Wenn Retter sich bedroht fühlen

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Neben Rettungssanitätern sind immer auch Feuerwehrleute das Ziel aggressiven Verhaltens 

Zunehmende Gewalt und Aggressionen machen Mitarbeitern im Rettungsdienst zu schaffen / Spezielle Schulungen

Fulda - Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo in Deutschland Rettungskräfte während ihres Einsatzes angepöbelt oder tätlich angegriffen werden. Wobei es sicherlich eine hohe Dunkelziffer von nicht angezeigten Fällen körperlicher Gewalt gibt. Und nicht wenige Betroffene quittieren den Dienst, weil ihnen das aggressive Verhalten ihnen gegenüber zu viel wird. Machen die Retter in unserer Region ähnliche Erfahrungen? „Fulda aktuell“ hat nachgehakt.

Das sagt der Landkreis

Zunächst die Stellungnahme des Landkreises Fulda: „Der Landkreis Fulda ist zuständig für den bodengebundenen Rettungsdienst. Er hat hierzu das ,DRK Fulda‘, das ,DRK Hünfeld‘ sowie den ,Malteser Hilfsdienst‘ beauftragt. Fälle von Bedrohungen und Beleidigungen gegenüber Mitarbeitern im Rettungsdienst werden uns als Träger des Rettungsdienstes gemeldet. Hierzu gehen bei uns circa fünf Meldungen im Jahr ein. Dem Landkreis Fulda ist wichtig, dass bei solchen Vorfällen regelhaft die Polizei informiert wird, um eine eventuelle strafrechtliche Ahndung zu gewährleisten. Daneben ist dieses Thema seit 2016 vom Landkreis Fulda als fester Bestandteil der jährlichen Schulungen für die Mitarbeiter im Rettungsdienst implementiert worden. Inhalte sind dabei Eigensicherung, Deeskalation und Maßnahmen in Konfliktlagen.“

Das sagen die Malteser

Wie Dirk Rasch, Leiter des Rettungsdienstes und der Notfallvorsorge bei den „Maltesern“ ausführt, „konnten in der gesamten Diözese Fulda (also inklusive Fulda, Marburg-Biedenkopf und Schwalm-Eder-Kreis) keine Meldungen in Bezug auf Aggressivität gegenüber Rettungsdienstfachpersonal verzeichnet werden“. Ebenso fehle in diesem Bereich auch die Möglichkeit eines Vergleiches, da in Hessen solche Vorkommnisse erst seit Februar 2019 zentral beim Ministerium erfasst werden.

Rasch: „Wenn wir von Rettungsdienstfachpersonal sprechen, dann meinen wir die Berufe im Rettungsdienst, also Rettungssanitäter, Rettungsassistenten, Notfallsanitäter und Notärzte. Die Ausbildungen und Fortbildungen unterscheiden sich. In jeder Ausbildung sind Inhalte zum Eigenschutz und zum Umgang mit belastenden Erlebnissen, Kommunikations- sowie Deseskalationstechniken enthalten“. In den Jahresfortbildungen werde regelhaft in dem Sektor nachgeschult. Der Umfang unterscheide sich je nach Qualifikation. Jeder Mitarbeiter der „Malteser“ verfüge über Sonderschulungen zu Demenz und sexualisierter Gewalt. „Dies unterscheidet uns von anderen Leistungserbringern im Rettungsdienst“.

Das sagt das DRK

Eike Maxin, Geschäftsbereichsleiter Rettungsdienst beim Kreisverband Fulda des „DRK“, spricht von Brisanz, die das Thema „Gewalt gegen Rettungskräfte“ in sich berge. Seit mehreren Jahren monitore nicht nur das „DRK“, sondern sogar überregional nahezu alle Leistungserbringer diese Problematik mit unterschiedlicher Herangehensweise. Maxin: „Der ,DRK‘-Landesverband Hessen hat im Juni mit einer anonymen Fallerhebung begonnen, um valide und belastbare Fakten diesbezüglich zu sammeln. Wir halten diesen Schritt für notwendig und einzig richtig. Spekulationen und nichtbelastbares Hörensagen sind gerade in diesem Bereich fatal“.

Für den „DRK-Landesverband Hessen“, Bereich Rettungsdienst, nimmt Bereichsleiter Günter Ohlig Stellung: "In der gesamten Gesellschaft ist eine zunehmende Gewaltbereitschaft offensichtlich. Hier bildet der Rettungsdienst keine Ausnahme. Dennoch ist es notwendig zu differenzieren, was unter Gewalt verstanden wird. Wendet man einen weiteren Gewaltbegriff an, versteht man also beispielsweise bereits verbale Attacken als eine Form von Gewalt, so hat diese erheblich zugenommen und nimmt weiter zu. Begrenzt man den Gewaltbegriff auf körperliche Gewalt oder gar Gewalt mit Waffen, so ist zwar auch hier eine zunehmende Tendenz feststellbar. Dennoch sind diese Ereignisse – zum Glück – noch Einzelfälle. Einzelfälle, die aber – durchaus berechtigt – dann auch Aufsehen erregen“.

Schutz im Sinne von besonderer Sicherheitskleidung, sei nur ein vermeintlicher Schutz. Schuss- oder stichsichere Westen vermittelten zwar möglicherweise ein zusätzliches (vermeintliches) Sicherheitsgefühl. Denn ihre Wirkung beschränke sich auf den Oberkörper – Beine, Arme und Kopf blieben weiter ungeschützt. Zudem schränkten solche Westen die Beweglichkeit des Rettungsdienstpersonals erheblich ein und seien in einzelnen Versorgungssituationen absolut nicht praktikabel. Darüber hinaus seien Rettungsdienstmitarbeiter keine Sicherheitskräfte, ihre Arbeit basiere auf einem Vertrauensverhältnis zwischen Patient/Angehörigen und dem Rettungsdienst. Aus diesem Grunde stehe man einer Aufrüstung des Rettungsdienstes kritisch gegenüber. Ohlig: „Wir lassen unsere Mitarbeiter dennoch nicht mit der Veränderung der gesellschaftlichen Situation alleine. Bereits seit mehreren Jahren haben wir in Kooperation mit den Krankenkassen und dem Hessischen Ministerium für Soziales und Integration zusätzliche Fortbildungsmaßnahmen zur Frage der zunehmenden Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft implementiert.“ Hierbei lege man den Schwerpunkt auf Schulung in Deeskalationsmaßnahmen und Rückzugsverhalten.

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