeskreis“, „Guttempler“ oder „Anonyme Alkoholiker“ besuchen müsse, um die passende zu finden. „Die Chemie muss stimmen“, weiß der Suchtexperte. Der im Übrigen nichts vom „kontrollierten Trinken“ hält: „Das kann nicht gelingen“, so Schütte. Und fügt auf die entsprechende Frage hinzu, dass er es am liebsten sähe, wenn jegliche Werbung für Alkohol verboten würde. „Die Werbung spiegelt vor, als seien die trinkenden Menschen alle jung, schön und erfolgreich. Aber wenn man trinkt, ist man schnell das Gegenteil davon“.

Rubriklistenbild: © Lewinski

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